Zeitung Heute : Wer an morgen denkt

Einige Sozialdemokraten könnten dem Kanzler und der Partei in ihrer Krise eine Stütze sein – und sie vielleicht in die Zukunft führen

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Wann und wo auch immer bei Gerhard Schröder Personalnot in wirtschafts, sozial- und finanzpolitischen Fragen ausbricht, fällt der Name des Kanzler-Vertrauten Alfred Tacke (53). Der Mann diente dem Kanzler schon in Niedersachsen, zog mit nach Bonn und dann Berlin: In Niedersachsen Staatssekretär in der Wirtschaftsverwaltung, zog er auch in der Bundesregierung als Staatssekretär in das Wirtschaftsministerium ein – allerdings mit wachsenden Aufgaben. Seit November 2000 hat er zusätzlich zu seinem normalen Job noch die Funktion des Sherpas – das sind die wirtschafts- und finanzpolitischen Berater der Regierungschefs bei Weltwirtschaftsgipfeln und anderen internationalen Treffen. Tacke ist der ewige Staatssekretär, aber auch die ewige Wunderwaffe. In den vergangenen Wochen hieß es, er werde Nachfolger Florian Gersters bei der Bundesagentur für Arbeit, dann sollte wieder er ins Finanzministerium wechseln. Nichts davon geschah – zutrauen tun ihm das alle, unter einer Voraussetzung: dass Gerhard Schröder Kanzler bleibt.

Peer Steinbrück (57) ist als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wegen des großen Gewichts des dortigen Landesverbandes per se mit großem Einfluss in der SPD versehen. Darüber hinaus hat sich Steinbrück aber auch als Finanzpolitiker längst einen bundesweit bekannten Namen gemacht. Und zwar mit dem Subventions-Abbau-Konzept, das er im letzten Jahr mit Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) erarbeitet hat. Anders als Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD), der mit seinem Konzept zum Subventionsabbau eher Widerstand erzeugt hat, gelang Steinbrück eine konsensuale Lösung.

Marion Caspers-Merk (48), parlamentarische Staatssekretärin im Sozialministerium, will in diesem Jahr vor allem ein großes Projekt angehen: die Reform der Pflegeversicherung – oder, wie sie es selbst formuliert, „die Quadratur des Kreises“. Die SPD-Frau aus dem Wahlkreis Lörrach-Müllheim in Südbaden arbeitet derzeit an einem Konzept, wie mehr Geld ins System der Pflegeversicherung gelangen kann, ohne dass die Beiträge kurzfristig steigen müssen. Auf sich aufmerksam gemacht hat Caspers-Merk auch als Drogenbeauftragte der Bundesregierung – ein Amt, das sie seit Januar 2001 innehat. In dieser Funktion setzt sie sich momentan dafür ein, dass auf so genannte Alcopops eine Sondersteuer erhoben wird. Sie will dafür sorgen, dass Jugendliche weniger zu den alkoholhaltigen Mixgetränke greifen. Im Bundestag ist Caspers-Merk, die Politik, Germanistik und Geschichte studiert hat, seit 1990. In der SPD-Bundestagsfraktion wird sie als „zupackend“ und „engagiert“ beschrieben.

Auch wenn es dieser Tage merkwürdig klingen mag: Olaf Scholz (43) gehört nach wie vor zur Riege jener Sozialdemokraten, die wichtige Ämter übernehmen können. Als Generalsekretär ist er gescheitert – an den widrigen Verhältnissen und an seiner sperrigen, wenig Wärme verströmenden Art. Doch schon zu seiner glücklosen Generalszeit wurde Scholz immer wieder für ein Ministeramt gehandelt. Mit seiner Gewissenhaftigkeit und seinem scharfer Verstand wäre er in einer Fachbehörde vielleicht besser aufgehoben als auf der bisherigen Position. Während seines Kurz-Gastspiels als Innensenator in Hamburg hat sich der Rechtsanwalt bereits Respekt als Ressortchef erworben. Die mögliche Nachfolge Otto Schilys als Innenminister etwa trauen Scholz auch jene Sozialdemokraten zu, die ihn als Generalsekretär für eine Fehlbesetzung hielten. „Ich bin mir ganz sicher, Olaf Scholz wird uns in der Politik noch oft begegnen“, sagte der designierte Parteichef Müntefering zu dessen angekündigtem Abschied. Und an einem hatte es Scholz in seiner Generalszeit niemals fehlen lassen: an seiner Loyalität zu Gerhard Schröder. Was ihm als Quasi-Parteichef manchmal geschadet hat, könnte sich bald schon für ihn auszahlen.

Im Bundeskanzleramt wird die Arbeit der Bundesregierung koordiniert, schon deshalb hat der Chef des Amtes, Staatssekretär Frank-Walter Steinmeier (48), ein zentrale Stellung in Gerhard Schröders Helferschar. Neben Schröders Büroleiterin Sigrid Krampitz – beide hat der Kanzler aus der Staatskanzlei Hannover mit auf die Bundesbühne gebracht, beide sind zudem gleichermaßen selbstlos und uneitel – dürfte Steinmeier der Einzige sein, der das uneingeschränkte Vertrauen des Regierungschefs besitzt. Das macht ihn noch stärker, als er es funktional schon ohnedies ist. Über alle politischen Grenzen hinweg gilt Steinmeier als ein überaus seriöser Beamter – Schröders Vorhaben, ihn nach Bodo Hombachs Abgang im Sommer 1999 zum Bundesminister ernennen zu lassen, widersetzte er sich. Und niemand bestreitet, dass er ein adminstrativer Könner von höchsten Graden ist. Doch auch dieser Mann stößt bisweilen an die Grenzen des Machbaren: den neben der zentralen Steuerung des Regierungshandelns muss er immer wieder auch als Frühwarnsystem und Pannenhilfe auf den Plan. Immer wieder ist er für Kabinettsposten im Gespräch. Doch die Lücke, die er im Kanzleramt reißen würde, wäre nicht zu schließen. Für Schröder ist er wirklich unersetzlich.

Wilhelm Schmidt (60) ist Erster parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Als solcher steht der Niedersachse nie im Rampenlicht der Öffentlichkeit, sondern leistet Kärnerarbeit unter Deck. Mehr noch als der Fraktionsvorsitzende selbst, der viel Außenwirkung zeigen muss, ist er im Tagesgeschäft dafür verantwortlich, dass stets die eigene Mehrheit steht. Sein Ohr ist am nächsten am Herzen der Fraktion, Schmidt muss alle Hinterbänkler kennen, deren Sorgen erahnen und diese ihnen am besten nehmen. Er ist der eigentliche Zuchtmeister.

Karl-Josef Wasserhövel (41), wird vermutlich für den neuen Parteichef Franz Müntefering der wichtigste Mann in der SPD-Parteizentrale. Wasserhövel, der bisher Münteferings Büro leitete, soll zum neuen Bundesgeschäftsführer aufsteigen. Seit zehn Jahren arbeitet der SPD-Mann für Müntefering, 1998 und 2002 gehörte er zu den Organisatoren des Bundestagswahlkampfes der SPD. Wasserhövel, der „Kajo“ genannt wird, sorgte in der Diskussion um die Agenda 2010 gemeinsam mit Müntefering dafür, die Abweichler in den eigenen Reihen in zahlreichen Gesprächen zu überzeugen.

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