Zeitung Heute : Wenn Vollzeit zuviel Zeit kostet

Wie man sein Recht auf eine stundenreduzierte Beschäftigung durchsetzt – und woran es scheitern kann

Andreas Heimann

Für den einen steht der Beruf ganz im Zentrum seines Lebens, für den anderen reichen halbe Arbeitszeit – und halber Arbeitslohn – durchaus, um zufrieden zu sein, sich um die Familie kümmern zu können oder sich anderen Projekten – wie etwa einer Promotion – zu widmen. Paragraf 8 des Teilzeitbefristungsgesetzes (TzBfG) macht es möglich. Er räumt einen Anspruch auf Teilzeitarbeit nach sechsmonatiger Beschäftigung in jedem Betrieb mit mindestens 15 Arbeitnehmern ein. Die am 1. Januar 2001 in Kraft getretenene Regelung soll Arbeitnehmern einen gewünschten Wechsel von Vollzeit- auf Teilzeitarbeit erleichtern – so das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Juristisch gesehen ist es einfach, kompliziert wird es, das seit dreieinhalb Jahren bestehende Recht auch durchzusetzen. Arbeitgeber können der Forderung nämlich „betriebliche Gründe“ entgegen halten. Was das genau ist, darüber lässt sich im Zweifelsfall streiten. Die meisten Arbeitnehmer lassen es deshalb gar nicht erst darauf ankommen.

„In der Praxis wird das Recht auf Teilzeit extrem selten vor Gericht eingeklagt“, sagt Corinna Bihn, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Köln. Die Zahl solcher Prozesse sei gering, bestätigt Helga Nielebock, Leiterin der Abteilung Arbeitsrecht beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Berlin. Dennoch würden die gesetzlichen Möglichkeiten zunehmend genutzt. Sie sagt: „Durch das neue Gesetz hat sich die Arbeitnehmerposition in jedem Fall verbessert.“

Und tatsächlich: Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten seit Inkrafttreten des Gesetzes um fast 700 000 auf 7,2 Millionen gestiegen. Damit liegt der Anteil der Teilzeit-Arbeitnehmer bei 22,4 Prozent.

Wenig hat sich daran geändert, dass Teilzeit „weiblich“ ist: „Rund 80 Prozent der Teilzeitarbeitnehmer sind Frauen“, sagt Susanne Wanger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Insbesondere Frauen mit Kindern erscheint Teilzeitarbeit als überlegenswerte Alternative. Untersuchungen des IAB haben gezeigt, dass in der Regel das Modell bevorzugt wird, bei dem ein Partner voll und einer Teilzeit arbeitet. Die Variante bei der entweder beide in Voll- oder in Teilzeit beschäftigt sind findet jeweils nur eine Minderheit der Partnerschaften wünschenswert.

Der Antrag auf Teilzeitarbeit sollte nach Empfehlung des DGB an den für Personal zuständigen Mitarbeiter gestellt werden. Das muss nicht schriftlich passieren, ist aber zu empfehlen. Der Antrag muss in jedem Fall spätestens drei Monate vor dem geplanten Wechsel auf Teilzeit gestellt sein.

Falls der Arbeitgeber ablehnen will, kann er höchstens bis einen Monat vor diesem Termin warten. Für die Ablehnung ist die Schriftform vorgeschrieben - Fax oder E-Mail sind nicht akzeptabel.

Der Arbeitgeber kann sich zwar auf „betriebliche Gründe“ berufen, bloße Unbequemlichkeiten durch die Beschäftigung von Teilzeitarbeitnehmern reichen allerdings nicht aus. Der Arbeitgeber muss dem DGB zufolge „rationale und nachvollziehbare Gründe darlegen, um dem Anspruch des Arbeitnehmers entgegentreten zu können“. Er kann sich auch nicht einfach darauf berufen, für die durch die Verringerung der Arbeitszeit entstehende Lücke sei keine geeignete Arbeitskraft zu finden. „Er muss nachweisen können, dass er sich darum bemüht hat, auf dem Arbeitsmarkt aber tatsächlich nicht fündig geworden ist“, sagt Corinna Bihn. „Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn eine Teilzeit-Stelle in der IT-Branche mit einem Spezialisten besetzt werden muss“, erläutert die Rechtsanwältin. Kein akzeptables Argument für Arbeitgeber sei der Hinweis auf die häufig höheren Kosten bei der Beschäftigung von Teilzeitkräften, sagt Corinna Bihn.

Wenn es in dem Betrieb allerdings tatsächlich keine Teilzeitkräfte gibt und der Arbeitgeber sich darauf berufen kann, dass er aus arbeitsorganisatorischen Gründen ausschließlich mit Vollzeitkräften arbeitet, hat der Arbeitnehmer schlechte Karten. dpa

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