Zeitung Heute : Wer braucht den Weihnachtsmann?

An Heiligabend ziehen sich hunderte von ihnen ihre roten Mäntel an. Christliche Sachen wollen die Leuten nicht, sagen sie. In Schwulencafés nehmen sie auf Wunsch die Rute mit. Sie sind der vage Rest einer Tradition.

Nadja Klinger

Einmal hat Marcelo den Zettel verloren. Das kam so: Ein paar Teenager entdeckten ihn und warfen mit Schneebällen. Es war keine fröhliche Schneeballschlacht, sondern es ging ziemlich zur Sache. Marcelo musste sich verteidigen. Er hat mit beiden Händen Schnee geschaufelt und geworfen. Der lange Mantel hat gestört, die Mütze ist verrutscht, der Bart. Schließlich ist er auf sein Fahrrad gesprungen und davongefahren: der Weihnachtsmann auf der Flucht vor den Kindern. Irgendwann hat er gebremst, um nachzusehen, wo er überhaupt hin musste. Da war der Zettel nicht mehr da.

Marcelo konnte zwei Familien nicht mehr besuchen. Er setzte sich an die Straße, überlegte, aber die Adressen fielen ihm nicht ein. Er rief andere Weihnachtsmänner an. Keiner konnte helfen. Er behielt sein Handy in der Hand und wartete darauf, dass die Familien sich meldeten. Schneeflocken fielen vom Himmel und legten sich als flauschige Decke über den Wedding. Es herrschte eine sanfte Stille. Das Handy klingelte nicht. Marcelo schob sein Rad. Er fühlte sich nicht wie jemand, der bei der Arbeit versagt hatte. Er fühlte sich schlechter. Er lief zur perfekten Zeit durch die perfekte Kulisse, aber irgendwo wartete man vergeblich auf seinen Auftritt. Marcelo hatte den einzigen heiligen Abend im Jahr versaut.

Es gab keinen Ärger. Die beiden Weddinger Familien, die beim Studentenwerk „Heinzelmännchen“ einen Weihnachtsmann bestellt und nicht bekommen hatten, beschwerten sich nicht. Vielleicht hatte das vergebliche Warten das Fest nicht wirklich verderben können. Vielleicht glaubten sie sowieso an niemanden und nichts und waren auch am 24. Dezember aufs Schlimmste gefasst gewesen.

Die Rentiere stehen in Bernau

Marcelo Yanez, der an der Freien Universität Musikwissenschaft studiert, ist so etwas wie mit dem Zettel nie wieder passiert. Er ist seit Jahren Weihnachtsmann. Er hat ein Heft mit goldenem Papier beklebt. Darin steht alles, was er sich über die Familien, die er besucht, merken muss. Außerdem sind da noch ein paar Liedtexte. Das „Goldene Buch“ ist verräterisch. Der Weihnachtsmann kann alles hören und sehen, was übers Jahr hinter verschlossenen Türen geschieht. Da staunt jedes Kind. Aber er kann sich scheinbar nichts merken! Er liest ab! Und hat er nicht genau so einen Wattebart, wie er bei McPaper hängt?

Weihnachtsmänner fürchten Kinderaugen. Keine Jeans und keine Turnschuhe unterm Mantel, heißt es bei den „Heinzelmännchen“. Keine dicke Armbanduhr! Keine blauen Müllbeutel anstelle des Jutesacks! Handys aus! Beim Trinken auf keinen Fall den Bart hochklappen! Und wenn ihr gefragt werdet, wo eure Rentiere sind, dann sagt, ihr habt sie in Bernau gelassen, weil sie den lauten Stadtverkehr nicht vertragen!

Jedoch die Kinder schweigen darüber, was ihre Augen sehen. Manchmal sind sie vielleicht etwas vorlaut, aber niemals werden sie alles verraten. Weihnachtsmänner gehören einfach zu den geschützten Arten. Sie sind der vage Rest einer Tradition. „Christliche Sachen sind bei den Leuten nicht mehr angesagt“, sagen die Weihnachtsmänner von Berlin. Ihr Erscheinen löst immer auch einen Schrecken aus. Sie sind unecht, aber gäbe es sie nicht mehr, ginge es ans Eingemachte. Kein Kind verrät Träume an die Wahrheit, solange es nicht muss.

