Zeitung Heute : Wenn Schüler mehr wissen als der Lehrer

PEER HEINLEIN

BERLIN .Wenn am Nachmittag Ruhe in der Moabiter Menzel-Schule einkehrt, legt eine Gruppe im Informatik-Raum erst richtig los.Bei Tee und Keksen fachsimpeln Schüler und Lehrer über Computer und Internet.An den Wänden hängen Skizzen der Schul-Homepage, Notizen zu Anlaufstellen und e-mail-Adressen.Während ein Teil der Gruppe versucht, Begrüßungsszenarien für ihre Web-Seiten zu entwerfen, besuchen andere per Internet die Partnerklassen in Urbana (USA) und Tokio.Das Menzel-Gymnasium gehört zu den wenigen Berliner Schulen, die bereits intensiv mit Computern und Internet arbeiten.

Zusammen mit anderen Teams aus aller Welt nehmen die Menzel-Schüler nicht nur an einem Wettbewerb teil, sie erleben auch lehrreichen Unterricht: Allgemeinbildung, Lebenskultur, Englisch, Teamarbeit, praktische Projektarbeit."Schule kann sich nicht von der Gesellschaft abkoppeln und den Entwicklungen hinterherhängen", sagt Reinhard Bock, zuständiger Lehrer an der Menzel-Oberschule.Obwohl die Modellschule bereits eine gute Ausrüstung habe, gebe es vieles, was man nicht umsetzen könne."Eigentlich haben wir schon alleine aufgrund mangelnder Technik keine Chance, den Wettbewerb zu gewinnen."

In Berlins Schulen findet das Internet erst nach und nach Einzug.Initiativen wie "Schulen ans Netz (SAN)" oder "Computer in die Schulen (CidS)" können den Bedarf nicht sogleich decken."SAN lieferte uns drei nicht gebrauchsfertige Rechner und ließ uns dann alleine", kritisiert Ulrike Hammer, Lehrerin an der Teske-Realschule."Von uns wurde verlangt, als Laie alleine das Netzwerk zu installieren." Interessierte Schüler seien vergrault worden.

Nach Anlaufschwierigkeiten (wir berichteten) ist "CidS" jetzt angelaufen.Auch Lehrerfortbildungen werden organisiert.Rund 375 von 1200 Schulen hat "CidS" bislang mit Computern und Zugängen ausgestattet.Mitunter sind aber auch Klagen zu hören: "Es müssen auch Gelder für Wartung und Techniker eingeplant werden", fordert Frau Hammer.An der Johann-August-Zeune-Blindenschule werden Mängel bei der Organisation beklagt: wechselnde Ansprechpartner, lange Antragszeiten.Markus Kuschela von "Cids" reagierte auf die Vorwürfe mit Unverständnis.Die Lehrer hätten die Möglichkeit, über eine spezielle Rufnummer technische Hilfe anzufordern.Unterdessen können Lehrer auch über die Tagesspiegel-Initiative "Computer in die Schulen" (Infos: 26009 326) gebrauchte Geräte bekommen.Wer einen Computer besitzt, hat jedoch noch lange keinen Internet-Zugang.Anschlüsse fehlen ebenso wie Vorgaben in den Rahmenplänen.Internet-Projekte sind häufig dem Engagement einzelner Lehrer zu verdanken.Ein engagierter Veteran des Internets ist Hans-Jürgen Constabel vom Lessing-Gymnasium.Seine Erfahrung: Sprachunterricht wird praxisnah, die Schüler lernen komplexe fremdsprachige Texte - und üben Selbstkorrektur.Jedoch müsse man in Kauf nehmen, "daß Schüler irgendwann mehr wissen als man selbst".

Hilfe bietet "CidS!" (46 77 8000).Bildungsangebote finden sich bei http://dbs.schule.de .Das "Klasse!"-Medienprojekt des Tagesspiegels findet man unter http://www.tagesspiegel.de/klasse .

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