Zeitung Heute : Wer entscheidet jetzt über einen Krieg?

Er habe schon einmal Saddams Massenvernichtungswaffen übersehen, sagen seine Kritiker. Und Tschernobyl hielt er für ungefährlich. Hans Blix ist ein umstrittener UN-Inspekteur. Aber er hat sich geändert. Er gibt sich so hart wie noch nie in seinem Leben.

James Bone Roger Boyes

Wenn Hans Blix seiner Arbeit entkommen will, macht er Urlaub im eigenen Chalet in den französischen Alpen. Zusammen mit der Familie. Zu Weihnachten kam seine Frau Eva Kettis, eine pensionierte Diplomatin aus dem schwedischen Außenministerium, aus Stockholm angereist. Das Paar führt seit fast zwei Jahrzehnten eine Fernehe. Sie feierten gemeinsam mit ihren Söhnen Marten, Ökonom bei Schwedens Zentralbank, und Göran, der französische Literatur an New Yorks Columbia Universität studiert hat, und deren Frauen. Aber während die Familie Skifahren ging, blieb Hans Blix, 74, allein zu Hause und kochte in aller Ruhe das Abendessen.

Glücklicherweise fühlt sich Hans Blix wohl mit sich allein. Denn als UN-Chefwaffeninspekteur hat er einen der einsamsten Jobs der Welt. Seine Berichte – den letzten vom 14. Februar schrieb er im Flugzeug von Bagdad nach New York – entscheiden darüber, ob der Westen gegen den Irak in den Krieg ziehen wird oder nicht. Am 1. März wird Blix dem Sicherheitsrat in New York wieder über die Arbeit der Inspekteure berichten.

Der Diplomat, dessen einziges Laster seine Liebe für orientalische Teppiche und edlen Bordeaux ist, er ist der Mann, der den Finger am Abzug hat. Als gewissenhafter Völkerrechtler weiß er, dass er nur die Worte „schwerwiegender Verstoß“ sagen muss, um Saddam Husseins Ende einzuläuten.

Aber Blix ist viel zu sehr der vorsichtige Diplomat, als dass er so etwas einfach aussprechen würde. Er besteht darauf, dass es die Aufgabe des 15-köpfigen Sicherheitsrats ist, diese Entscheidung zu fällen. Doch das bedeutet nicht, dass er den Falken nicht liefern würde, was sie brauchen, um die zweifelnde Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass es Zeit ist, Saddam loszuwerden.

Selbst seine härtesten Kritiker, die ihm vorwerfen, er habe Saddams geheimes Atomwaffen-Programm übersehen, als er in den 80er Jahren der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) war, sind beeindruckt davon, wie gut er seine Aufgabe meistert, nach Iraks mutmaßlichem Bio- und Chemiewaffen-Arsenal zu fahnden. „Ich muss sagen, er zeigte ziemlich viel Stärke, als er geradeheraus sagte, der Irak kooperiere nicht“, sagt zum Beispiel Gary Milhollin, der Direktor des Washingtoner „Wisconsin Project“ zur Nuklearwaffenkontrolle. „Ich denke, er macht seine Arbeit anständig.“

Nancy Soderberg, stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, hat 1993 und ’94 während der Nuklearkrise in Korea mit Blix zusammengearbeitet und sagt, sie erwarte, dass er dieselbe Entschlossenheit gegenüber Bagdad zeigen werde wie einst in Pjöngjang. „Er ist ein typischer Schwede mit trockenem Humor, dessen Zähigkeit man leicht unterschätzt.“

Blix sagt über sich, er lebe „wie ein Mönch“ in New York. Jeden Abend geht er die 20 Blocks vom Büro zu seinem Ein-Zimmer-Apartment zu Fuß. Freunde erzählen, dass er sich gelegentlich einen Kino- oder Theaterbesuch genehmigt, aber seine Freizeit verbringt er meist damit, politische Biographien oder UN-Dokumente zu lesen.

