Zeitung Heute : Wenn selbst Moskau zur Hoffnung wird

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Bis heute werden Gerüchte über Waffenlieferungen an Serbien und Söldnertruppen fast gierig publiziert.Doch dann genügen die nicht eben aussichtsreichen Vermittlungsversuche Jewgenij Primakows - und plötzlich verbinden sich mit Rußland große Hoffnungen auf einen raschen Frieden.Zu diesem Wechselbad der Gefühle hat die Rhetorik in Moskau gehörig beigetragen.Niemals werde Rußland der NATO solche Alleingänge straflos durchgehen lassen, dröhnte Boris Jelzin Mitte letzter Woche.Gestern formulierte er viel moderater: Seine strategischen Beziehungen zu den USA werde Moskau nicht der slawischen Solidarität opfern.

Das flirrende Rußlandbild spiegelt vor allem die eigene Unsicherheit wider.Die aktuellen Zweifel, ob dieser Krieg nicht mehr zerstört, als er an Schützenswertem rettet.Und die generelle Unsicherheit, wie die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen dem Westen und der in Konkurs gegangenen Supermacht liegen.In Deutschland hat dieses Schwanken zwischen Ängsten und Hoffnungen besondere Tradition.Da wurden erst Michail Gorbatschow und dann Boris Jelzin fast in den Rang von Heilsfiguren erhoben.Da wurden erste Ansätze zur Abkehr von autoritärem Zentralismus und Planwirtschaft vorschnell als Beleg für Demokratie und Markt genommen.Umgekehrt wurden die Gefahren durch russische Mafia und Atomschmuggel übertrieben.

Dabei haben gut acht Jahre Praxistest seit dem Ende der Sowjetunion ein recht verläßliches Koordinatensystem für den Umgang miteinander geschaffen.Auch wenn es angesichts der Wirtschaftskrise und Kreditbedürftigkeit nicht so scheint: Rußland hat Gewicht.Der Westen nimmt bei sensiblen Themen, etwa dem Verhältnis der NATO zum Baltikum, Rücksicht.Er unterstützt den Reformprozeß mit Milliardenbeträgen.Er bemüht sich um Respektbezeugungen selbst da, wo Moskau keine substanziellen Beiträge zu leisten vermag - von der Einbeziehung in die G 7 bis zu glanzvoll inszenierten Gipfeln ohne sachlichen Gehalt.Aber er räumt Moskau kein Vetorecht ein, wenn schwerwiegende Sicherheitsinteressen auf dem Spiel stehen: NATO-Erweiterung, Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen wie im Irak oder jetzt der Krieg im Kosovo, der sich zum Flächenbrand auszudehnen droht.

Daraus ergibt sich Rußlands Bedeutung als Vermittler.Seine Macht reicht nicht aus, die NATO zum Ende der Luftangriffe zu zwingen; Jewgenij Primakow hat diese ursprüngliche "Vorbedingung" für seine Mission wohlweislich fallengelassen.Er hat aber auch nicht genug Einfluß, um Slobodan Milosevic die Unterschrift unter einen Friedensvertrag abzunötigen.Den bringt, wenn überhaupt, nur militärischer Druck zur Raison.In Moskau weiß man das, Milosevic hat schon viel zu oft seine Zusagen an Rußland gebrochen und damit dessen Glaubwürdigkeit im Westen beschädigt.Und doch kann Jewgenij Primakow womöglich die Rückkehr vom Schlachtfeld an den Verhandlungstisch befördern - nicht schnell, aber mittelfristig.Noch wirkt die Aura der ehemaligen Weltmacht.Sie erlaubt es Milosevic, ohne größeren Gesichtsverlust zurückzustecken.Und der Westen wartet nur auf einen Vorwand, wie er diesen Krieg, den er nicht will, beenden kann - vorausgesetzt, die Vertreibung der Albaner wird gestoppt und ein irgendwie vertretbarer Kompromiß zeichnet sich ab.Die Lage ist so verfahren, daß selbst Rußland zur einer Hoffnung werden kann: daß es den Weg zum Notausgang weist.

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