Zeitung Heute : Wenn Politik zur Show wird

Gianpietro Mazzoleni untersucht, wie Politik und Unterhaltung sich im Fernsehen zu „pop politics“ verbinden – und wie das bei den Zuschauern ankommt

Sabrina Wendling
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Zu Besuch inFoto: picture alliance / dpa

Politiker als Popstars – in den USA ist diese Doppelrolle keineswegs neu. Nicht nur, dass mit Ronald Reagan in den achtziger Jahren ein Schauspieler an der Spitze der Vereinigten Staaten stand oder Arnold „The Terminator“ Schwarzenegger als kalifornischer Gouverneur regierte. Selbst Politiker ohne Promi-Faktor inszenieren sich im Wahlkampf wie eine Diva auf dem Popkonzert. Sie treten in Fernsehsendungen auf, flachsen mit den Moderatoren und nehmen es sogar in Kauf, wenn sie durch den Kakao gezogen werden. Den Trend der Politiker, sich den Wählern über Medien möglichst unterhaltsam zu verkaufen, nennt Gianpietro Mazzoleni „pop politics“.

Gianpietro Mazzoleni ist Professor für die Soziologie der Kommunikation und Politische Kommunikation an der Universität in Mailand. Derzeit erforscht er als Gastprofessor am Institut für Publizistik– und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität die Verbindung von „Politik“ und „Entertainment“, die seiner Meinung nach schon vor einigen Jahren eine „glückliche Ehe“ eingegangen sind und sich zum „Politainment“ vereinigt haben. Dabei vergleicht er die Wirkung dieser Sendungen auf das Publikum in den USA, Großbritannien, Italien und Deutschland. „Diese Paarung von Politik und Unterhaltung ist bei den Zuschauern beliebt, denn eigentlich komplexe Themen, die viele Menschen nicht direkt mit ihrem Alltag verknüpfen können, werden durch die Medien – besonders das Fernsehen – wieder als interessante Themen wahrgenommen – und auf einmal ist die Politik unterhaltsam.“ Mazzoleni nennt diesen Trend „pop politics“, als Kurzform für „populäre Politik“.

In den USA und in Großbritannien sind politische Sendungen mit Unterhaltungsfaktor längst Quotenkönige. In den Vereinigten Staaten ist Jon Stewart mit seiner launigen „Daily Show“ ein besonders beliebtes Beispiel: Als US-Präsident Barack Obama im Oktober 2010 das Studio betritt und den Moderator mit seinem demonstrativ kumpelhaften Handschlag begrüßt, ertönen Jubelschreie und Applaus, eine gute halbe Minute lang. „Das ist immer so“, sagt Moderator Jon Stewart betont gelangweilt – und Obama lacht. Mit Jon Stewart sitzt ihm nicht ein unterwürfiger Protokollant gegenüber, sondern ein frecher Frager auf Augenhöhe. Stewart zieht den Präsidenten nicht durch den Kakao – er gießt ihm lieber Wasser aus seiner eigenen Tasse in die extra schicke Präsidententasse ein. Die Talkshow wird zu einer Rechtfertigungsrede Obamas über seine Politik der letzten Monate, die Anstrengungen zur Rettung des Finanzmarktes und über enttäuschte Wahlversprechen. Präsident und Moderator sticheln sich gegenseitig an, lachen miteinander und liefern dem Zuschauer ein unterhaltsames politisches Pingpong-Spiel.

In Deutschland muss man solche humorigen Sendungen mit Beteiligung politischer Akteure bislang noch mit der Lupe im Fernsehprogramm suchen – Politik und Humor sind bestenfalls in der Annäherungsphase. Im Jahr 2006 nahm die ehemalige Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, Heide Simonis, an der Tanzshow „Let's Dance“ teil, Guido Westerwelle stattete der Sendung „Big Brother“ im Jahr 2000 noch als Generalsekretär der FDP einen halbstündigen Besuch ab und brachte den Container-Insassen einen Fresskorb mit. Großes Politainment ist das noch nicht. Vergleichbar mit den britischen und amerikanischen Sendungen wäre wohl ein Modell, in dem etwa Harald Schmidt eine Polit-Talkshow moderiert oder Thomas Gottschalk Politiker als Wettkandidaten einlädt. Würde sich beispielsweise Angela Merkel durch das „Dschungelcamp“ schlagen, so wäre das „pop politics“ in seiner Höchstform.

Mazzoleni geht es in seinen Studien nicht darum, die journalistische Qualität solcher Sendungen zu beurteilen. Er erforscht, wie die Sendungen auf Zuschauer wirken und welches Wissen sie daraus ziehen. In allen vier Untersuchungs-Ländern verschickt er Fragebögen an jeweils 1000 Fernsehzuschauer, von denen er wissen möchte, welche politische Bildung sie mitbringen, welche Sendungen sie sich anschauen, wie ihnen diese TV-Beiträge gefallen, und welche Informationen sie aus den unterhaltsamen Sendungen hinzugewinnen. In einer Sache ist sich Mazzoleni jetzt schon sicher: „Politainment bietet die Chance, dass Menschen, die sich sonst nicht für Politik interessieren, über politische Ereignisse informiert werden. Es ist auch ein neuer Weg für Politiker, um mit ihren Wählern in Kontakt zu bleiben.“

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