Die Erwachsenen bestellen den Weihnachtsmann. Sie wünschen, dass kein dunkelhäutiger kommt. Aber bei den Heinzelmännchen arbeitet auch ein Inder und auch ein Togolese. Man erklärt den Erwachsenen, dass die Studentenschaft bunt ist wie das Leben in Berlin und dass man für nichts garantieren kann. Das gefällt ihnen nicht, aber sie haben keine Wahl. Am Telefon vereinbaren sie eine Zeit. Sie deponieren die Geschenke im Keller, legen den Kellerschlüssel unter die Fußmatte. Am Heiligabend sind sie nervös. Sie bringen ihre Kinder in Stimmung, langsam, nicht zu sehr, damit die Stimmung nicht zu früh kippt. Sie lauschen und blicken immer wieder auf die Uhr. Es donnert an die Tür, sie zucken zusammen und öffnen. Die Eltern reden genau dasselbe daher, was sie schon voriges Jahr dahergeredet haben. Niemand nimmt Anstoß daran. Sie können den Text von „Stille Nacht, heilige Nacht“ wieder nicht. Bevor er geht, drücken sie dem Weihnachtsmann 28 Euro in die Hand.

Marcelo Yanez besucht über zehn Familien am Heiligabend. In wenigen Stunden verdient er gutes Geld. Die Vorarbeit hat schon im Oktober begonnen. Seitdem ist Yanez täglich im Weihnachtsmannbüro der „Heinzelmännchen“ in der Mensa Nord, Reinhardstraße. Zusammen mit Jörg Schöpfel nimmt er die Bestellungen an. Schöpfel hat Geografie studiert. Er hatte eine Cateringfirma für Cocktails, bis den Firmen, die er beliefert hat, das Geld für Cocktails ausging. Er leitet Workshops zum Mixen. Er könnte Weihnachtsmannworkshops machen, sagt er. Seit Jahren zieht auch er an Heiligabend los. „Der Job wird total unterschätzt“, sagt Schöpfel. Den Studenten, die ihn machen wollen, zeigt er ein Video. Man sieht, was passieren kann, wenn man im Wohnzimmer einer x-beliebigen Familie steht. Das Video ist wie ein Film von Loriot. Die Kinder haben sich im Schrank vesteckt, der Weihnachtsmann macht alles falsch. Sein Mantel ist zu kurz, er kann nicht singen. Wer will in so einem Film schon gern der Weihnachtsmann sein.

Jörg Schöpfel und Marcelo Yanez testen die Bewerber. Sie müssen einen Telefonhörer ans Ohr halten und das Vorbereitungstelefonat führen. Sie müssen an die Tür klopfen, hereinkommen und Bescherung spielen. Früher gab es nur das Christkind und den heiligen Nikolaus. Schöpfel streitet nicht, wo der Weihnachtsmann herkommt, ob aus der Türkei, aus Russland oder von Coca Cola. Er urteilt nicht darüber, ob der Nikolaus und sein finsterer Helfer vom Weihnachtsmann ersetzt wurden, oder ob es sie alle drei geben darf. Er mag das Christkind ebenso.

„Der Weihnachtsmann ist der Chef“, sagt er. „Er duzt jeden. Er fordert Papi auf, mal ganz schnell den Fernseher auszumachen, und wenn er singt, dann singen alle mit.“ Wenn Schöpfel an sein Handy geht, sagt er: „Hier ist der Oberweihnachtsmann!“ Eine Studentin, die die Anrufe im Büro entgegennimmt, nennt sich Telefonengel. Marcelo ist Marcelo. Morgens verspätet er sich manchmal um mehr als nur ein akademisches Viertel. Dann trinkt er schnell zwei Kaffee. Eigentlich nimmt er die Sache sehr wichtig. Wochenlang läuft alles nur auf den Moment zu, da der Weihnachtsmann erscheint. „Er ist die Krönung der Weihnachtszeit“, sagt Yanez. „Er kann aber auch alles verderben.“

Auf der Weihnachtsmannvollversammlung am ersten Advent in der Kulturbrauerei läuft Marcelo so wichtig hin und her, wie er die Sache nimmt: mit strenger Miene immer zwischen Eingangstür und versammelter Runde. Eine halbe Stunde nach Veranstaltungsbeginn sind erst 20 von 200 Weihnachtsmännern anwesend. „Bitte zieht eure Mäntel an!“ ruft Jörg Schöpfel durchs Mikrofon, aber kaum jemand hält sich dran. „Denkt an die Presse!“ Sie sollen sich die Bäuche halten vor Lachen, die Weihnachtsmänner, sie sollen auf dem Rummel Karussell fahren und Trampolin springen. 2000 Kunden sind für den Heiligabend eingeplant. Mindestens. Die Krönung der Weihnachtszeit ist letztlich auch ein Geschäft.

