Zeitung Heute : Wer hat das Duell gewonnen? Noch vier Wochen bis zur Wahl

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Lieber P.,

und? Wer war der Sieger? Du kannst mir Deine Antwort gerne auch mailen ( MESBerlin@aol.com ). Überhaupt sollte man sich viel häufiger schriftlich austauschen; das gesprochene Wort ist so flüchtig. Kaum ausgesprochen, ist es schon vergessen. Ich habe mir überlegt, dem Auf und Ab der Meinungsumfragen – dem man ja schutzlos ausgeliefert ist – ein Schnippchen zu schlagen, indem ich per Brief wähle. Findest Du nicht, dass das ein interessanter Gedanke ist? Als Briefwähler wählst Du den optimalen Zeitpunkt für Deine Stimmabgabe.

Du entscheidest quasi auf dem Scheitelpunkt Deiner Entschlusskraft, genau dann, wenn Du Dir deine Meinung gebildet hast – zum Beispiel morgen. Und dann hast Du es hinter Dir. Ich sage Dir, das ist ein gutes Gefühl. Der Wahlkampf ist beendet. Du hast der Pflicht Genüge getan und kannst Dich lustvoll entspannen. Dieser Gewinn an Freiheit bis zum 22.September ist nicht zu unterschätzen.

Also: Schröder oder Stoiber? Wer hat Dich überzeugt am Sonntagabend? Ich finde, der Herausforderer wirkte streckenweise etwas verbiestert, und der Kanzler hie und da doch sehr selbstsicher; aber beide bemühten sich um gute Haltung, das muss man schon sagen. Wobei ich persönlich Stoibers linkes Profil bevorzuge, welches, da er am linken Pult stand, nicht recht zur Geltung kam. Insofern freue ich mich auf das zweite TV-Duell in zwei Wochen bei Sabine Christiansen und Maybritt Illner in ARD und ZDF. Dann wird Schröder links stehen, und sein unbestreitbar markanteres rechtes Profil wird deutlicher zur Geltung kommen. Auf meine Wahlentscheidung wird das freilich keinen Einfluss mehr haben, da ich morgen briefwähle.

Seit das Hochwasser die politische Stimmung im Land verändert hat, sind übrigens auch in den meinungsbildenden Zirkeln in Berlin und in den Medien interessante neue Trends erkennbar. Vor ein paar Wochen, Du erinnerst Dich, sah es so aus, als sei das Rennen gelaufen; wir drucksten nur noch etwas bei der Frage herum, ob die Regierungsmehrheit für Stoiber/Westerwelle 49, 50 oder 51 Prozent betragen würde. Und Stoiber sprach, wenn er über Schröder redete, bereits von „meinem Amtsvorgänger“.

Jetzt titelt beispielsweise „Bild am Sonntag“ plötzlich: „Schluss mit Wahlkampf – gebt das Geld den Flutopfern“. Und sonst nicht zimperliche Kolumnisten einflussreicher Zeitungen vergießen Tränen („Halb Sachsen, Brandenburg, Schleswig-Holstein sind abgesoffen“) und sagen ihre Teilnahme an Hauptstadt-Partys ab.

Den Menschen soll suggeriert werden, dass der Streit um Wählerstimmen angesichts der Not von Hunderttausenden eine unmoralische Sache sei. Hört sich an wie eine Aufforderung an den Bundeskanzler, seinen Amtsbonus mit dem Herausforderer zu teilen. Und in den nächsten Tagen wirst Du in der öffentlichen Diskussion immer häufiger die Frage hören: Wäre nicht eine große Koalition zwischen SPD und Union jetzt doch die vernünftigste Lösung?

Was die Lage an der Demoskopie-Front angeht, möchte ich Dich darauf hinweisen, dass Du mit Deiner etwas hämischen Kritik an meiner Prognose vom letzten Montag nicht richtig liegst. Zwar: Allensbach hat seine Werte für die FDP nicht nach unten korrigiert, sondern sogar um noch einmal 0,3 Prozentpunkte auf 12,8 Prozent hinaufgesetzt. Aber: Diese Umfrage war am 13. August abgeschlossen, als die Hochwasserkatastrophe noch keine Rolle spielte.

Alle anderen Meinungsforscher sehen die Spaßpartei mittlerweile unter zehn Prozent. Allensbach wird nachziehen. Wetten, dass? Noch ein Wort zu den Fernsehduellen zwischen dem Bundeskanzler und seinem Herausforderer: Du solltest über die Schlichtheit der Argumente nicht allzu sehr enttäuscht sein. Der Imperativ des Massenmediums, so habe ich gelernt, lautet: Kein Argument, kein Kontext, keine Nebensätze. Nicht, was Gerhard Schröder oder Edmund Stoiber sagen, ist entscheidend, sondern, wie sie es sagen. Das trifft natürlich nicht auf Dich zu, da Du Dich ständig mit Politik beschäftigst, aber doch auf die Mehrheit der Zuschauer.

Apropos Politik. Ich stelle Dir eine Preisfrage: „Zeit für Taten“ - wessen Slogan ist das? Schröders oder Stoibers? Ein Bier beim Brückenwirt.

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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