Zeitung Heute : Wenn sich der Körper erinnert

Am Rheuma-Forschungszentrum versuchen Experten, das Gedächtnis des Immunsystems zu entschlüsseln.

Andreas Radbruch[Eva Kreis] Katrin Moser[Eva Kreis]
Immer der gleiche Schmerz. Bei Rheuma richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper.Foto: Robert Kneschke/Fotolia
Immer der gleiche Schmerz. Bei Rheuma richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper.Foto: Robert Kneschke/FotoliaFoto: Robert Kneschke Fotolia

Entzündlich-rheumatische Erkrankungen haben ganz unterschiedliche klinische Erscheinungsbilder. Eines ist diesen Krankheiten jedoch gemeinsam: Sie werden durch Fehlreaktionen des Immunsystems ausgelöst. Die Zellen des Immunsystems, die uns eigentlich vor Krankheitserregern schützen sollen, greifen den eigenen Körper an, es kommt zur chronischen Entzündung. Die genauen Vorgänge kennt man bis heute nicht. Die modernen Behandlungsmethoden können deshalb rheumatische Entzündungen auch nicht heilen, sondern bestenfalls das Fortschreiten der Krankheit verhindern. Am Deutschen Rheumaforschungszentrum Berlin, einem Leibniz-Institut, versuchen Biologen, Chemiker, Physiker und Mediziner zu entschlüsseln, wie das Immunsystem eine rheumatische Entzündung über viele Jahre hinweg anfeuern kann.

Dass das Immunsystem tatsächlich die treibende Kraft ist, wird klar, wenn man das Immunsystem eines Rheumapatienten zerstört und es dann aus körpereigenen Stammzellen wieder aufbaut. Nach diesem „Immunreset“ ist die rheumatische Entzündung bei den meisten Patienten verschwunden. Leider verlieren die Patienten auch ihren Schutz gegen Krankheitserreger. Die Therapie kommt deshalb nur für sehr wenige, schwer betroffene Patienten infrage, nämlich nur für Patienten, die auf keine der konventionellen Therapien mehr ansprechen und die eine lebensbedrohliche rheumatische Entzündung haben.

Doch die Rheumaforscher haben von diesen Patienten etwas Entscheidendes gelernt: Offenbar hatte ihr Immunsystem ein „pathogenes Gedächtnis“ für die Krankheit entwickelt, das durch herkömmliche Medikamente nicht in den Griff zu bekommen war. Dieses „Gedächtnis“ erklärt auch, warum selbst bei Patienten, die auf eine moderne Therapie ansprechen, die Krankheit wieder ausbricht, sobald das Medikament abgesetzt wird.

Das Gedächtnis des Immunsystems ist seit langem bekannt. Noch nach Jahren kann sich unser Immunsystem sehr genau an einen bestimmten Krankheitserreger erinnern. Wir haben dann spezifische Antikörper gegen den Erreger im Blut und unsere Immunzellen reagieren sehr viel schneller und heftiger darauf – wir sind immun gegen diesen Erreger geworden. Bei Impfungen wird genauso ein immunologisches Gedächtnis gegen einen Krankheitserreger aufgebaut. Bei rheumatischen Entzündungen entsteht aus Gründen, die bis heute weitgehend unklar sind, ebenfalls ein immunologisches Gedächtnis, und zwar gegen den eigenen Körper. Und je nachdem, gegen welche Teile des Körpers sich die Immunreaktion richtet, kommt es zu den verschiedenartigen rheumatischen Erkrankungen.

Die entscheidende Frage der modernen Rheumaforschung ist nun: Wie können wir das pathogene Gedächtnis für die rheumatische Entzündung löschen, ohne das schützende immunologische Gedächtnis ebenfalls zu zerstören? Die Berliner Rheumaforscher versuchen deshalb zunächst einmal die Gedächtniszellen des Immunsystems zu identifizieren, und zwar sowohl die schützenden als auch die pathogenen. Die Wissenschaftler erforschen und vergleichen ihren Lebenswandel und suchen nach Ansatzpunkten zur selektiven Eliminierung der pathogenen Gedächtniszellen. Einen ersten Erfolg können sie bereits verbuchen. Sie haben die Gedächtniszellen identifiziert, die Autoantiköper gegen körpereigene Stoffe herstellen: die autoreaktiven Gedächtnis-Plasmazellen. Sie markieren bestimmte Gewebe für die Zerstörung durch Granulozyten und Fresszellen. Wie erwartet sind die autoreaktiven Gedächtnis-Plasmazellen resistent gegen herkömmliche Therapien. Das liegt vor allem daran, dass sie in besonderen Nischen im entzündeten Gewebe und im Knochenmark von den Zellen des Gewebes am Leben erhalten werden.

Zusammen mit Kollegen aus Freiburg entwickeln die Berliner nun völlig neue Ansätze, um die autoreaktiven Gedächtnis-Plasmazellen therapeutisch in den Griff zu bekommen. Eine erste Behandlungsmethode ist bereits im klinischen Versuch. Weitere Typen von Gedächtniszellen werden intensiv untersucht, um zu verstehen, wie sie die rheumatische Entzündung steuern und ob man sie durch eine selektive Therapie gezielt ausschalten oder durch eine Stärkung der körpereigenen Regulation abschalten kann.

Andreas Radbruch,

Katrin Moser, Eva Kreis

Prof. Dr. Andreas Radbruch ist Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin. Dr. Katrin Moser und Dr. Eva Kreiss sind Forschungskoordinatorinnen/wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin.

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