Engel will keiner haben

„Lebendige Tradition“, nennt Schöpfel dieses Geschäft. Das Prinzip: Der Weihnachtsmann ist der Gute. Die Studenten im Kostüm sollen Kinder loben und sie nicht zu Gedichten zwingen. Nur in Schwulencafés nimmt der Weihnachtsmann auf Wunsch die Rute mit.

Letztes Jahr wurde Marcelo vom Vorstand einer großen Bank für die Weihnachtsfeier engagiert. Er telefonierte mit der Chefsekretärin. Sie sagte, sie würde ihm noch eine kurze Rede schicken. Die Mail war lang. Der Weihnachtsmann solle sich nicht damit aufhalten, ein schönes Fest zu wünschen, sondern zur Sache kommen. „Muss das sein?“, fragte Marcelo. Am anderen Ende sagte die Sekretärin: „Ich bin doch nur die Sekretärin.“

Sie nahm ihn dann am Seiteneingang der Bank in Empfang. „Drinnen haben sie gefeiert und getrötet“, erinnert sich Marcelo. Wie immer hat er seine Stimme verstellt, diesmal jedoch gleichzeitig versucht, nicht so grimmig zu wirken. Vergeblich. Bald sei Weihnachten und letzte Woche sei ja schon Nikolaus gewesen, sagte Marcelo im Namen des Vorstands durch seinen weißen Bart hindurch, und da hätte die Belegschaft sich ja selber ein großes Geschenk gemacht. Das Geschenk stand in der Rede in Anführungszeichen. Dass letzte Woche im Unternehmen irgendwas schief gelaufen war, konnte Marcelo aber auch daran merken, dass alle erstarrten. Nach seiner Rede sollte er ganze drei Geschenke verteilen an Mutige, die dafür sangen oder tanzten. Drei Kollegen rangen sich durch, wohl um dem Auftritt des Weihnachtsmanns schnell ein Ende zu bereiten. Allen anderen schenkte Marcelo Nüsse und Apfelsinen. „Das haben Sie super gemacht“, sagte die Sekretärin, als sie ihn an der Tür wieder verabschiedete. Sie kicherte. Marcelo sah sie mit Weihnachtsmannaugen an. Sie war in seinem Alter. „Ja“, antwortete Marcelo. „Nur ist es da drinnen jetzt totenstill. Keiner redet mehr.“

Später erging es ihm umgekehrt. Die Werkstatt einer großen Autofirma feierte. Die Belegschaft hatte Geld gesammelt und einen Weihnachtsmann bestellt. Die Rede, die er verlesen sollte, war halb nett und halb Kritik. Sie sollten nicht immer so schlechte Laune haben, sagte Marcelo mit verstellter Stimme den Chefs, auch mal loben und kommunizieren, anstatt alles allein zu entscheiden. Sein Publikum war hörbar angespannt. Die vier, gewöhnlich schlecht gelaunten Chefs hoben die Gläser. „Frohes Fest!“, sagten sie schließlich lächelnd.

Die studentischen Weihnachtsmänner sind nicht nur bunt wie das Leben in Berlin. Sie sind, wenn auch nur einen Abend im Jahr, ein Abbild des Lebens schlechthin. Zuweilen werden die Studenten in Firmengebäude gebeten, um den Mitarbeitern aus aller Welt in sechs Sprachen ein schönes Fest zu wünschen. Kein Problem. Jedoch wundert man sich im Weihnachtsmannbüro, dass an Berliner Universitäten auch Studenten eingeschrieben sind, die nicht einmal so viel Deutsch sprechen, dass sie die Bescherungsszene hinbekommen.

Das Leben schlechthin hat seine Vorzüge und seine Tücken. Anfang bis Mitte der 90er Jahre hatten die „Heinzelmännchen“ fast 7000 Kunden. Heute sind es längst nicht die Hälfte. Man wollte Jobs für Frauen schaffen. Es gibt nicht allzu viel Arbeit für Engel, denn Engel plus Weihnachtsmann ist doppelt so teuer. Letztlich hat das Leben schlechthin Grenzen.

