Zeitung Heute : Wenn wir Türken küssen

KOMISCHE OPER Barrie Kosky lädt zum „Ball im Savoy“. Die Jazz-Operette von Paul Abraham kehrt damit nach 80 Jahren an ihren Ursprungsort zurück.

UWE FRIEDRICH

Keine Sorge, die beiden Paare kriegen sich zum Schluss. Wie in jeder ordentlichen Operette. Das ist auch schon ziemlich früh klar in Paul Abrahams „Ball im Savoy“, aber der Weg dorthin ist voller unerwarteter Wendungen. Eine Ehekrise inklusive Beinahe-Scheidung beim „ernsthaften“ Paar, eine extrem witzige Annäherung zweier Kulturen beim „komischen“ Paar. Wobei diese Unterscheidung hier nicht funktioniert, denn komisch ist in diesem Werk eigentlich alles. Nach Art einer Boulevardkomödie öffnen sich immer wieder Türen, hinter denen garantiert eine dieser Überraschungen lauert, die gerade mindestens einem der Protagonisten extrem ungelegen kommt, erläutert der Regisseur Barrie Kosky. „Es geht zu wie in einer Feydeau-Farce oder einer Screwball-Comedy. Das Tempo ist sehr wichtig, damit der Witz funktioniert. Das muss ganz virtuos gespielt werden und doch einen doppelten Boden haben. Wir wollen daraus einen surrealen Blick in die frühen 30er Jahre in Berlin machen, aber es wird bestimmt kein Historiendrama.“

Auch wenn im Libretto immer wieder von Nizza die Rede ist, so wird in den Songs doch immer von Berlin geschwärmt. Hier wurde „Ball im Savoy“ auch uraufgeführt. Dass die Operette im Großen Schauspielhaus herauskam, liegt nur daran, dass im Metropol-Theater, der heutigen Komischen Oper, noch eine andere Revue lief, die wegen des großen Erfolgs verlängert wurde. Nun kommt Abrahams Werk nach 80 Jahren endlich an den ursprünglich vorgesehenen Ort. Warum das so lange gedauert hat, kann sich auch Barrie Kosky nicht recht erklären. „Es ist eine echte Jazz-Operette. Bei den anderen ungarischen Operetten der Zeit ist der Jazz nur ein Gewürz auf dem Gulasch, aber Paul Abraham stellt wirklich den Jazz in den Mittelpunkt. Ich bin sehr froh, dass unser Orchester das so gut spielen kann. Natürlich ist es für ein Opernorchester eine Umstellung, wenn der Dirigent Adam Benzwi die Vorstellung vom Flügel aus leitet. Aber so war es damals auch, das ist also absolut authentisch. Ich habe keine Ahnung, warum in Berlin vor uns niemand auf diese Idee gekommen ist, aber ich freue mich auch, dass wir die Ersten sind.“

Das Unterhaltungstheater der 20er und 30er Jahre war immer Starvehikel. Man ging hin, um Rosi Basony, Gitta Alpar und Oscar Dénes zu sehen, so wie wir heute hingehen, um Dagmar Manzel, Katharine Mehrling, Christoph Späth und Helmut Baumann zu bewundern. Als Jazzkomponistin Daisy Darlington wird Katharine Mehrling den türkischen Schwerenöter Mustafa Bey in Gestalt von Helmut Baumann um den Finger wickeln. Dabei geht es ganz schön schweinisch zu, jedenfalls wenn man ein Ohr für die mehr oder weniger deutlichen Obszönitäten hat, die zwischen den Zeilen versteckt wurden. Kein Wunder, dass diese Operetten den nationalsozialistischen Tugendwächtern ein Dorn im Auge waren und sie den jüdischen Komponisten aus Deutschland vertrieben. In New York konnte er nie richtig Fuß fassen und wurde schließlich geistig umnachtet erst in eine psychiatrische Klinik gesteckt, dann nach Hamburg gebracht, wo er in dem Wahn lebte, noch immer in New York zu sein und kurz vor einem weiteren Theatertriumph am Broadway zu stehen.

Auch wenn er die Naziherrschaft überlebte, gehört das Schicksal des Paul Abraham zweifellos zu den traurigsten seiner entwurzelten Generation. Das ist jedoch für Barrie Kosky kein Grund, sich den Spaß an seinen grandiosen Operetten verderben zu lassen, sondern vielmehr die Aufforderung, ihn und seine grandiosen Werke zu feiern: „Es wäre mir zu banal, einfach eine biografische Inszenierung zu präsentieren. Wir sind also nicht in seiner New Yorker Wohnung und er erinnert sich an seine Berliner Triumphe – oder was man sonst so machen kann, wenn einem nichts anderes einfällt. Das Stück ist so stark, dass man es einfach ernst nehmen kann. Und es funktioniert!“UWE FRIEDRICH

Premiere 9.6., 19 Uhr. Weitere Vorstellungen 12., 15., 18.,

21. und 26.6., jeweils 19.30 Uhr; 23.6., 19 Uhr

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