Zeitung Heute : Wenn Nachhilfe nicht weiterhilft

Die Lerntherapie vermittelt Methoden und Strategien, mit denen Schüler das Lernen erlernen

Katja Gartz

Um ihre Schüler fit für den Beruf zu machen, setzt sich Schulleiterin Renate Vercrüße nicht nur für Berufsberatung und Betriebspraktika, sondern auch für die Stärkung der Grundkenntnisse in Mathematik und Deutsch ein. „In der siebenten Klasse können Lernrückstände noch aufgeholt werden“, sagt die Leiterin der Breitscheid-Hauptschule in Moabit. Damit die Schüler in Grundrechenarten, in der Rechtschreibung, bei Textarbeit und Lesen stark werden, kooperiert die Schule mit einem Lerntherapeuten. Matthias Raudat vom Memory Instituts für prozessorientierte Lerntherapie schulte die Lehrer der Breitscheid-Schule für das Programm „Eine Förderstunde pro Tag“.

Seit einem Jahr lernen Siebent- und Achtklässler, einzelne Lernschritte bewusst wahrzunehmen, Aufgaben selbstständig zu bearbeiten und eigene Lösungswege zu finden. Machen die Schüler Fehler, sollen die Lehrer herausfinden, wie sie entstehen. In jeder Förderstunde lesen die Schüler einfache Sätze, zu denen der Lehrer Fragen stellt: Wie viele Wörter hatte der Satz? Welche Begriffe werden großgeschrieben, welche klein? Wie unterscheidet man Nomen, Verben und Adjektive? „Wir machen gute Erfahrungen mit dem Programm, die Leistungen der Schüler verbessern sich“, sagt die Schulleiterin. In einer schriftlichen Befragung bestätigen die Schüler, dass ihnen die Förderstunde hilft. Die Schulung der Lehrer finanzierte der Förderverein der Breitscheid-Schule. Das Programm wird im kommenden Schuljahr fortgesetzt.

Angela Hartmann, Lehrerin an dem Spandauer Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, machte ebenfalls positive Erfahrungen mit der Methodik der Lerntherapie. Über acht Wochen integrierte sie eine Doppelstunde pro Woche mit dem Ziel, Schülern ihrer fünften Klasse Lernstrategien zu vermitteln. Die Stunden des so genannten Primusprogramms leiteten die Lerntherapeuten Matthias Raudat und Jens Lauer. Nachdem sie die Schwächen der Schüler herausgefunden haben, üben sie gemeinsam das bewusste Lernen. Vermitteln Methoden, Techniken und Strategien, mit denen man den Inhalt von Texten erfasst und Vokabeln lernt – zum Beispiel anhand von kurzen Geschichten, die man als Eselsbrücken für fremde Wörter nutzen kann. „Das ist eine sinnvolle Sache, durch das verkürzte Abitur brauchen die Schüler effektive Lerntechniken“, sagt die Deutsch- und Chemielehrerin Angela Hartmann. Das Programm finanzierten die Eltern.

Um die schulischen Leistungen zu verbessern, besuchen viele Schüler monate- oder jahrelang Nachhilfestunden. Doch nicht immer helfen diese auch wirklich. Susanne Schneidereit aus Zehlendorf, Mutter zweier Söhne, musste das feststellen. Der 14-jährige Steven hatte in mehreren Fächern schlechte Zensuren, trotz unzähliger Nachhilfestunden. Als er vor einem Jahr mit einer Lerntherapie anfing, erfuhr er, dass es bei ihm nicht an mangelnder Intelligenz haperte, sondern dass er sich nicht konzentrieren kann, Aufgaben ungenau liest und falsch versteht. Einmal pro Woche übt er mit einer Lerntherapeutin des Memory Instituts in einer kleinen Gruppe Lernfertigkeiten, Motorik und „Braingym“ mit Rätseln. Die Therapeutin begleitet die Schüler bei ihren Aufgaben, die das sprachliche und mathematische Verständnis sowie die räumliche Vorstellungskraft trainieren. Wissen die Schüler nicht weiter, bringt die Therapeutin sie mit Fragen dazu, die Lösung selbst zu finden. Ist im Gegensatz zu den Schulsachen beispielsweise im Kinderzimmer alles, was zum Kaninchen gehört gut sortiert, bringt die Lerntherapeutin die Sachen für das Haustier durcheinander. Der Schüler stellt fest, dass er nichts wiederfindet und überträgt diese Erfahrung. „Diese Transferleistung ist ein entscheidender Prozess bei der Lerntherapie“, sagt Lehrer und Therapeut Matthias Raudat.

Steven konnte seine Noten bereits verbessern. Der Realschüler hat inzwischen eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten. „Er hat gelernt sein Wissen zu nutzen, sich zu konzentrieren und sich selbst einzuschätzen“, berichtet Mutter Schneidereit. Anders geht es seinem 16-jährigen Bruder David. Ihm fehle die Motivation, Schule sei ihm nicht wichtig. „Die beste Therapie bringt nichts, wenn die Schüler nicht wollen und nicht mitmachen“, sagt Raudat. Geeignet ist die Lerntherapie auch für Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) und mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungung (ADHS). „Die ruhigen, eher langsamen Schüler lernen, wie sie Nachteile ausgleichen, die hyperaktiven vor allem, wie sie strukturiert und ordentlich arbeiten“, erklärt Raudat. Da sie sich gut ergänzten, würden ADS- und ADHS-Kinder gemeinsam bei einer Lerntherapie große Fortschritte machen.

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