Wer führt im Sport? : Spitzenpolitiker an die Spitze

Es ist gerade ein Platz auf den Ehrentribünen in deutschen Stadien und Sporthallen frei – ein neuer Präsident oder eine Präsidentin für den Deutschen Olympischen Sportbund wird gesucht. Das Amt verspricht beste Sicht beim Zieleinlauf und beim Elfmeterschießen. Wer mag, darf hinterher bestimmt auch noch in der Umkleidekabine mit den Siegern anstoßen.

An der Spitze des deutschen Sports zu stehen bringt zwar im Monat höchstens 250 Euro Aufwandsentschädigung. Aber der Chef darf, soll sogar Fan von Deutschlands besten Athleten sein. Es gibt regelmäßig etwas zu feiern, vielleicht sogar in zwei Jahren eine erfolgreiche Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2022. Doch die Sportfunktionäre denken zu sehr an den Wettkampf. Sie haben beschlossen, erst einmal unter sich einen Nachfolger für Thomas Bach zu suchen. Eine falsche Entscheidung. Denn damit unterschätzt sich der Sport. Oder sein Führungspersonal überschätzt sich. Im schlechtesten Falle beides.

Sport in Deutschland mögen viele erst einmal mit der Fußball-Bundesliga verbinden, mit Sport als Unterhaltungsbetrieb. Doch der läuft von alleine weiter. Dafür braucht es keine herausragende Führungspersönlichkeit. Sport ist zwar immer unterhaltsamer geworden – aber auch immer wichtiger. Auf große gesellschaftliche Herausforderungen hat der Sport eine ganz eigene Antwort. Wenn es um Integration geht, um die Gesundheit oder den demografischen Wandel. Es ist die Antwort der Bewegung: verbindend, vorbeugend, sinnstiftend und wissenschaftlich erwiesenermaßen beglückend. Sport kann eine Menge erreichen, Sport ist im besten Sinne Gesellschaftspolitik. Und dafür braucht er jetzt einen politischen Präsidenten.

Den gesellschaftlichen Aufstieg des Sports haben schon einige Politiker auch für sich entdeckt: Rudolf Scharping, Michael Vesper, Klaus Böger. In der öffentlichen Diskussion um einen neuen DOSB-Präsidenten fielen jetzt Namen wie Wolfgang Schäuble und Thomas de Mazière. Die Aufgabe könnte für einen Spitzenpolitiker durchaus attraktiv sein, wenn er Politik mit großem Gewicht jenseits des Kabinetts gestalten will. 28 Millionen Mitgliedschaften stehen in den Vereinsbüchern und viele Menschen treiben Sport abseits der Organisationen. Für all sie trägt ein Sportbundchef Verantwortung, für sie kämpft er. Mit dem richtigen Elan sind dort wichtige gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen. Wenn man Peer Steinbrück noch tröstende Worte für Verlierer zutrauen würde, könnte er nun auch ein Kandidat sein.

Im politischen Betrieb dürfte daher am ehesten ein guter Präsident zu finden sein. Willi Lemke etwa erlebt fast täglich als UN-Sonderberater Sport für Entwicklung und Frieden, dass Sport die Welt tatsächlich ein bisschen besser machen kann. Sport ist in den internationalen Beziehungen mindestens Symbolpolitik, manchmal auch vertrauensbildende Maßnahme. Ein Politiker kann dem Sport die nötige starke Stimme verleihen und ihn auch jenseits der Vereine als Gemeinschaft aller Aktiven vertreten, zu denen auch die Jogger im Park gehören.

Der kleine Zirkel der Sportfunktionäre und die Politiker sollten ihren Blick daher weiten. Der neue Präsident oder die Präsidentin könnte bei einem Gesetz zur Vorbeugung von Krankheiten durch Sport mitverhandeln, in der Integrationsdebatte vermitteln und sich in der älter werdenden Gesellschaft klar positionieren. Und im Stadion darf dann auch noch mitgejubelt werden.

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