Die Milde und die Diktatoren

Kurz vor Weihnachten sorgte er für Heiterkeit, als er sich unerwartet beim schwedischen Konsulat in New York meldete. „Wir haben in Schweden ein Gesetz, das besagt, dass Menschen, die schwedische Rente beziehen und außer Landes leben, sich jedes Jahr bei der Botschaft melden müssen, um zu beweisen, dass sie noch am Leben sind“, sagt Olle Wastberg, der schwedische Generalkonsul. „Ich sah zufällig gerade aus meinem Zimmer heraus, und da stand Hans Blix. Ich fragte ihn: ,Was machen Sie denn hier?’ Und er sagte: ,Nun, ich bin doch pensioniert, also muss ich bestätigen lassen, dass ich noch am Leben bin.’“ Wastberg antwortete: „Wir werden der Behörde in Schweden mitteilen, wenn Sie nicht mehr unter uns sind. Das wird ja vermutlich in der Zeitung stehen.“

Diese Anekdote ist typisch für den zurückhaltenden, gesetzestreuen Hans Blix. Er ist Sohn eines Linguistik-Professors und wuchs in der akademischen Elite Uppsalas auf, einer kleinen schwedischen Universitätsstadt. Das Haus der Familie hatte pinkfarbene Wände, grüne Fensterläden, ein Klavier und viele Ahnenbilder an der Wand. Der junge Hans lernte Englisch, Französisch und Deutsch und ging mit 18 an die Universität von Uppsala – ein Jahr früher als üblich. Er machte Universitätskarriere: zwei Doktortitel, mit 32 war er Dozent für Völkerrecht in Stockkholm. Eines seiner ersten Bücher hieß „Neutralität und der Nationalstaat“. Er ist immer noch einer der prominentesten Anhänger von Schwedens Politik der Neutralität.

Während seiner Studienjahre war er Präsident der „World Federation of Liberal and Radical Youth“, was revolutionärer klingt als es war, nämlich eine internationale Jugendorganisation liberaler Parteien. Irgendwann trat er dann in die Liberale Partei Schwedens ein, und 1963 bekam er das Angebot, im Völkerrechts-Referat des Außenministeriums zu arbeiten. Blix nahm an. Für die nächsten zwei Jahrzehnte war er Mitglied der schwedischen Delegationen in der UN-Vollversammlung und der Genfer Abrüstungskonferenz.

Im auswärtigen Dienst traf er Eva Kettis. Bis zu ihrer kürzlichen Pensionierung war sie im Außenministerium für die Arktis und die Antarktis zuständig. Deshalb war Blix gerade auf Urlaub am Südpol, als man ihn 1999 aus dem Ruhestand holte, um ihn zum Chef der neu formierten UN-Abrüstungsmission für den Irak, genannt Unmovic, zu machen. Als Blix 1981 zum Generaldirektor der IAEO ernannt wurde, wollte seine Frau Eva ihm nicht nach Wien folgen. Von da an waren sie häufig und lange getrennt. Familienurlaube wurden deshalb sehr wichtig, entweder im Alpen-Chalet oder in Blix’ Lieblingsort: dem Sommerhaus auf der Insel Grasö.

Hans Blix war ein Jahr lang Außenminister, als die Liberalen in Schweden 1978 als Teil einer Minderheitsregierung kurz an die Macht kamen. Nach einem Jahr wurde er wieder Staatssekretär. Niklavs Lapuskin war damals der Bürochef von Blix’ Nachfolger. Er erinnert sich: „Es war am 13. Dezember 1981, und General Jaruselski hatte gerade das Kriegsrecht in Polen ausgerufen. Ich sollte eine harsche Stellungnahme des Ministers aufsetzen. Als sie fertig war, musste sie zunächst Blix lesen. Als ich mein Papier auf seinem Schreibtisch sah, war es voll roter Tinte, so viele Anmerkungen hatte er. ,Sie können das so nicht schreiben’, sagte er mir. ,Wollen Sie der Sowjetunion den Krieg erklären?’“