Das geheimnisvolle Buch

Auch die Zusammenarbeit aller Berliner Weihnachtsmänner hatte ihre Grenzen. Außer den 200 „Heinzelmännchen“ gibt es ebenso viele studentische Weihnachtsmänner bei Tusma e.V. Bis letztes Jahr hat man zusammengearbeitet. Es war sinnvoll, die Einsatzgebiete in der großen Stadt unter allen aufzuteilen. Zudem wurde auch gemeinsam organisiert. Dieses Jahr hat man sich darauf geeinigt, dass nicht einer schlecht über den anderen spricht. Was bedeutet, dass nicht viel gesagt wird darüber, warum die Studenten nicht mehr zusammenarbeiten. „Die Wege für jeden von uns werden nun länger sein“, sagt Marcelo Yanez. Und einmal rutschen Jörg Schöpfel auch zwei Sätze heraus. „Es wird passieren, dass sich an Heiligabend zwei Weihnachtsmänner in einem Wohngebiet begegnen“, sagt er. „So ein Blödsinn.“

Mitunter, wenn Marcelo beim Kunden anruft, um Fakten fürs Goldene Buch einzuholen, sagt der: Ach, kommse einfach, bringse die Jeschenke und jehnse wieder! Dann muss er versuchen, ihm wenigstens ein bisschen was aus der Nase zu ziehen. Hat Ihr Kind Freunde?, fragt er. Tiere? Sammelkarten? Manchmal bleibt ihm nichts übrig, als sich beim Betreten der Wohnung eilig umzuschauen. Heilfroh ist Marcelo, wenn er ein Fußballposter erblickt. Dann kann er sich mit dem Sohn wenigstens über Hertha unterhalten.

Vater-Ersatz

In einem der intimsten Momente betritt Marcelo Yanez Jahr für Jahr die Wohnungen deutscher Großstadtfamilien. „Der Moment ist überall fast perfekt inszeniert“, sagt er. Überall sieht es anders aus. Wo eine billige Schrankwand steht, ist das dicke Auto vor der Tür geparkt, oder es gibt drei Fotoapparate und eine Videokamera. Antike Möbel stehen in billig angemieteten Wohnungen. Insofern ist es auch überall gleich.

An Heiligabend sind Großeltern, Tanten, Onkel anwesend. Frauen glimmern wie Lametta, Männer tragen Krawatte. Männer sind für die Kulisse zuständig. Der Baum steht so, dass er auch auf jedem Foto zu sehen ist. Oft ist der Vater hinter der Videokamera, und der Weihnachtsmann kann sein Gesicht nie sehen. Beim Filmen kümmert sich Vati auch noch um die Kommunikation. Die Mutter hält sich in der Nähe des Kindes auf. Oma sitzt ganz ruhig, als wolle sie nichts falsch machen. Sie ist froh, dass sie hier sein darf.

Immer wieder platzt Marcelo Yanez mit seinem Jutesack und dem roten Kostüm in ein Leben, mit dem er nicht gerechnet hat. Eine Frau, mit der er letztes Jahr ausgiebig telefoniert hatte, war an Heiligabend plötzlich ganz schweigsam und irgendwie angeschlagen. Sie erwartete ihn mit ihrer Tochter allein. Es roch nach neuer Auslegeware. Die beiden waren gerade erst in die Wohnung eingezogen. Verdammt, wo ist der Vater?, fragte sich der Weihnachtsmann. Mutter und Tochter blickten ihn erwartungsvoll an. Sie hatten den ganzen Abend gewartet: Für eine Viertelstunde waren sie nun zu dritt.

Etwa um sieben Uhr hat er seine Mission erfüllt. Ein paar Tage später will keiner mehr was vom Weihnachtsmann wissen. Einmal hat Marcelo Yanez im Oktober in einem Einkaufzentrum Zettel für den Adventsmarkt verteilt. Die Leute haben ihn angerempelt. Sie haben ihm einen Vogel gezeigt. Sie waren richtig gereizt. Sind ganz nah herangekommen, haben mit dem Mund fast seinen weißen Bart berührt und gesagt: „Du hast doch ne Macke! Du bist doch bescheuert!“ – „He“, hat Marcelo geantwortet, „ich mache hier auch nur meinen Job.“

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