Zeitung Heute : Wenn Techno auf Alte Meister trifft

Kerstin Kracht erforscht, wie Gemälde auf Schwingungen reagieren. Das erleichtert die Arbeit von Restauratoren

Sybille Nitsche

Die Fragen sind schnell formuliert: In welchem Zustand befindet sich das Gemälde? Wird es einen Transport nach New York, Paris oder Peking unbeschadet überstehen? Welchen Beanspruchungen hält es überhaupt noch stand? Vor solchen Fragen stehen Restauratoren, wenn Gemälde für eine Ausstellung auf Reisen gehen sollen und damit unter anderem mechanischen Schwingungen ausgesetzt werden, die dazu führen können, dass Farbschichten reißen.

„Im Moment nutzen die Restauratoren hauptsächlich Licht, um den Zustand eines Bildes einigermaßen einschätzen zu können“, sagt Kerstin Kracht. Durch das Be- und Durchleuchten des Gemäldes werden Schatten sichtbar, die zeigen, wo sich Farbe ablöst. Diese Art der Begutachtung sei aber ungenügend, findet Kracht. Sie hat deshalb am Fachgebiet für Mechatronische Maschinendynamik zusammen mit ihrem Professor Utz von Wagner ein Forschungsprojekt auf den Weg gebracht, das helfen soll, anhand von Schwingungsdaten den Zustand eines Gemäldes genau zu erfassen.

Damit betritt die 28-Jährige, die 2007 für die beste Diplomarbeit einer Studentin in den natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Fächern an der TU Berlin ausgezeichnet wurde, weitgehend Neuland. „Die wissenschaftlichen Kenntnisse über die materiellen Zerfallsprozesse sind vielfach rudimentär“, sagt Stefan Simon, Direktor des Rathgen-Forschungslabors der Staatlichen Museen zu Berlin. So gebe es zum Beispiel kaum Daten über den Einfluss von Schwingungen auf die Farbschichten bei Gemälden. Deshalb seien die Forschungen an der TU Berlin enorm wichtig.

Während eines Praktikums am Amsterdamer Institut für das kulturelle Erbe der Niederlande, ICN, war Kerstin Kracht auf das außergewöhnliche Thema gestoßen: Dort wollte man herausfinden, ob die Gemälde im Amsterdamer Van-Gogh-Museum durch die in unmittelbarer Nähe stattfindenden Technopartys in Schwingungen versetzt und dadurch geschädigt würden. Kerstin Kracht bekam die Aufgabe, die Umgebung von ausgemusterten Gemälden solange mit Technomusik zum Schwingen zu bringen, bis Farbe abblätterte. Mit dem Einfluss von Vibrationen auf die Farbschichten von Gemälden befasse sich in Europa derzeit nur die TU Berlin und das ICN, sagt Simon.

Bei ihren Forschungen in Berlin untersucht Kerstin Kracht zunächst den Einfluss starker Schwingungen auf fünf Testgemälde, sogenannte Dummys. Dafür hat sie eigens Bilder in der Malweise der Alten Meister anfertigen lassen. Der erste Dummy besteht nur aus Leinwand, beim zweiten wurde auf die Leinwand Leim aufgebracht, beim dritten Leim und Grundierung, beim vierten Leim, Grundierung und eine Malschicht und beim fünften Leim, Grundierung, Malschicht und drei Schichten Ölfarbe. Dass sie verschiedene Ausführungen untersucht hat seinen Grund: Das Verhalten eines Objektes bei Schwingungen hängt ab von den physikalischen Eigenschaften der einzelnen Stoffe wie Masse, Steifigkeit und Dämpfung. „Wird einer dieser Parameter verändert, ändert sich auch das Schwingungsverhalten“, erklärt Kracht.

Zurzeit liegen die Testgemälde in einem Trockenschrank des Instituts für Lacke und Farben in Magdeburg. Dort werden sie bei 80 und später bei 120 Grad Celsius 20 Monate lang „gealtert“. Das heißt, dass das Material durch das Trocknen spröde wird und das Volumen der Ölfarbe schrumpft. Die Folge sind Spannungsrisse.

Anschließend werden die Dummys Belastungstests unterzogen. Um die Wirklichkeit im Labor einigermaßen genau abbilden zu können, wird Kerstin Kracht zunächst die Schwingungen messen, die in einem Museum auftreten. Diese Untersuchungen sollen im Sommer in der Alten Nationalgalerie stattfinden. Schließlich wird sie in verschiedenen Zeitabständen insgesamt 14-mal messen, welche physikalischen Veränderungen bei den Gemäldedummys durch die künstliche Alterung und die Belastungstests aufgetreten sind.

„Die Herausforderung liegt darin, den Zustand eines Gemäldes in messbaren Parametern anzugeben“, sagt Simon. Nur so ließen sich Veränderungen beschreiben und daraus Schlussfolgerungen für restauratorische und konservatorische Maßnahmen ziehen. Sybille Nitsche

Die Ausstellung „kulturGUTerhalten – Restaurierung archäologischer Schätze an den Staatlichen Museen zu Berlin“ läuft noch bis zum 28. Juni im Alten Museum, Am Lustgarten, 10178 Berlin.

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