Der Verdacht, dass Hans Blix gegenüber Diktatoren ein wenig zu gefällig ist, verfolgt ihn. Schwedens früherer Vize-Premierminister, Per Ahlmark, einst ein Rivale innerhalb der Liberalen Partei, beschreibt ihn als „politisch schwach und leichtgläubig“. In einem Zeitungsartikel schrieb Ahlmark: „Ich kann mir nur wenige europäische Beamte vorstellen, die ungeeigneter wären für einen Showdown mit Saddam.“

Während seiner 16-jährigen Amtszeit bei der IAEO war Blix verantwortlich für die „Sicherungsmaßnahmen“ – Vereinbarungen des internationalen Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, mit denen die Waffenentwicklung verhindert, die friedliche Atomenergie-Nutzung aber ermöglicht werden soll. Eine von Blix’ ersten Krisen war 1986 die Tschernobyl-Katastrophe, und seine Kritiker sagen, damals habe sich zum ersten Mal eine institutionelle Blindheit offenbart. „Er hat in der sowjetischen Öffentlichkeit wiederholt gesagt, der Unfall in Tschernobyl würde kaum gesundheitliche Folgen für die Menschen haben“, sagt Professor David Marples von der Universität Alberta. „Es dauerte sechs Jahre, bis die IAEO, immer noch unter der Führung von Blix, das Werk in Tschernobyl für vollkommen unsicher erklärte.“

Eine viel größere Herausforderung waren jedoch Saddams Betrügereien. David Kay zufolge, einem früheren IAEO-Mitarbeiter und UN-Inspekteur, entwickelte der Irak immer gewieftere Techniken, um sein Atombomben-Programm vor Blix’ Inspekteuren zu verstecken. „Inspekteure aus dem Ostblock und den Entwicklungsländern waren bekannt dafür, dass sie sich die billigsten Unterkünfte nahmen und sich auf Kosten des Iraks unterhalten ließen“, schrieb Kay 1995. „Die Iraker nutzten das aus, indem sie billige Zimmer ziemlich weit weg vom Nuklearforschungs-Zentrum in Tuwaitha bereitstellten und bis spät in die Nacht Dinnerparties für die Inspekteure gaben. Die waren dann oft übermüdet, aber glücklich über das Geld, das sie sparten, und bei ihren Inspektionen waren sie deshalb nicht besonders eifrig.“

Nach dem Golfkrieg gab Blix zu, dass ihm das geheime Atomwaffenprogramm des Iraks entgangen war und gab die Schuld den unzulänglichen Sicherungsmaßnahmen, die er dann verschärfen ließ.

Aber Milhollin vom „Wisconsin Project“ besteht darauf, dass Blix die Macht, die er hatte, nicht ausreizte. Zum Beispiel deklarierte der Irak mehr als 45 Kilogramm hoch angereicherten Urans, weit mehr als die 25 Kilogramm, die man laut IAEO braucht, um eine Atombombe zu bauen. Milhollin sagt, die IAEO hätte die entsprechenden Lager alle drei Wochen überprüfen müssen. Aber Blix ließ nur alle sechs Monate kontrollieren, weil das angereicherte Uran an verschiedenen Orten gelagert wurde und an jedem einzelnen davon weniger war, als man für den Bau einer Bombe braucht. Der entscheidende Punkt ist aber, sagt Milhollin, dass die Lager weniger als eine Meile voneinander entfernt waren.

Eine späte Entdeckung

Nach dem Golfkrieg, als Blix mit der neuen UN-Sonderkommission Unscom unter der Leitung seines Landsmannes Rolf Ekeus zusammenarbeiten musste, um Iraks chemische und biologische Waffen zu zerstören, kamen Spannungen auf: obwohl die beiden sanftmütigen Schweden 1963 gemeinsam ins Außenministerium ihres Landes eingetreten waren und Ekeus den ehemaligen Privatsekretär von Blix als seinen Berater beschäftigte. Neben den üblichen Grabenkämpfen zwischen Behörden stieß da der zum Katholizismus konvertierte Ekeus mit dem „stolzen Atheisten“ Blix zusammen. Ekeus war der Meinung, dass Blix die irakischen Beteuerungen, es würden keine Atomwaffen entwickelt, zu schnell akzeptiere.

