Zeitung Heute : Wenn Männer kochen …tun sie das gerne organisiert. Ein Tag am Herd mit dem Schweizer Kochklub Sargans.

Andreas Austilat

Hans kann es nicht. Musste er ja auch nie, hat ja immer seine Frau gemacht, das Kochen. Deshalb steht er jetzt hier mit seinem Blöckchen und schreibt eifrig mit. Dass man Wachteleier zum Beispiel nicht aufschlägt, sondern aufsägt, weil die kleinen Dinger viel zu weich sind. Hans nickt und notiert, denn er muss kochen, nächste Woche. Da hat er Silberhochzeit und will seine Frau überraschen. Müssen es denn ausgerechnet Wachteleier sein? Ja, sagt Hans tapfer, „ich koche das nach, genauso“, darum ist er heute in die „Kochlust“ gekommen, Berliner kulinarische Buchhandlung mit angeschlossener Lehrküche.

Eigentlich ist Hans der Normalfall. Nein, nicht in der „Kochlust“, sondern prinzipiell. Rund 80 Prozent der deutschen Männer gaben in einer Umfrage des „Iglo-Forums“ vor, nicht kochen zu können. Heute Abend aber ist Hans hier ziemlich allein mit seinem kulinarischen Unwissen. Allein zwischen Bruno, Benno, Sepp, Werner, Ronni, Jochen – die Namen stehen schwarz auf den roten Schürzen, die sie sich gerade umgebunden haben. Die sechs gehören dem Schweizer Männerkochklub Sargans an, sind eigens angereist, um sich in Berliner Küchen umzugucken.

Scharf muss die Klinge sein

Und während Hans, der Berliner, noch schreibt, hat sich Bruno, der rotbeschürzte Schweizer, ein Messer gegriffen, hält mit der einen Hand den Griff, mit Daumen und Zeigefinger der anderen die Spitze, und zack, zack, zack rattert die Klinge durch die Petersilie, dass die kleinen grünen Blätter nur so fliegen. „Ach“, sagt Bruno, während er die Petersilie zu der Masse tut, die einmal Königsberger Klopse werden sollen, „das ist doch keine Kunst, alles, was Sie brauchen, ist ein scharfes Messer“. Das wird er an diesem Abend noch öfter sagen, denn, so Bruno, „ein scharfes Messer ist das A und O in der Küche".

Dort stehen sie gar nicht so besonders oft, die Männer vom Kochklub aus Sargans. Wann auch, tagsüber gehen sie ja alle ihren Berufen nach. Bruno zum Beispiel ist im wahren Leben Bahnhofsvorsteher. Ja, geträumt habe er schon mal davon, ein Restaurant aufzumachen, später, nach der Pensionierung. „Aber das wäre viel zu viel Arbeit", kochen müsse doch Spaß machen.

Den haben die Männer aus Sargans vor allem unter sich. Am häuslichen Herd, da halten sie sich zurück, zeigen ihre Kunst vorzugsweise nur am Wochenende. Nicht, dass sie den Wettbewerb mit ihren Frauen scheuen würden, im Gegenteil. „Ich bild’ mir schon ein, besser zu kochen als meine Frau“, sagt Sepp, der eigentlich Untertage arbeitet. „Aber“, springt ihm Ronni bei, Polizist aus Liechtenstein, „wenn wir jeden Tag kochen würden, dann wär das Haushaltsgeld am 15. alle“. Männer, da sind sich die sechs einig, Männer kochen nämlich anders. Weil mehr Fleisch auf den Tisch kommt? Vielleicht auch das, aber eben nicht nur. Die meisten Frauen kochten doch, weil sie müssten. Bei ihnen aber, da sei das Hobby, da treibe man gern einmal ein wenig Aufwand. Derweil schlitzt Werner, pensionierter Berufsmilitär, die Vanilleschoten und drückt das Mark heraus. Das brauchen wir fürs Marzipanflammerie zum Nachtisch. Die Stängel kommen weg, die kann man nicht essen.

Im Alltag könnten die Sarganser mit ihrer Liebe zum Detail wohl nicht bestehen. Aber einmal im Monat zeigen sie sich gegenseitig, was sie können, kocht der ganze Klub gegeneinander an – Consommé brunoise zum Beispiel, ein Forellenmousse und Kalbsmedaillons am Kartoffelstock mit Sellerieschaum. Und wenn sich alle 14 Mitglieder an der festlich gedeckten Tafel versammeln, dann nicht nur um in der Mousse zu schwelgen, dann wird auch kritisiert: stimmt die Sauce, passt die Farbe und wessen Deko sah am schönsten aus. Spaß hin oder her, sagt Jochen, „Lebensmittel sind etwas viel zu Ernstes, da wird nicht mit gespielt. Außerdem, ein bisschen Wettbewerb darf schon sein“.

