Zeitung Heute : Wenn Zellen richtig atmen

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Das Revival einer Außenseitertheorie zu Krebs

Hartmut Wewetzer

Otto Warburg war ein verschrobenes Genie. Der „Kaiser von Dahlem“ wurde der Berliner Biochemiker und Arzt spöttisch-bewundernd genannt. Warburg, 1931 mit dem Nobelpreis geehrt (und an mindestens einem weiteren knapp vorbeigeschrammt), hatte das Geheimnis der Zellatmung aufgeklärt. Er war ein Pferdenarr und Ökofreak, der sein eigenes Gemüse anbaute und Brot buk.

Als echter Eigenbrötler hatte Warburg 1924 auch eine eigene Theorie zur Krebsentstehung entwickelt. Er hatte beobachtet, dass Krebszellen ihren Energiebedarf nicht wie gesundes Gewebe hauptsächlich aus der Zellatmung beziehen, sondern durch Gärung. Dieser „Warburg-Effekt“ war seiner Meinung nach die Ursache von Krebs.

Warburgs Annahme geriet fast in Vergessenheit. Und könnte jetzt doch eine Renaissance erleben. Der Krebsforscher Evangelos Michelakis von der Universität von Alberta in Kanada und sein Team haben nämlich Anhaltspunkte dafür, dass der Warburg-Effekt die Behandlung von Krebs tatsächlich auf eine neue Grundlage stellen könnte. Michelakis testete eine simple Chemikalie namens Dichloracetat (DCA) im Reagenzglas und im Tierversuch mit Ratten auf ihre Wirksamkeit gegen häufige Tumoren. Dabei erwies sich DCA als sehr gut wirksam, berichten die Forscher im Fachblatt „Cancer Cell“.

DCA ist geschmack- und farblos, spottbillig, nicht patentiert und kaum giftig. Ratten, in denen Geschwülste heranwuchsen, bekamen es mit dem Trinkwasser. Daraufhin schrumpften die Tumoren fast schlagartig zusammen.

Was war geschehen? DCA wird seit vielen Jahren bei Menschen eingesetzt, bei denen die Mitochondrien nicht richtig arbeiten. Mitochondrien sind die „Kraftwerke“ der Zelle, in denen aus Traubenzucker und Fettsäuren mit Hilfe von Sauerstoff Energie gewonnen wird.

Genau dieser Prozess der Zellatmung ist auch bei Krebszellen weitgehend blockiert. Die haben ihren Stoffwechsel nämlich, wie schon Warburg richtig festgestellt hatte, auf Gärung umgestellt. DCA hebt die Blockade der Mitochondrien in den Krebszellen auf – mit höchst erfreulichen Folgen. Denn sobald die Mitochondrien wieder normal arbeiten, wird in vielen Krebszellen ein Selbstmordprogramm ausgelöst. Schon Warburg hatte angenommen, dass der Krebsschaden seine Ursache in defekten Mitochondrien hat, es aber nicht beweisen können.

Für Michelakis ist klar, dass der gestörte Stoffwechsel des Tumors zu seiner Achillesferse werden könnte. Denn sobald DCA die Mitochondrien wieder richtig funktionieren lässt, sind die Krebszellen plötzlich verwundbar. Auf diese Weise könnte auch die herkömmliche Chemotherapie besser anschlagen.

Folgerichtig will Michelakis DCA nun auch bei echten Krebskranken testen. Spätestens hier ist eine skeptische Bemerkung fällig. Denn viele Stoffe, die im Labor und im Tierversuch gut gegen Krebs zu helfen schienen, versagten in der Praxis. Der endgültige Beweis für den Warburg-Effekt steht also noch aus.

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