Zeitung Heute : Wer hat an der Kur gedreht?

Die Deutschen werden immer älter. Warum machen Kurstädte dann plötzlich auf jung? Und was würde der große Heiler Kneipp dazu sagen? Besuch in Bad Wörishofen, der Hauptstadt der Gesundheit.

Harald Martenstein

Die Rollstühle sind das Erste, was auffällt. In der kleinen Fußgängerzone sind immer vier oder fünf davon unterwegs. In den Rollstühlen sitzen Leute von 80, 90 Jahren oder mehr, geschoben werden sie von 60-Jährigen, ihren Kindern vermutlich. Sind Anni und Gudrun auch dabei?

In der neuen Nummer des Stadtjournals werden Gudrun Edel und Anni Grabowski dafür geehrt, dass sie seit 70 Jahren hier Kur-Urlaub machen. Es gibt Fotos der beiden Damen, die jetzt ungefähr 100 sein dürften, ihr genaues Alter verschweigen sie kokett. Sie lächeln und sehen bemerkenswert fit aus. Ein paar Jahre kommen Gudrun und Anni bestimmt noch.

Es ist so leise in der Stadt – man denkt unwillkürlich, aha, Sonntag. Aber das stimmt nicht. Die Läden sind geöffnet, manchmal zumindest. Bizarre Zeiten stehen an den Ladentüren, zum Beispiel „9 Uhr bis 12:15 Uhr, 14:30 bis 18 Uhr“. Hier haben die Kunden Zeit, auf Sonderwünsche der Verkäufer einzugehen. Unglaublich viele Apotheken. Schmuckgeschäfte ohne Ende. Ein Sockenstricker. Ein anderer Laden verkauft Betteinlagen aus Kupfer, zum Schutz vor Erdstrahlen. Auffällig rücksichtsvolle Autofahrer. Alle fahren Schritttempo, überall. Um 18:30 Uhr gehen plötzlich in etlichen Schaufenstern die Lichter aus. Die Rollstühle verschwinden. Dann läuft überhaupt nichts mehr.

Die Bewohner gucken ein bisschen misstrauisch. Am zweiten Tag aber wird man auf der Straße plötzlich von Unbekannten gegrüßt. Es hat sich herumgesprochen, wer man ist. Wie auf dem Dorf. Aber es ist eine Stadt, 8000 Einwohner. Vielleicht die Stadt mit den ältesten Einwohnern Deutschlands. Laut Statistik ist die Hälfte über 50, ein Drittel über 65. Optisch wirkt die Stadt aber noch älter als in der Statistik. Wo sind die Jungen? Sie arbeiten in den Kliniken. Ein paar sitzen im Internetcafé. Eine Kneipe für alle unter 60-Jährigen gibt es auch, das „Charlie II“.

Wird bald ganz Deutschland so sein wie Bad Wörishofen?

In der Liste der hundert besten Deutschen im ZDF steht Sebastian Kneipp immerhin auf Platz 67. Besser als Schiller. Aber schlechter als Dieter Bohlen. Sebastian Kneipp, genannt Baschtl, war ein armer Webersohn, der unbedingt Pfarrer werden wollte. Erst mit 23 Jahren, nach langem Kampf, schaffte er es, einen Platz im Gymnasium zu bekommen. Aber er kriegte die Schwindsucht. Kneipp kurierte sich selbst, mit Hilfe kalter Wassergüsse. Er wurde ein großer Heiler. Einige hielten ihn für einen Kurpfuscher, der Kirche war die Sache eher peinlich. Also schickten sie ihren Baschtl in die Verbannung, in den hintersten, abgelegensten und ödesten Winkel von Bayern. Dorthin, wo du lebendig begraben bist. Dieser Ort hieß Wörishofen. Mit Kneipp hatte Wörishofen das große Los gezogen.

1884 kamen 40 Touristen, wegen des verrückten Wasserheilers. 1890 waren es schon 5000. Heute hängen seine Bilder überall in der Stadt, in jedem Geschäft, jeder Kneipe. Er ist in Wörishofen so allgegenwärtig wie Mao Tse Tung einst in China oder Lenin in der DDR. Und wie Lenin hat er eine Menge Sprüche hinterlassen. Sie hängen ebenfalls überall. Kneipp sagt: „Im Wasser ist Heil.“ Und: „Saufen wollen sie alle. Aber sterben will keiner.“

Das beste Jahr in der Gästestatistik war 1989. Seitdem geht es bergab.

