Zeitung Heute : Wer andere beschimpft, muss Müll sammeln

Der Tagesspiegel

Von Annekatrin Looß

„Fette Ratte“, „Judensau“, „Türkenschlampe“ – so schallt es über die Berliner Schulhöfe. Das sagt zumindest der Vorsitzende des Berliner Philologen-Verbandes, Jobst Werner. „Die Sprache der Jugendlichen ist härter geworden“. Oft seien sie sich der Bedeutung ihrer Ausdrücke gar nicht bewußt. Aber die Opfer leiden unter der Verbalgewalt. Deshalb sind einige Berliner Schulen dazu übergegangen „Benimm-Verträge“ einzuführen. „Darin sollen die Schüler festhalten, wie sie miteinander umgehen und sich verpflichten, den aufgestellten Regeln zu folgen“, erklärt die Sprecherin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Sigrid Baumgarten. Verstöße sollen mit Lehrergesprächen, Arbeiten für die Schule oder Schulverweis geahndet werden.

Seit einigen Jahren regeln solche Verträge das Zusammenleben der Schüler an der Stephan-Werner-Hauptschule in Tempelhof. Zu Anfang jedes Schuljahres erarbeiten die Klassensprecher einen Katalog von Verhaltensregeln. Dieser wird dann in den Klassen diskutiert und von den Schülern unterschrieben. Nicht nur das Verbot von Schimpfwörtern ist dort festgehalten. Es gibt auch Regeln über den Gebrauch von Handys an der Schule und den Umgang mit Schuleigentum. Es sei wichtig, die Schüler ernstzunehmen, sagt Schulleiter Siegfried Arnz. Schließlich hielten die Jugendlichen sich lieber an selber beschlossene Regeln, als an solche, die von den Lehrern diktiert werden. Die Atmosphäre an der Schule, unter deren Dach 300 Schüler aus 34 Nationen lernen, habe sich seit Einführung der Versprechen entscheidend verbessert.

„Diese Verträge ersetzen jedoch kein pädagogisches Handeln“, sagt Rektor Arnz. Vielmehr seien sie eine Ergänzung. So haben sich an der Schule außerdem 40 Schüler zu Konfliktlotsen ausbilden lassen, die im Streitfall schlichtend eingreifen. Diese Schüler entscheiden auch über die Strafe, mit der ein Verstoß gegen das Versprechen an die Schulgemeinschaft geahndet wird. Das reicht vom Müllsammeln auf dem Schulhof bis hin zu Streicharbeiten. „Jeder Schüler muss zum Ausgleich für sein schlechtes Benehmen etwas Gutes für die Schulgemeinschaft tun“, erklärt Arnz. Nur bei besonders schlimmen Vorfällen, wie Messerangriffen, greift er selber ein. Inzwischen holen sich Lehrer aller Schultypen Rat in Tempelhof. Sie wollen ebenfalls „Benimm-Verträge“ einführen. Werner Jobst vom Philologen-Verband, selbst Schulleiter eines Steglitzer Gymnasiums, hält dagegen wenig von den Verträgen. „An meiner Schule sind derartige Vergehen eine Ausnahme, die wir in Einzelfällen klären.“ So habe er einmal ein Gespräch mit einer 6. Klasse über deren Gebrauch von Schimpfwörtern führen müssen. Im vergangenen Frühjahr habe er außerdem einen Jugendlichen für einen Tag vom Unterricht ausgeschlossen. Die Lehrergewerkschaft GEW sieht die Verträge hingegen differenzierter. Sie seien an bestimmten Schultypen notwendiger als an anderen.

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