Zeitung Heute : Wenn „wang you“ auf „wang lien“ wartet

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Von Harald Maass, Peking

Im „Song Lin“, dem „Pinienwald"-InternetCafé vor der Pekinger Rundfunk-Universität, ist es in diesen Tagen ungewöhnlich ruhig. Die 50 eng gestellten Computerplätze, um die sonst zu jeder Zeit Studenten drängen, sind unbenutzt. „Wegen Inspektion geschlossen“, steht auf einem weißen Zettel am Eingang. Unterzeichner: Das Pekinger Amt für Soziale Sicherheit.

Seit mehr als einer Woche sind in Chinas Hauptstadt alle 2400 Internet-Cafes dicht. Die Computer-Lokale seien zur „Sicherheitsinspektion“ geschlossen worden, erklärt die Polizei. Am 16. Juni war in einem illegalen Internet-Café im Haidian-Universitätsviertel in der Nacht ein Feuer ausgebrochen. 24 Menschen, die meisten Studenten, kamen bei dem Brand ums Leben. Einen Tag nach dem Umglück ließ Pekings Stadtregierung sämtliche Internet-Cafés schließen. Zwei Schüler stehen im Verdacht, das Feuer gelegt zu haben, heißt es bei der Polizei. Doch die Internet-Cafés bleiben weiter geschlossen.

Hunderttausende Studenten sind seitdem von dem virtuellen Netz und damit von einem Großteil ihrer Informationen und Kontakte abgeschnitten. Da nur wenige Chinesen einen eigenen Computer besitzen, sind Internet-Cafés außergewöhnlich populär. Mehr als 200 000 gibt es im Land. Das Surfen ist billig, zwischen zwei und drei Yuan (25-37 Cent) kostet eine Stunde. Die meisten benutzen das Netz, um billig mit Freunden in den Heimatprovinzen in Kontakt zu bleiben. Neben E-Mail ist vor allem das Chatten, das Telefonieren über das Internet, beliebt.

„Selbst die versteckten Cafés sind geschlossen“, sagt die Studentin Li Jie. Die 23-jährige besitzt wie die meisten Studenten keinen eigenen Computer, sondern surfte bisher in Internet-Cafés. Sechs davon gab es vor den Toren der Rundfunkuniversität, manche davon versteckt zwischen Nudelrestaurants und Geschäften mit raubkopierten Musik-CDs. Alle mussten nach dem 16. Juni den Betrieb einstellen. Für die knapp 5000 Studenten stehen seitdem nur rund 20 Computer in der Uni-Bibliothek zur Verfügung. Wer surfen will, muss mehrere Stunden Schlange stehen. „Wie soll ich mich ohne Internetanschluss bei Universitäten in den USA bewerben?“, klagt ein Student.

In Schanghai wurden diese Woche 244 Internet-Cafés geschlossen, 1300 werden einer Überprüfung unterzogen. Bei dem harten Durchgreifen geht es um mehr als nur um Feuerschutz. Die Cafés, die in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden wuchsen, sind der Regierung ein Dorn im Auge. Die Computer-Lokale würden die Jugend mit „Pornografie, Glücksspielen, Gewalt und Fetischismus“ verderben, erklärte Vizedirektor Zhang Xinjian vom Kulturministerium der Volkszeitung. Und über das Internet können Chinesen auch unzensierte politische Informationen lesen.

Während das Regime bis heute sämtliche Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkstationen zensiert, ist das chinesische Internet vergleichsweise frei. 37 Millionen Internet-Benutzer gibt es in China. In den vergangenen Jahren hat Peking versucht, das Internet stärker zu kontrollieren. Die Internetanbieter (ISP) werden vom Staat streng überwacht. Unbeliebte Internetseiten, wie cnn.org oder freetibet.org, sind technisch blockiert. Mit einer Reihe von Auflagen sollten die Internet-Cafés stärker überwacht werden. Laut behördlicher Anweisung müssen sich Besucher mit n und ID-Karte ausweisen. Die Café-Betreiber müssen außerdem eine Software installieren, mit denen die Surfwege der Besucher über mehrere Wochen zurückverfolgt werden können.

Die Kontrollwut der Zensoren führte jedoch genau zum Gegenteil. Mit den strengen Auflagen und hohen Gebühren trieb Peking die Internet-Cafés in die Illegalität. 90 Prozent der Internetbars in Peking sind illegal. In der Anonymität können die Kunden ohne Kontrolle des Staates durch das Netz surfen. Café-Betreiber zahlen Schmiergelder an die lokale Polizei. Andere sind völlig vor den Behörden versteckt, in Hinterhöfen und baufälligen Baracken untergebracht. Dort gibt es weder Feuerschutzbestimmungen noch Notausgänge.

Aus Angst vor Polizeikontrollen verschließen Internet-Cafés nachts ihre Türen. Die Kunden müssen klopfen, dann wird ihnen geöffnet. „Niemand will, dass plötzlich ein Polizist im Raum steht“, sagt ein Student. Junge Chinesen sitzen oft die ganze Nacht vor dem Bildschirm. Im „Pinienwald"-Café kostet eine Sitzung von 23 bis 7 Uhr morgens 10 Yuan (1,25 Euro). Das gleiche Angebot hatte auch das Internet-Café „Blue Hyperspeed“, in dem vor zwei Wochen das Feuer ausbrach. Der Besitzer hatte Kunden und Angestellte eingeschlossen, war nach Hause zum Schlafen gefahren. Nur 13 Menschen gelang es, den Flammen zu entkommen.

An der Rundfunkuniversität wächst die Ungeduld. Die Studenten fragen sich, wann die Internet-Cafés wieder aufmachen. Für junge Chinesen ist das Netz längst ein Teil des Lebens und wichtig für soziale Kontakte. Nicht nur die „wang chong“ („Internet-Würmer"), die jeden Tagen stundenlang durch das Netz surfen, klagen über Entzugserscheinungen. Viele nutzen das Internet auch für die Suche nach Romantik, der „wang lien“ („Internet Liebe"). Ungeduldig wartet eine Studentin vor den alten Computern in der Uni-Bibliothek. Seit einer Woche habe sie nicht mehr mit ihrem „wang you“ („Internetfreund") gesprochen, klagt sie. „Ich brauche jetzt einen richtig langen Chat."

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