Zeitung Heute : Wenn Macht korrupt macht

Die Japanalogin Verena Blechinger-Talcott erforscht gesellschaftliche Abgründe

Felicitas Aretin

Der Weg von Deggendorf nach Tokio kann weit oder nahe liegend sein, je nachdem von welchem Blickpunkt man die Sache betrachtet. Für Verena Blechinger-Talcott konnte die Entfernung von ihrem Geburtsort nach dem Abitur nicht groß genug sein, weshalb sie sich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München nicht nur für Politikwissenschaften, sondern auch für Japanologie einschrieb. Als Auslandskorrespondentin wollte sie aus fernen Ländern berichten. Doch es kam anders.

„Die Analyse von Machtstrukturen hat mich schon immer gereizt“, erzählt die ehemalige Klosterschülerin, die den gesellschaftlichen Umgang mit Einfluss jahrelang bei den Benediktinern und ihrem niederbayerischen Heimatdorf beobachten konnte. „In kleinen oder relativ geschlossenen Gesellschaften tritt das Spiel mit Macht viel deutlicher zu Tage“, weiß sie. So verwundert es wenig, dass Verena Blechinger-Talcott in ihrer Dissertation ein Thema wählte, das sich mit gesellschaftlichen Abgründen beschäftigte, in ihrem Falle der Korruption. „In der Zeit von 1955 bis 1993 regierte in Japan als einzige Partei die wirtschaftsnahe Liberal-Demokratische Partei (LDP), die im Laufe der Jahre vermehrt von Skandalen erschüttert worden ist“, beschreibt die 39jährige Japanologin die damalige politische Situation. In ihrer 1997 in München verteidigten Dissertation vertritt sie denn auch die These, dass sich die Korruption von den Eliten nach unten ausgebreitet habe. „Die Korruption in Japan wurde durch eine enge Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Bürokratie begünstigt“, so Verena Blechinger-Talcott. So sei es üblich, dass Politiker nicht nur ihre Kontakte zu Ministerien nutzten, um öffentliche Bauvorhaben in ihren Wahlkreis zu vermitteln, sondern auch den Sportlern der lokalen Fußballmannschaft neue Trikots kauften, um persönliche Beziehungen zu ihren Wählern aufzubauen und diese bei der nächsten Wahl auf ihre Seite zu ziehen. Als die Münchener Politikwissenschaftlerin Mitte der 1990er mit einem Promotionsstipendium ein Jahr in Tokio forscht, hatte Japan gerade eine wichtige Wahlrechtsreform hinter sich, die die Korruption einschränken und ein Mehrparteiensystem begünstigen sollte. „Ich erhielt von vielen japanischen Wissenschaftlern und Journalisten Hintergrundinformationen“, erinnert sie sich. Auch japanische Politiker hätten sich gerne mit ihr unterhalten, wussten sie doch, dass ein offen dargestelltes Interesse an Fragen von Korruption und politischen Reformen sich bei der nächsten Wahl positiv auswirken würde.

„Im Laufe meiner Aufenthalte in Japan hat sich das Land sehr verändert: Früher gab es Vollbeschäftigung, heute kämpft Japan mit Arbeitslosigkeit.“ So boomen – wie in westeuropäischen Städten – internationale Billigketten; Familien müssen ihr Geld zusammenhalten, für junge Leute ist es schwierig, eine Stelle zu finden. Ihre Beobachtungen über das wirtschaftlich angeschlagene Land verarbeitet sie nicht, wie einmal geplant, als Journalistin, sondern weiterhin als Wissenschaftlerin. Während ihrer fünfjährigen Tätigkeit im Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) in Tokio lernte Verena Blechinger-Talcott Japan noch intensiver kennen. Hier konnte sie sich mit ihren Arbeiten zum politischen System und den Außenbeziehungen Japans international vernetzen. „Am DIJ habe ich eine sehr befruchtende Zusammenarbeit erlebt“, erzählt sie und berichtet, wie sie regelmäßige Treffen mit international arbeitenden Sozialwissenschaftlern organisierte, die sich dort über ihre laufenden Forschungsprojekte austauschten.

Von Japan führte die stellvertretende Direktorin des DIJ ein spezielles Programm über die amerikanisch-japanischen Beziehungen an die Universität Harvard, wo sie an vergleichenden Fallstudien zur wirtschaftlichen Deregulierung und politischer Korruption in Japan, Deutschland und den USA arbeitete und dabei vor allem die Beziehungen zwischen Parteien und Interessengruppen untersuchte.

„Mein Fallstudienbuch wird bald erscheinen“, freut sich die frisch gebackene C4-Professorin für Japanologie. An der FU will sie vor allem die sozialwissenschaftliche Japanforschung wieder stärker in den Blick rücken, ihre guten Beziehungen zu Tokio für verschiedene Austauschprogramme ausbauen und den Kontakt mit japanischen und amerikanischen Kollegen intensivieren.

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