Die kochenden Männer von Sargans sind auch in Deutschland nicht ohne Beispiel. Wenn Männer am Herd stehen, dann tun sie das offenbar gerne organisiert. In beinahe jeder deutschen Stadt gibt es heute Männerkochklubs. Die Spitze der Bewegung aber, die kommt aus der Schweiz. Dort hat sich kurz nach dem Krieg die „Confédèration Culinaire Internationale de la marmite“ (CCI) gegründet. Heute gehören allein dem deutschen Ableger „CC-Club Kochender Männer in der Bruderschaft Marmite“ über 120 Klubs, nach dem Schweizer Original „chuchi“ genannt, mit rund 1300 Mitgliedern an.

Die Chuchis haben sich der Pflege von Kochkunst und Esskultur verschrieben. Da darf sich nicht jeder gleich irgendetwas in die Pfanne hauen, da braucht es seine Ordnung. Der zur Aufnahme zugelassene Neuling muss erst einmal ein Omelett backen, gelingt ihm das, darf er sich fortan Apprenti nennen und sich weitere Würden erkochen. An der Spitze steht der Grand-Maître de Chuchi, der seine Qualifikation mit einem sieben-Gänge-Menü vor einer Jury nachgewiesen hat.

Obwohl auch aus der Schweiz, so streng sind die Sarganser nicht, die Aufnahme in den CCI haben sie nie angestrebt. Als Jochen Manig seinen Klub vor 27 Jahren gründete, ging es ihm nur um die kreative Geselligkeit. Und weil der Mann zwar Koch gelernt hatte, in diesem Beruf aber nicht sein Auskommen fand, wollte er wenigstens privat sein Können nutzen. Manig fand ein Dutzend Gleichgesinnter, die sich wie er leidenschaftlich für Kochbücher interessieren und vor keiner Küche halt machen können. „Denn“, sagt er, „darauf kommt es an, auf die Neugierde“.

Zum Würzen braucht es Mut

Die brauchen sie auch, zu den wichtigsten Regeln ihrer monatlichen Menüzusammenkünfte gehört, dass kein Essen zweimal auf den Tisch kommt. Und deshalb zieht es die Sarganser auf Reisen stets in fremde Küchen, da können sie nicht widerstehen, ganz egal, ob es sich um eine chinesische Garküche oder um ein französisches Spitzenrestaurant handelt, sie müssen in die Töpfe gucken. Einmal im Jahr macht sich der Klub gemeinsam auf, um regionale Küchen kennen zu lernen. Auf die Berliner „Kochlust“ kamen sie durch einen Zeitungsartikel in der Schweiz.

Nun stehen sie also hier, in der Küche und sind dazu verurteilt, hauptsächlich nur zu gucken. Denn heute Abend, in der „Kochlust“, führt Tom, der Kursleiter, Regie. Tom drückt Ingwer für die Hechtklößchen durch ein Tuch. Tuch ist wichtig, sagt er, damit hinterher keine Ingwerstückchen in der Suppe schwimmen. Anschließend hält er einen kurzen Vortrag darüber, warum die Zwiebeln für die Klopse zehn Minuten schwitzen müssen (damit sie viel Flüssigkeit abgeben) und der Hecht für die Klößchen gut gekühlt sein sollte (damit er sich besser verarbeiten lässt). Ein bisschen sehen die sechs Schweizer in ihren roten Schürzen so aus, als ob sie Tom gern mal den Löffel aus der Hand nehmen würden. Aber das ließe der wahrscheinlich nicht gern zu. So beschränkt man sich aufs Fachsimpeln übers Würzen („da braucht man Mut zu und Fantasie“) oder über die Größe des Desserts („hübsch darf es sein, aber nicht üppig“). Für alles andere hat man ja zu Hause noch Zeit, wenn man sich in Sargans zum Berliner Abend treffen wird. Und Hans, der Berliner mit der Silberhochzeit, der immerzu mitschreibt? Der spricht plötzlich über Kesselgulasch. Das sei nämlich das einzige, was er könne, das habe er mal bei einem Kochkurs in Ungarn gelernt.

Nun, nächste Woche wird er kein Kesselgulasch machen. Nächste Woche sägt Hans Wachteleier auf für den winzigen Strammen Max als Vorspeise. Hinterher gibt es Hechtklößchensuppe, Königsberger Klopse mit Rote Bete-Kartoffelpüree und, wenn alles gut geht, Marzipanflammerie zum Dessert. Ist ja nur einmal Silberhochzeit.

Kochlust, Alte Schönhauser Straße 36/37, www.kochlust-berlin.de , Tel.: 246 388 83

CC-Klub kochender Männer, www.cc-club-kochender-maenner.de

CC-Klub Berliner Bär, Wulf Nebendahl,

Bitterstraße 19, 14195 Berlin

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