Zeitung Heute : Wenn sich Schöpfung und Neuschöpfung verbinden

Der Tagesspiegel

Da wird ein Gotteshaus wieder in Betrieb genommen, eine Gemeinde hat ein richtungsweisendes Projekt gewagt,- und was steht dann im Predigttext? „Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,11-14). Ein Widerspruch zu den Feierlichkeiten in der Auferstehungsgemeinde in Friedrichshain? Oder gar Signal, dass es gar nicht angemessen ist, eine Kirche zu renovieren und mit viel neuer Technik auszustatten? Oder einer jener nur scheinbaren Antagonismen, die sich beim Blick aufs Ganze dann doch auflösen? Für Bischof Wolfgang Huber ist es letzteres. Was die Kirchengemeinde in der Pufendorfstraße in Angriff genommen habe, zeugt für ihn von richtig verstandenem christlichem Selbstverständnis. Die nach dem Krieg zerstörte, in DDR-Zeiten notdürftig wieder hergestellte und als Ort des freien Denkens geschätzte Kirche ist nun in ein wohl beispielloses Projekt eingebunden. Wo früher der Chor stand, wurde in Stahl und Glas ein Bürotrakt mit Café eingebaut, das Kirchenschiff kann unterteilt und als Seminarzentrum ebenso genutzt werden wie als Veranstaltungshalle. Und eingezogen ist nicht das Gemeindebüro, sondern Firmen werden sich das Haus mit der Gemeinde teilen, die sich ökologisches Bauen und nachhaltige Stadterneuerung vorgenommen haben - beides wurde mit der Restaurierung der denkmalgeschützten Kirche von 1895 dann auch gleich beispielhaft vorgeführt.

Zwischen moderner Tagungsarchitektur und Wänden aus Lehmputz und hinter einer neuartigen Solarfassade sitzt an diesem Sonntag eine große Gemeinde.

Für sie und mit ihr schlägt Bischof Huber den Bogen vom freudigen Ereignis in die eher nachdenkliche Zeit im Kirchenjahr, die geprägt ist vom Nachdenken über die Passion, von Bescheidenheit und dem Wissen um die Begrenztheit des irdischen Daseins. Zwei Kerngedanken legt er dabei dar: Die Idee vom Gottesvolk auf Wanderschaft und die Zusicherung der Auferstehung. Auch wer mit einer Kirche sesshaft geworden sei, müsse unterwegs bleiben und stets nach neuen Ufern suchen, sagt Huber–und genau das sei in der Pufendorfstraße versucht worden. Denn auch die Idee, dass sich ein Kirchenumbau durch die Schaffung und Vermietung von Büros finanzieren ließe, war für viele ein mutiger Schritt hinaus aus einer Welt, in der man bisher glauben mochte, auf das Geld komme es nicht an. Und dann seien Unternehmen eingezogen, denen es um die Bewahrung der Schöpfung geht - ein gutes Anliegen in einer Auferstehungskirche, die so heißt, weil sie auf einem Armenfriedhof gebaut worden ist. Soziale und ökologische Verantwortung zu übernehmen, sagt Huber, sei eine wesentliche Aufgabe für Christen: „Schöpfung und Neuschöpfung verbinden sich an diesem Ort.“ Jörg-Peter Rau

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