Das Wasser wird warm

Bad Wörishofen ist der berühmteste deutsche Kurort. Viele ehemalige Kurgäste haben hier Wohnungen gekauft und sich dauerhaft niedergelassen, deswegen ist das Durchschnittsalter auch unter den Einheimischen so hoch. Kurorte sind nun mal etwas für ältere und nicht mehr ganz gesunde Leute. Davon gibt es in Deutschland eindeutig immer mehr. Also müsste es den Kurorten prima gehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kassen haben bei den diversen Gesundheitsreformen ihre Zuschüsse zur Kur immer weiter zurückgefahren. Die Alten haben weniger Geld als früher oder geben es nicht mehr so gern aus. Im Osten, Tschechien und Ungarn, gibt es preisgünstige Konkurrenten. Alles läuft gegen die Kurorte, alles, bis auf die Bevölkerungsstatistik.

„Wir haben eine Monostruktur“, sagt der Bürgermeister. Der Bürgermeister von Bad Wörishofen ist eine echte Überraschung, denn er ist Ende dreißig. Ein dynamischer Typ. Nach der Partei muss man gar nicht erst fragen. Die CSU liegt in Bad Wörishofen stabil über 70 Prozent. In Wörishofen würden sie wahrscheinlich sogar Saddam Hussein zum Bürgermeister wählen, vorausgesetzt, er kandidiert für die CSU. Der Opposition hat die CSU immerhin zwei Jobs überlassen, auf die sie keinen Wert legte. Ein Sozialdemokrat kümmert sich um die Kultur. Und ein Grüner ist Jugendreferent.

Bis 2002 saß Bürgermeister Holetschek im Bundestag, ein Bild vom Reichstag hängt in seinem Büro. Daneben ein Bild der irakischen Fußball-Nationalmannschaft, die kürzlich hier trainiert hat. Ja, man ist weltoffen. Er sagt: „Hirschgeweihe will ich nicht mehr sehen. Wir müssen neue, kreative Wege gehen. Gesundheit ist ein Wachstumsmarkt.“ Theoretisch. Holetschek sagt, dass die Zahl der Übernachtungen in den letzten Jahren von 1,44 Millionen auf unter 900 000 gesunken ist, und dass die Gäste im Schnitt nur noch zehn Tage bleiben statt 21. Man müsse auf Wellness setzen. Man müsse die Zielgruppe der 40- bis 50-Jährigen erreichen.

Es klingt verrückt, aber: Bad Wörishofen, die Hauptstadt der Alten in einem immer älter werdenden Land, will sich ein jüngeres Image verpassen. Wenn Wörishofen kein uneingeschränkt positives Verhältnis zum Greisentum hat, wer soll es dann haben?

Das neue Wörishofen nimmt schon Konturen an. Holetschek erwähnt den „Skyline-Park“, einen neuen Funpark, ganz in der Nähe. Und an der Stadtgrenze entsteht zurzeit eines der größten Spaßbäder Deutschlands, das „Thermenparadies“. Es soll, mit Hilfe von 15 Meter hohen Palmen, eine Art Südsee-Feeling zu den Alten von Wörishofen holen. Die Kosten, 28 Millionen Euro, trägt ein privater Investor. Die Stadt schließt ihr Hallenbad und gibt dem Investor dafür einen Zuschuss zu den laufenden Kosten. Der Clou beim Thermenparadies besteht darin, dass es aus zwei Bädern besteht – einem kleineren für Kinder und Familien, mit Wildwassercanyon und Riesenrutschen, und einem zweiten, riesigen für die Alten, Krönung: ein Saunadorf auf Pfählen, in einem künstlichen See. Das Kindergeschrei ist dort nicht zu hören. Es ist eine Art Apartheidsystem. Als nächstes will der Bürgermeister ein Spielcasino bauen lassen. Das neue Wörishofen wird offenbar eine Art Las Vegas für Senioren.

Die SPD von Wörishofen war gegen das Thermenparadies. Das geistige Erbe von Kneipp werde dadurch, im wahrsten Sinne des Wortes, verwässert. Das Wasser des Thermenparadies ist nämlich nicht kalt, sondern warm. Und Kneipp hat gesagt: „Haltet meine Lehre rein!“ Die SPD ist in Wörishofen die Partei der ultrakneippistischen Tradition, die CSU ist die Partei des Reformkneippianertums. Der SPD-Fraktionsvorsitzende hatte übrigens bis vor einiger Zeit ein Hotel. Er musste es schließen, zu wenige Gäste.

Das Kurhaus ist das Zentrum und wichtigstes Gebäude der Stadt. Dort hängt das Kulturprogramm aus. Montag: Rommé und Canasta. Dienstag: Eisstockschießen. Donnerstag: Wanderung sowie Treffen der „Aktion Schlaganfall“. Freitag: Kreative Kerzengestaltung. Las Vegas ist es noch nicht. Wichtigstes Ereignis der näheren Zukunft: ein Gastspiel des Kabaretts „Herkuleskeule“.

