Zeitung Heute : Wer haftet für die Gewalt?

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Von Kurt Sagatz

Beipackzettel zu Computerspielen sind nichts Ungewöhnliches. Viele Hersteller haben es sich angewöhnt, in den Booklets medizinische Warnhinweise auszusprechen. Konkret geht es um Epilepsie-Warnungen, denn wenn sich entsprechend gefährdete Personen zu lange dem mitunter reichlich hektischen Treiben und den teilweise sehr abrupten Szenenwechseln aussetzen, könnte dies ihrer Gesundheit abträglich sein. Wenn sich der Münchener Rechtsanwalt Michael Witti mit seinem Klagebegehren unter anderem gegen die Hersteller von Computer- und Videospielen durchsetzen kann, müssen diese Warnhinweise künftig möglicherweise um den Passus ergänzt werden, dass gewisse Spiele – gemeint sind Gewalt verherrlichende Actionspiele – bei besonders labilen Spielerpersönlichkeiten zu Gewaltausbrüchen führen können.

Anwalt Michael Witti, bekannt wegen seiner Tätigkeit im Zusammenhang mit der Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, hat der Spiele-Industrie den Kampf angesagt, in dem er die Produkthaftung auf den Amoklauf in Erfurt ausdehnen will. Dem Vernehmen nach haben zwei Geschädigte der Wahnsinnstat bereits Kontakt zu ihm aufgenommen. Ob Witti von ihnen den Auftrag erhalten hat, ihre Interessen zu vertreten, war gestern nicht in Erfahrung zu bringen. Sollte es zur Klage kommen, weil Robert Steinhäuser unter anderem den Ego-Shooter „Counterstrike“ gespielt hat, würde damit in Deutschland absolutes Neuland betreten.

Wie der deutsche Vertreiber des Spiels, Sierra Entertainment, auf die Pläne Wittis reagieren wird, bleibt unklar. Das Unternehmen will sich derzeit nicht zu den Vorwürfen gegen „Counterstrike“ äußern. Es wird vielmehr auf die am 16. Mai anstehende Entscheidung vor der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften verwiesen. Diese hat zu prüfen, ob das Spiel, in dem Eliteeinheiten gegen Terroristen und Geiselnehmer kämpfen, wegen zu drastischer Gewaltdarstellungen auf den Index gesetzt wird.

Um mit einer Klage erfolgreich zu sein, sollte es überhaupt dazu kommen, müsste allerdings ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Spiel als Produkt und Taten wie der in Erfurt hergestellt werden können. Ohne diesen direkten Zusammenhang dürfte die Produkthaftung schwer anzuwenden sein. Das mussten auch die Kläger im Littleton-Prozess in den USA erfahren, die gegen 25 Spielehersteller, Vertriebsfirmen und Filmstudios geklagt hatten. Ihr Vorwurf, die Beklagten hätten mit ihren Produktionen die beiden Attentäter zu ihren Taten ermutigt, wurde vom Gericht verwiesen. Vor allem die Ego-Shooter „Doom“ und „Quake“, die von den Tätern offensichtlich gespielt wurden, hatten die Kläger als Gewaltauslöser gesehen.

Unter Wissenschaftlern wird seit langem über die Wirkung von Gewaltdarstellungen gestritten. Eine aktuelle Studie, die an der Universität Münster erstellt wurde, widerspricht dem einfachen Ursache-Wirkung- Modell. Vielmehr unterscheidet der Autor der Studie, Manuel Ladas, danach, wie die Gewaltdarstellungen wahrgenommen werden. Während ein unbedarfter Zuschauer, der nicht selbst am Spiel teilnimmt, das Geschehen eher mit anderen bildhaften Darstellungen von Gewalt beispielsweise im Fernsehen gleichsetzt, nimmt der Spieler die virtuelle Gewalt „stark ästhetisiert, empathiefrei und rein funktionalistisch“ ohne Verbindung zu realer Gewalt wahr. Das Spiel wird als „spannender, herausfordernder Wettkampf“ gesehen, der die „schadensfreie virtuelle Simulation von Macht und Kontrolle“ ermöglicht. Besonders gut gelingt den Spielern die Abgrenzung zur Realität bei den nun heftig kritisierten 3D-Shootern, so die Studie, für die unter anderem 2142 Computerspieler schriftlich befragt wurden.

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