• Wenn sich Redakteure aus dem Staub machen In der 40. Kalenderwoche 2009 gab es während des Umzugs in den Redaktionsräumen

Zeitung Heute : Wenn sich Redakteure aus dem Staub machen In der 40. Kalenderwoche 2009 gab es während des Umzugs in den Redaktionsräumen

ein großes Für und Wider: Kleine Geschichten über die Vergangenheitsbewältigung am Arbeitsplatz

ANDREAS AUSTILAT

findet einen verschollenen Brief

Oh, was klemmt denn da hinter der Schublade? Ein Brief aus Amerika, gestempelt am 9. März 1998. „Liebe Leute“, schreibt ein gewisser Jonas, „sitze hier in Oregon, mache mein High-School-Jahr und gerade kommt was im Radio über den Tagesspiegel. Jemand bei Ihnen hat einen Stummfilm über den Untergang der ,Titanic‘ entdeckt.“ Stimmt, erstaunlich, dass sie das in Oregon gebracht haben. Am Ende seines Briefes bedankt sich Jonas für sein „tolles Praktikum“. Rührend. Wenn er damals Schülerpraktikant war, muss er heute mindestens 28 sein. Ob man bei Google etwas über ihn findet? Tatsächlich, Jonas arbeitet seit drei Jahren in New York bei den UN. Mail-Adresse hat er auch. Man bedankt sich bei ihm für seinen Brief. Die Antwort kommt prompt: „Durfte damals bei ihnen was über den Gründer der Pfadfinder Baden-Powell schreiben, vielen Dank dafür.“ Gern geschehen. Der alte Pfadfinder hat ihn ja anscheinend weit gebracht.

ELISABETH BINDER

möchte nicht alle Papiere missen

Ein Umzug legt natürlich auch Schwächen offen, unnütze Sammelleidenschaft zum Beispiel. „Das braucht man doch alles nicht“, ist ein Spruch, den man von Umzugsprofis und Anhängern des papierlosen Büros immer wieder zu hören kriegt. Aber manches braucht man eben doch, auch wenn es eigentlich Luxus ist. Briefe von netten Lesern gehören nach einiger Zeit streng genommen natürlich weggeworfen. Aber manchmal kann ich mich eben doch nicht davon trennen. Was für die Logistiker lediglich alte Papierblätter sind, sind für mich freundliche Brücken zu den Menschen, für die ich schreibe. Zwar kommen Zuschriften immer häufiger per Mail und lassen sich so auch schön papierlos aufheben. Aber es kommen eben auch noch Briefe, und manche wirken wie Geschenke. Und Geschenke darf man natürlich auf keinen Fall wegschmeißen. Papierlose Logistik hin oder her.

LOTHAR HEINKE

entdeckt die Vergänglichkeit der Zeit

Der Mensch bleibt ein Jäger und Sammler, das fürs Nichtwegschmeißen zuständige Gen schleicht mit uns von der Stein- bis in die Google-Zeit. Aufräumen heißt Trennung, aber auch Wiedersehen. Aus alten Notizblöcken und Pressemappen quillt das längst Vergangene: Kilometerlang sind die Streitschriften um das, was auf dem Schlossplatz geschieht – am Ende haben wir eine grüne Wiese. Die Buddys kommen – längst steht hier die Amerikanische Botschaft. Eine gläserne Akademie der Künste? Nein, nein, ja, ja, ja. Der Lustgarten muss schöner werden! Wir Investoren wollen die Friedrichstraße zur schicksten Einkaufsmeile machen! Der Richtspruch am Adlon vom 31. Mai 1996. Alles Geschichte, war schön, aber kann weg. Eigentlich gibt es ganz wenig, was man mitnehmen sollte. Erwin Strittmatters Spruch zum Beispiel: „In der Jugend erwarte ich was vom Leben; jetzt erwarte ich nur noch von mir was, und wenn ich nichts mehr von mir erwarte, werde ich tot sein, selbst wenn ich noch leben sollte“.

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