Der Kurdirektor residiert gegenüber vom Kurhaus und stammt aus Berlin-Charlottenburg. Alexander von Hohenegg war vorher zehn Jahre Kurdirektor auf Sylt. Er sagt im Prinzip das Gleiche wie der Bürgermeister. Die Zeit sei vorbei, in der man 30 Jahre am gleichen Ort Urlaub machte. Die Zukunft besteht aus Wellness, Fun und Beauty und aus den großen Hotels mit ihren weitläufigen Badelandschaften. „Die Gäste wollen keinen Arzt sehen.“ Die Alten wollen das Alter nicht spüren. Hohenegg zeigt, wie er den Kopf Kneipps auf dem Gastgeberverzeichnis von Jahr zu Jahr kleiner gedruckt hat, dagegen gab es Widerstände, auf seinen Sieg ist er stolz. Früher seien die Kurgäste von der Kasse geschickt worden, deswegen gab es keine echte Konkurrenz, es war fast ein sozialistisches System.

Die Entkneippianisierung von Wörishofen, das klingt fast ein bisschen nach Gorbatschow. Bad Wörishofen erlebt offenbar gerade eine Revolution von oben. Auch das Kurochester muss sich umstellen. Die Gäste verlangen immer häufiger Jazz und Rock’n’Roll. Von den drei Geigern des Kurorchesters haben sie schon zwei abgeschafft, damit der Sound härter und rauer klingt. „Satisfaction“ von den Rolling Stones sei bisher noch nicht verlangt worden, aber man rechnet gewissermaßen stündlich damit.

Hartes Brot

In sexueller Hinsicht sei eine Kur allerdings nicht mehr das große Fest, das sie mal war, sagt Alexander von Hohenegg. Die Aufenthaltsdauer sei einfach zu kurz geworden, um anzubandeln. Bei alten Leuten geht das ja nicht immer so schnell. Der Kurschatten stirbt aus. Es hängt auch mit dem Fernsehen auf den Zimmern und dem Frauenüberschuss zusammen. Die paar Männer, die es in dieser Altersgruppe noch gibt, hängen abends, von kalten Güssen ermattet, vorm Fernseher, statt auf Brautschau zu gehen.

Die Straßen im Zentrum sind meist nach berühmten Kneippärzten oder Mitstreitern Kneipps benannt. Bonifaz Reile (1862-1933), Christian Fey (1901-1961), Alfred Baumgarten (1862-1924), Ludwig Geromiller (1853-1920). Wenn man nachrechnet, fällt auf, dass sich die Propheten der Kneipplehre nicht gerade durch biblische Langlebigkeit auszeichneten. Wunder können kalte Güsse nicht bewirken, so viel steht fest. Kneipp selber wurde auch nur 76. Na gut, er war Raucher.

Die Lehre von Kneipp ruht auf fünf Säulen: Wasser, Bewegung, Kräuter, Ernährung, innere Harmonie. „Im Grunde ist es das Prinzip der ganzheitlichen Medizin“, sagt Christiane Rapp. Sie leitet die Kneippschen Stiftungen, drei Kurkliniken, und ist sozusagen Kneipps Nachfolgerin. Auch sie ist eher jung. Kneipp habe das Gleiche herausgefunden, was auch die großen asiatischen Lehren predigen. Die asiatischen Lehren aber, Ayurveda zum Beispiel, sind zurzeit angesagt, vor allem bei den 50-Jährigen. Kneipp dagegen weniger. „Wir tun uns schwer mit der Person. Ein grimmig guckender Mann. Kneipp, das klingt alt. Wir wollen dynamisch wirken.“ Auch sie gehört zur Reformfraktion. Der neueste Trend sei Nordic Walking, eine Art Schnellwandern.

Das Sebastianeum sieht innen wie ein Hotel der gehobenen Mittelklasse aus, nur, dass die Gäste sich Heusäcke auflegen, im Stangerbad Stromstöße kriegen oder beim Heilfasten drei Tage alte Dinkelmehlbrötchen essen. Harald Schmidt ist ja auch Heilfaster. Es kostet 86 Euro am Tag, alles inklusive. Im letzten Jahr ist der Umsatz nur ganz leicht zurückgegangen. Ein gutes Ergebnis in Zeiten wie diesen.

Wir laufen an weißhaarigen Patienten in Bademänteln vorbei. Keiner sieht aus, als sei er jünger als 75. Die meisten tun sich mit dem Gehen ein wenig schwer. Es sind noch die alten Alten. Ganz Wörishofen wartet auf die neuen Alten, die Nordic-Walking-, Spielcasino- und Spaßbadalten, fit for Fun, mit reichlich bemessener privater Altersvorsorge. Sie sind noch nicht da. Wer weiß, ob sie jemals kommen. Aber sie sind die Hoffnung. Jetzt heißt es durchhalten.

Von Cem Özdemirs Istanbul-Begeisterung angesteckt, haben wir am letzten Sonntag Istanbul in der Überschrift zur Hauptstadt der Türkei erklärt. Aber das ist natürlich Ankara. Wir bitten um Verzeihung.

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