Zeitung Heute : Wenn nichts mehr ist wie vorher

Eine Schädigung des Gehirns kann jeden treffen, sei es durch Unfall oder Infarkt

Volker Pieper

Uwe M. war ein glücklicher Mensch. Er liebte seine Frau, seine Kinder und seinen Beruf. Dann, mit Mitte 40, passierte es: Er erlitt einen Herzinfarkt. Er konnte zwar wiederbelebt werden, aber sein Gehirn war zu lange unterversorgt, so dass Folgeschäden blieben. Nichts war mehr wie vorher. Er konnte weder sprechen, noch essen, noch laufen.

Sein Schicksal ist kein Einzelfall. So etwas passiert jeden Tag. Ein Mensch wird aus seinem gewohnten Leben gerissen, weil sein Gehirn zum Beispiel durch einen Verkehrs-, Arbeits- oder Sportunfall Verletzungen erleidet. Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Hirnblutung sind weitere mögliche Ursachen. Fachleute schätzen die Zahl der Betroffenen jährlich auf etwa 500 000. Die Folgen können beträchtlich sein. Sie hängen davon ab, welcher Teil des Gehirns betroffen und wie stark die Schädigung an dieser Stelle ist. Die Dauer der Bewusstlosigkeit ist ein erster Indikator für den Grad der Schädigung. Der betroffene Ort im Gehirn lässt Voraussagen zu, in welchen Bereichen des täglichen Lebens aller Wahrscheinlichkeit nach Schwierigkeiten auftreten werden. Nach erworbenen Hirnschädigungen können zum Beispiel motorische Störungen mit Einschränkungen der Grob- und Feinmotorik, Koordinationsstörungen, schwere Körperbehinderungen, Einschränkungen der Körpersensibilität, Gleichgewichtsprobleme, Verminderungen des Hör- und Sehvermögens sowie Sprach- und Sprechbeeinträchtigungen auftreten.

Die Phase der intensiven medizinischen Rehabilitation der Patienten ist befristet, und es stellt sich die Frage, wie es danach weitergeht. Die Betroffenen sind häufig noch nicht in der Lage, wieder zu Hause zu leben und zu arbeiten. Sie sind oft auch noch stark von pflegerischen Hilfestellungen abhängig. Die wenigsten Heime und Tagespflegeeinrichtungen sind derzeit auf Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen und ihren speziellen Förder- und Pflegebedarf eingestellt. „Trotz der Häufigkeit dieses Krankheitsbildes gibt es in Deutschland nach der medizinischen Akutbehandlung und der Rehabilitation noch nicht genügend qualifizierte Betreuungsangebote für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen“, bestätigt Dr. Günther Wienberg, im Bethel-Vorstand zuständig für diesen noch jungen Arbeitsbereich.

Für die Versorgung und fördernde Betreuung haben die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel als eine der wenigen spezialisierten Einrichtungen in Deutschland ein differenziertes Angebot entwickelt. „Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen sind nicht geistig behindert oder psychisch erkrankt und benötigen darum ganz andere Hilfen“, so Dr. Wienberg. Das Spektrum der Hilfen, das Bethel entwickelt hat, ist breit und reicht von einer barrierefreien Unterkunft bis hin zu gezielten Therapie- und Fördermaßnahmen. Letztere orientieren sich an den Herausforderungen des Alltags und haben zum Ziel, die Selbstständigkeit zu fördern.

Wie man in Fällen erworbener Hirnschädigungen konkret vorgeht, ist seit kurzem im Haus Rehoboth in Bielefeld-Eckardtsheim zu beobachten. Dort hat Bethel für knapp drei Millionen Euro – das Geld stammt überwiegend aus Spendenmitteln – ein bestehendes Gebäude bedarfsgerecht renoviert. 45 Einzelzimmer gibt es dort. Die gesamte Einrichtung ist barrierefrei. Ein Wohnbereich ist so ausgestattet, dass Menschen mit Orientierungsschwierigkeiten dort sicher leben können. Die Bewohnerinnen und Bewohner erhalten einen individuellen Therapieplan. Zu den Maßnahmen gehören zum Beispiel Kommunikations-, Gedächtnis- und Konzentrationstraining sowie Hilfen bei der Überwindung sensorischer und motorischer Einschränkungen. Da die Schädigung des Gehirns häufig mit einer Störung des Sozialverhaltens sowie des Gefühlslebens einhergeht, gehören die neuropsychologische Therapie und die Angehörigenarbeit zu den Schwerpunktangeboten im Haus Rehoboth. Neben den Einrichtungen in Bielefeld unterhalten die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel Hilfeangebote für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen in Hagen-Breckerfeld und Düsseldorf. „Ziel der Therapien ist, verloren gegangene Fertigkeiten möglichst wieder zu erlernen oder zu kompensieren sowie berufliche Fähigkeiten neu zu entdecken“, sagt Dr. Günther Wienberg.

Das Ziel wurde bei Uwe M. weitgehend erreicht. Die Familie hatte ihn nach seinem Herzinfarkt in die Obhut einer Betheler Facheinrichtung gegeben. Inzwischen kann er wieder gehen, alleine essen und lesen. Ohne Unterstützung geht es noch nicht, aber er nimmt aktiv und mit Freude Anteil am Leben. Dr. Wienberg: „ Es gibt keinen Menschen, der sich mit Hilfe einer fachgerechten Therapie nicht weiterentwickeln könnte.“

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