Zeitung Heute : Wenn Krieg neuen Frieden stiftet

PETER BECKER

Blutspuren in Nordirland oder im Baskenland galten meist nur als Randflecken auf Europas neuer blütenweißer Weste, und spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges, das auch das Finale der Nachkriegszeit markierte, sollte die Vorstellung eines Waffengangs auf diesem Kontinent nur noch Science-fiction sein.Immanuel Kants vor 200 Jahren auf das menschliche Naturrecht und die republikanische Vernunft gegründete Idee des "ewigen Friedens" schien zumindest in Europa nach zwei (europäischen) Weltkriegen zum zivilisatorischen Selbstverständnis zu gehören.Schon die beiden ersten Balkan-Kriege und das Versagen angesichts der dreijährigen Belagerung Sarajevos raubten der europäischen Gemeinschaft diese ideale Unschuld.Jetzt im Kosovo- und Jugoslawienkrieg aber steigt tagtäglich der Bedarf an wechselseitiger Rechtfertigung, an weiterer Legitimation.

Plötzlich korrespondieren wieder die Sphären von Macht und Geist: Verteidigungsminister Scharping zitiert Dichter und Denker als Zeugen für die moralischen Maximen militärischen Handelns; Hans Magnus Enzensberger, der Schriftsteller, sorgt sich um die Bewaffnung der UCK; sein ungarischer Kollege György Konrád setzt NATO-Piloten und Milosevic-Schergen als Täter fast gleich, und der Philosoph Jürgen Habermas plädiert für "sensible" Konsequenzen einer gerechtfertigten Selbstermächtigung der NATO.Dagegen spielen anti-amerikanische Affekte heute, im kulturellen juste milieu, kaum mehr eine Rolle.Allein Peter Handke, der einem All- und Alt-Jugoslawien nachtrauert, sowie Teile der ehemaligen Friedensbewegung und PDS-Anhänger verurteilen NATO-Bomben bedingungslos: ohne Anklage der Vertreibungen und Massenmorde.

In diesem intellektuellen Begleit-Diskurs dämmert allmählich erst die Erkenntnis, daß alle Überlegungen zum Völkerrecht, zur praktischen Effizienz und moralischen Verhältnismäßigkeit nicht mehr reichen, das Ende der Nichtkriegszeit in Europa zu bedenken.Eben erst hat der Münchner Philosoph Robert Spaemann auf mancherlei Begriffsverwirrungen und Selbsttäuschungen hingewiesen.Es gilt wieder zu begreifen, daß der Krieg als Mittel der Politik auch auf europäischem Boden keine Chimäre mehr ist und auch kein Gespinst bloß der Lüfte.Es gibt keinen klinisch reinen Krieg, nur immer einen blutig schmutzigen; fast immer sind die Mehrheit der Opfer Zivilisten, und schon in der "Hermannsschlacht" des preußischen Offiziers und Dichters Heinrich von Kleist kann man erfahren, daß selbst der Freiheitskrieg die Befreiten zu vernichten droht.Aus der Erkenntnis freilich folgt, angesichts gegenkriegerischer Gewalt, noch kein friedvoller, gar pazifistischer Ausweg.Meist stiftet erst Krieg neuen Frieden: Darin liegt das Absurde aller Geschichte - und eine urmenschliche Tragödie.Das Tragische aber kennt seit seiner Entdeckung im griechischen Drama (unweit des heutigen Krieges) nur Wege, die keine Auswege sind.Dieses Bewußtsein eines Handlungs-Dilemmas ist eine genuin europäische Existenzerfahrung, der amerikanischen Kultur mit ihrem Zweckoptimismus eher fremd.

Auch das Balkan-Drama bedarf irgendwann einer europäischen Lösung.Das wünschen sich, nicht zuletzt, die Amerikaner.Und Zukunft, sagte der sarkastische Heiner Müller, entstehe "aus dem Dialog mit den Toten".Angesichts einer Viertelmillion Toter in den letzten sieben Jahren müßte dieser "Dialog", den Kreislauf der Blutrache auf dem Balkan zu stoppen, zu einem europäischen Projekt gemacht werden.Es wäre als Verheißung und Brückenschlag ein Projekt für die Intelligenz des alten Kontinents: unterstützt von Politik und Wirtschaft der Anfang einer neuen Nachkriegszeit.

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