Zeitung Heute : Wer hören will, muss wandern

MAERZMUSIK „chroma“ von Rebecca Saunders eröffnet das Festival für aktuelle Musik – das Café Moskau wird zum begehbaren Klangraum

UWE FRIEDRICH

Auch Musik wird manchmal in Modulbauweise hergestellt. Die Einzelteile können dann immer wieder neu montiert werden, je nachdem, wo das Werk aufgeführt wird. In Berlin wird „chroma“ von Rebecca Saunders sicher anders klingen als an den vorigen Stationen seit der Uraufführung der ersten sieben Module im Jahr 2003. Seitdem hat sie das Ensemblestück immer wieder erweitert und an die Aufführungsorte angepasst, darunter waren Kirchen, Kapellen, Industrieräume, Konzertsäle. Zur Eröffnung der „MaerzMusik“ gibt es nun also eine neue Version für das Café Moskau. Dessen Räume wirken in ihrer sozialistischen Ästhetik merkwürdig aus der Zeit gefallen. Vor der Tür liegen eine Aufmarschmagistrale, das Kino „International“ und große Wohnblöcke. Ein flächiges Architekturarrangement, einst gebaut für die Menschen der Zukunft, jetzt Zeugen einer mitunter verklärten Vergangenheit. „Hier wird mein Stück weiter wachsen“, erklärt Saunders. „Jedes Mal habe ich Neuerungen dazukomponiert, dadurch wurde die Komposition immer dichter und länger. Inzwischen besteht es aus 22 Modulen und es dauert ca. 35 Minuten. Wir werden es zweimal spielen. Die Zuhörer können sich während der Aufführung bewegen, von Raum zu Raum gehen und die Musik für sich selber entdecken.“

Die Töne werden verdichtet und fransen wieder aus, mischen sich mit Geräuschen aus der Ferne, verwehten Klängen aus den anderen Räumen. In ihrer neuesten Fassung von „chroma“ will Rebecca Saunders ein Ende einkomponieren, weil sie fühlt, dass ihre Komposition nun eine gültige Version erreicht hat. „Ich bin sehr gespannt, ob es mir gelingt, es in einem Loop enden zu lassen. Die Musik soll in eine dunkle Stille münden, um dann aus dieser Stille heraus wieder zu beginnen. Vielleicht ist das in diesem Raum möglich.“ Insgesamt 14 Musiker bilden in unterschiedlichen Konstellationen jeweils Kleinensembles. Klarinette, E-Gitarre und Cello spielen zusammen. Oder zwei Klarinetten. Oder es klingt bloß ein Cello-Solo irgendwo im weitläufigen Gebäude. Einige Passagen von „chroma“ werden eher zu sehen sein als zu hören. Die Blicke wandern von einem Raum zum anderen, aus dem Gebäude auf die Karl-Marx-Allee oder auf den Innenhof. Der wechselnde Blickwinkel verändert auch die Musikwahrnehmung des Publikums, hofft Saunders. „Obwohl die Zuhörer frei sind in ihrer Bewegung, werden sie durch die strenge Form auch geleitet. Niemand kann alles aus der Nähe hören. Mal ist man ganz nah dran, dann meint man, etwas zu verpassen oder kaum noch wahrnehmen zu können.“

Wie in einem abstrakten Theater agieren die Instrumentalisten, die Komponistin dirigiert das Geschehen eher wie ein Regisseur. Damit die Komposition sich nicht in zufälligen Geräuschen und Klanginseln erschöpft, müssen die Musikergruppen mittels Stoppuhren und einem Ko-Dirigenten genau koordiniert werden. Rebecca Saunders wird die Einsätze der Instrumentalgruppen selber koordinieren, wird die Klänge der 120 Spieluhren mit denen einer gestopften Trompete oder der Antwort einer Klarinettengruppe synchronisieren. Die letzten Entscheidungen trifft sie erst vor Ort, auf relativ wenigen Proben im Café Moskau. Das geht nur mit Musikern, die mitarbeiten und mitdenken. Die Solisten der Musikfabrik kennen die Kompositionen bereits von gemeinsamen Projekten mit der Choreografin Sasha Waltz, wo sie die hohen Anforderungen mit größter Leichtigkeit erfüllten. „Meine Musik ist sehr schwierig zu spielen, aber die gesamte klassische Musik ist sehr anspruchsvoll für die Musiker. Wer Brahms oder Beethoven in einem Konzert spielen will, muss sich mit der entsprechenden Technik und dem Stil jahrelang beschäftigen.“ Das Festival MaerzMusik mit den vielen verschiedenen Spielorten will die neueste Musik einem möglichst breiten Publikum vorstellen. „chroma“ bietet die einzigartige Möglichkeit, mit einem Solistenensemble auf Tuchfühlung zu gehen und die Klänge ganz anders zu erfahren.“ UWE FRIEDRICH

18.3., 20 Uhr im Café Moskau

Die MaerzMusik läuft bis zum 27.3.

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