Zeitung Heute : Wer bei Zwangsversteigerungen sein Traumhaus ersteigern will, kommt am World-Wide-Web nicht mehr vorbei

Martin Wocher

Das Angebot galt schon als Kaufgelegenheit, als das Amtsgericht die Zwangsversteigerung bekannt gab: ein frei stehendes Einfamilienhaus auf einem Erbpachtgrundstück von 5570 Qudratmeter, verkehrsgünstig am Rande Freiburgs gelegen; 670 000 Mark hatte das Gericht als Verkehrswert ermittelt. Die Bieterin, die ihrem Traumhaus über den Versteigerungskalender des Ratinger Argetra-Verlages auf die Spur gekommen war, hatte doppeltes Glück: Die Mitbewerber strichen während des Gerichtstermins vorzeitig die Segel, der Hammer des Rechtspflegers fiel bei 450 000 Mark.

Immobilienexperten weisen darauf hin, dass es nicht reicht, nur die reinen Daten wie Versteigerungstermin und Verkehrswert zu kennen. Die Chancen, ein Haus preisgünstig per Zwangsversteigerung zu erstehen, sei ohne Erfahrung relativ gering. "Ich muss den Markt kennen, den Wert der Immobilie abschätzen können, wissen, in welchem Moment des Bietverfahrens ich bin. Der normale Berufstätige hat oftmals gar nicht die Zeit dafür", heißt es beim Ring Deutscher Makler. Hilfestellung sowie jede Menge Daten und Fakten können potenzielle Immobilienkäufer inzwischen problemlos über das Internet abrufen.

Den virtuellen Zwangsversteigerungsmarkt teilen sich im Wesentlichen drei große Anbieter, die um die Position des Marktführers kämpfen. Dabei unterscheiden sich die Angebote nur in Teilbereichen voneinander. Herzstück der Programme ist eine mit verschiedenen Suchfunktionen ausgestattete Datenbank, aus der die Termine, die Art und die Lage des Objekts, dessen Größe, Datum sowie Ort der Versteigerung, Verkehrswert und andere Angaben entnommen werden können. Ein flächendeckendes Angebot aller Bundesländer mit ihren über 800 Amtsgerichten und rund 7000 bis 8000 Terminen schickt der Platzhirsch der Branche, der Ratinger Argetra-Verlag, über den Online-Dienst des Wirtschaftsmagazins DM ( www.dm-online.de ) ins Rennen. Argetra liefert seit mehr als 20 Jahren Informationen rund um das Thema Zwangsversteigerungen mit Hilfe seines monatlich erscheinenden Versteigerungskalenders. Dieser kostet monatlich knapp 40 Mark, während das DM-Online-Angebot kostenfrei abgerufen werden kann. Dafür beschränkt sich der Internet-Dienst auf die Kerninformationen. Argetra-Chef Winfried Aufterbeck verspricht, dass fünf Wochen im Voraus alle bundesdeutschen Zwangsversteigerungstermine bei ihm zu finden sind. Um die Internet-Plattform zu erweitern, sind die Argetra-Termine seit Anfang September auch in der Wirtschaftsdatenbank Genios ( www.genios.de ) zu finden. Dort kostet der Abruf der Informationen allerdings Geld.

Diesen Weg hat auch die Dortmunder Immo ZV beschritten, deren Zwangsversteigerungstermine neben Genios (Preis pro Dokument: 4,80 Mark) auch in der - gleichfalls kostenpflichtigen - Wirtschaftsdatenbank gbi ( www.gbi.de ) und im Internet-Angebot des Münchener Magazins "Focus" zu finden sind - hier allerdings ohne Gebührenzähler. Den preislichen Unterschied rechtfertigt Immo-ZV-Macher Rayner Jankowski mit den verfeinerten Recherchemöglichkeiten beispielsweise von Genios. So könnten dort allein 60 Objekttypen - von Bauernhof bis Tankstelle - angegeben werden. Das Immo-ZV-Angebot in Genios werde daher verstärkt von Maklern, Unternehmensberatungen und Banken benutzt, so Jankowski. Schwachpunkt der Dortmunder: Es sind nicht alle Bundesländer erfasst. Vor allem in Bayern, Bremen, im südlichen Baden-Württemberg und Teilen Sachsens gibt es noch weiße Flecken.

Dritter im Bunde ist der Troyhouse Verlag ( www.zwangsimmobilien.de ). Die Suche nach Erstterminen ist bei dem Hildesheimer Anbieter kostenfrei, Zweittermine können nach einer - ebenfalls kostenlosen - Registrierung abgerufen werden. Stolz verweist Troyhouse auf die ausgefeilte Suchmaschine mit mehreren Optionsmöglichkeiten. Einige Objekte können im Bild betrachtet werden. Immobilien werden erst ab einem Wert von 50 000 Mark in die Datenbank aufgenommen, potenzielle Käufer können auf rund 5000 Objekte zurückgreifen. Auch bei Troyhouse haben Bayern die größten Schwierigkeiten, sich virtuell über Zwangsversteigerungen in ihrer Nähe zu informieren. Mit Teilen Baden-Württembergs und Sachsens gibt es gleichfalls noch einige Probleme. Das Manko soll möglichst schnell behoben werden, verspricht Troyhouse-Chef Klaus-Dieter Florin. Dafür besteht die Möglichkeit einer Benachrichtigung per E-Mail, sollten neu hereingekommene Objekte vorher eingegebenen Kriterien entsprechen.

Dass das Datensammeln von mehreren Hundert Amtsgerichten eine mühevolle und kostenintensive Angelegenheit ist, merken Internet-Nutzer spätestens, wenn sie auf regional beschränkte Angebote klicken. So bietet die Berliner zvg.com ( www.zvg.com ) einen sehr lückenhaften Überblick über das Zwangsversteigerungsangebot einiger weniger deutscher und österreichischer Gerichte. Am ehesten werden hier noch Interessenten an Berliner und Hamburger Immobilien fündig.

Inzwischen haben allerdings auch Behörden den Trend der Zeit erkannt. Elf Amtsgerichte aus Nordrhein-Westfalen - von A wie Ahaus bis S wie Steinfurt - haben ihre Versteigerungstermine unter einer zentralen Adresse ( www.zvg.nrw.de ) ins Internet gestellt.

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