Milhollin sagt, Blix habe 1991 am Ende der ersten UN-Inspektion einen Bericht herausgeben wollen, laut dem der Irak überhaupt kein Atomwaffenprogramm gehabt habe. Daran hinderten ihn aber dann zwei amerikanische Inspekteure, die misstrauisch geworden waren, weil die Iraker die Fundamente von Gebäuden zerstörten, die die Golfkriegs-Alliierten zuvor bombardiert hatten, weil sie ihnen verdächtig erschienen waren. Ein irakischer Überläufer hat später die Bemühungen der Irakis, eine Bombe zu bauen, aufgedeckt, und die Inspekteure stießen auf einen irakischen Geheimplan, Raketen mit Nuklearsprengköpfen auszustatten.

Auch heute noch befürchten einige Regierungsmitarbeiter im Westen, Blix habe seine Arbeitsweise aus der IAEO übertragen auf die viel schwierigere Aufgabe, nach versteckten biologischen und chemischen Waffen zu suchen. Viele seiner engsten Mitarbeiter in New York sind ehemalige IAEO-Kollegen: ein Jurist aus Sri Lanka, einer aus Indien und der griechische Einsatzleiter. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass Hans Blix selbst das Problem erkannt hat. Ein Beobachter erzählt, Blix habe seinem Nachfolger bei der Atomenergie-Behörde vorgehalten, er sei zu gutwillig, weil er im Zweifel dem Irak Glauben schenke. Blix soll gesagt haben: „Dein Job ist einfacher als meiner.“

Als langjähriger UN-Mitarbeiter hat er die Vorliebe der Organisation verinnerlicht, Konflikte im Konsens zu lösen. Er weiß, wie eine Entwaffnung aussehen soll. Er hat in Südafrika für die IAEO den freiwilligen Abbau eines Nuklearwaffenprogramms überwacht, an dem die Apartheidregierung dort einst arbeitete. Als er im Irak begann, sagte er oft, er könne eine Entwaffnung innerhalb eines Jahres erreichen, wenn Bagdad dieselbe „aktive Kooperation“ zeige wie Südafrika.

Wenn man Blix kennt, weiß man, dass der Wendepunkt in seiner Haltung gegenüber dem Irak kam, als er eines Tages Mitte Januar Reportern sagte: „Ich bin ein Mann des Friedens.“ Wann sonst würde ein langjähriger Diplomat es für nötig halten, seine Liebe zum Frieden zu verkünden, wenn er nicht wüsste, dass er gerade dabei ist, einen Krieg zu beginnen? Einige Tage später überbrachte er dem UN-Sicherheitsrat seine ernüchternde Schlussfolgerung: Der Irak müsse sich erst noch durchringen zu einer ehrlichen Bereitschaft, das Land zu entwaffnen. Später sagte er der Londoner „Times“: „Ich versuche, ganz ungeschminkt zu berichten. Das habe ich versprochen.“

Blix gibt sich unbeeindruckt und scheint doch auch leicht amüsiert darüber zu sein, dass Zeitungen und Fernsehsender viel Geld ausgeben, um ihre Korrespondenten im Flugzeug neben ihm in der Business-Class zu platzieren. Er ist eine Berühmtheit geworden, auch wenn es ihm widerstrebt. Überall bitten ihn Menschen um Autogramme. Als er sich vor dem 14. Februar in Bagdad ins Flugzeug setzte und auf dem Schoß seinen Bericht von weltweiter Bedeutung schrieb, fragten ihn zwei Stewardessen, ob er sich mit ihnen fotografieren ließe. Er willigte ein.

Ola Ullsten, Schwedens Permierminister zu Blix’ Außenministerzeiten, sagt: „Hans hat einen Lieblingssatz, den er verwendet, wenn er schwierige Verhandlungen zu führen hat: ,Ein Rückzug in Ehren kann der Menschheit Rettung gewähren’. Darauf hofft er wohl auch dieser Tage.“

Die Autoren sind Korrespondenten der Tageszeitung „The Times“, London. Den Text übersetzte Annabel Wahba.

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