Zeitung Heute : Wer ist Anni Friesinger?

Frank Bachner

WELCHER MENSCH VERBIRGT SICH HINTER DER SPORTLERIN ANNI FRIESINGER?

Sie ist von Natur aus eher extrovertiert. Anni Friesinger sendet gerne Signale und Botschaften, entweder mit Sprüchen oder mit ihrer Körpersprache. Sie hat einen wachen, offenen Blick, ihr Gang, ihre ganze Haltung, ist selbstbewusst. Eigentlich redet sie über alles, über Sex und ihre Oberweite, über Sahne-Champagner-Trüffel, für die sie sterben könnte, über ihre Beziehungen, über ihre Gefühle. Man weiß, dass sie eine Zeitreise am liebsten in die 70er und 80er Jahre machen würde, weil es da Rock und Rebellion gegeben habe. Andererseits hockte sie, ganz unrebellisch, jahrelang jeden Dienstagabend mit Freundinnen vor dem Fernseher, um „Sex and the city“ zu sehen. Aber sie erzählt immer mit jenem bestimmten Unterton, der auch wieder ein Signal ist. Ich plappere nicht bloß naiv daher, ich habe alles unter Kontrolle bei diesen Erzählungen, sagt dieser Ton. Die 29-Jährige spricht fünf Sprachen, hat mal Innenarchitektur studiert, sie steht im Leben. Anni Friesinger setzt sich in Pose, aber sie tritt nicht als Diva mit affektiertem Ton auf. Bei ihr schimmert immer auch das Mädchen aus dem bayerischen 5000-Einwohner- Nest Inzell durch, geprägt durch eine „wunderbare Jugend“. In Inzell lernt man Bodenständigkeit, Anni Friesinger, aufgewachsen mit Bruder und Schwester gleich neben der Eislaufbahn, hat sie nie verloren. Allein schon der Gedanke an ihren Vater verhindert das. Georg Friesinger starb 1996 an einem Hirnschlag, er war gerade 43 Jahre alt. Anni Friesinger hat danach von ihrem Traum erzählt: Sie, ihr Vater und Jim Morrison, die jung gestorbene Rockmusiker-Legende, bei einem gemeinsamen Abend. Sie feiern, sie haben Spaß. Man konnte die Geschichte wieder als Signal betrachten: Ich, Anni, verarbeite so mein Trauma. Sie hat noch immer damit zu kämpfen. „Die Zeit heilt angeblich alle Wunden“, sagt sie. „Aber manche heilen nie.“ Pause. „Mein Vater war mein Idol. Ich messe alle Männer an ihm.“ Vom Vater, sagt sie noch, hat sie den „Dickschädel geerbt“. „In meiner Trainingsgruppe“, sagt sie, „bin ich der Commander.“ In der Gruppe sind auch Männer. Sie war 19, als der Vater starb. Sein Tod hat sie auch auf harte Art schnell erwachsen werden lassen. Denn nach dem Schlag mit dem Vater erkrankte auch Anni Friesinger. Ihr Rücken schmerzte fast unerträglich. Das Leiden zog sich immer länger hin, ihrer Karriere drohte das Aus. „Wenn man ganz unten war, da lernst du die Leute kennen, die wirklich zu dir stehen. Da kannst du mit dem Aussortieren anfangen“, sagte sie später in einem Interview. Ehrlichkeit, betont sie, ist ihr extrem wichtig.

ALS EISSCHNELLLÄUFERIN STEHT ANNI FRIESINGER EHER FÜR EINE RANDSPORTART. TROTZDEM IST SIE EINE MEDIENFIGUR. WIE HAT SIE ES GESCHAFFT, ÜBER DEN SPORT HINAUS BEKANNT ZU WERDEN?

Indem sie den so genannten Zickenkrieg auslöste. Friesinger machte sich vor den Olympischen Spielen 2002 über ihre Dauerrivalin Claudia Pechstein aus Berlin lustig. Kurz darauf liefen beide bei Olympia in Salt Lake City, damit tobte das Duell auf der größten Sportbühne der Welt, genüsslich ausgeschlachtet von den Boulevardzeitungen. Friesinger präsentierte sich als erotischer Sportstar, Schlagzeilen vom Busenkrieg folgten, und damit war Friesinger endgültig eine Medienfigur. Sie hatte die Rolle quasi optimiert.

Denn einen gewissen Bekanntheitsgrad hatte sie schon einige Zeit davor, sie war ja bereits mehrfache Weltmeisterin. Vor Weihnachten 2001 erschienen Fotos, die manche als pure Provokation bewerteten. Eisschnellläuferin Friesinger neben einem Leichenimitat aus der „Körperwelten“-Ausstellung. „Okay, die Fotos sind sicher ein bisschen provokant“, gab Friesinger zu, andererseits hätte die Ausstellung sie schon immer wahnsinnig fasziniert.

Nach den Olympischen Spielen stieg Friesinger zur Werbefigur auf. Sie unterzeichnete Sponsorenverträge, darunter mit der Fiat-Tochter Lancia. Friesinger war der ideale Partner für die Firmen. Ihre natürliche Begabung und ihren Willen zur Pose musste sie jetzt nur noch verstärken. Sie tauchte nackt in eine Badewanne voll Milch ab und lächelte in die Kamera. Soll bloß keiner auf die Idee kommen, das für eine Inszenierung von Manager Klaus Kärcher zu halten. „Das ist keine Masche von ihm“, sagt Friesinger. „Ich war früher schon so. So bin ich, und ich werde mich nicht ändern.“

Als immer mehr Fans vor ihrer Haustür in Inzell auftauchten, um sie zu sehen oder um Autogramme zu bitten, hatte sie genug. Im Sommer 2002 zog sie in eine 130 Quadratmeter große Altbauwohnung in Salzburg.

ANNI FRIESINGER GILT ALS BAYERISCHE FROHNATUR. WIE HART KANN SIE GEGEN SICH SELBST SEIN?

Sehr hart. Nach ihren Rückenproblemen arbeitete sie sich mit unendlicher Mühe wieder an die Weltspitze heran. „Einfach mal blaumachen im Training, das ist bei mir nicht drin“, sagt sie. Anni Friesinger sagt auch, dass die Trainingspläne ihr Liebesleben bestimmen. Ihr Freund hat dafür aber wohl Verständnis. Der Holländer Ids Postma war früher selber ein Weltklasse-Eisschnellläufer.

In einer einzigen Trainingseinheit im Sommer fuhr sie mit dem Rad von Inzell nach Salzburg, 130 Kilometer, über steile Anstiege, in der Hitze, bis die Beine schmerzten und Friesinger am liebsten geheult hätte. Im Winter trainiert sie auf der Freiluftbahn von Inzell, bei eisigen Temperaturen und einem Wind, der die Lungen brennen lässt. Nach dem 3000-Meter-Lauf in Salt Lake City, bei den Olympischen Spielen 2002, sagte Friesinger: „Ich habe auf der letzen Runde vor Schmerzen überhaupt nichts mehr gefühlt.“ Sie wurde Vierte.

IN TURIN WILL SIE FÜNFMAL AN DEN START GEHEN. WAS SPRICHT DAFÜR, DASS ANNI FRIESINGER DAS DEUTSCHE GESICHT DIESER OLYMPIADE WIRD?

Ihr technisches Können und ihre ausgezeichnete Kondition. Ihre jüngste Wadenverletzung bereitet offenbar keine Probleme mehr. Ein Rest Unsicherheit wegen der Blessur bleibt aber. Vor drei Wochen schnitt sie sich beim Starttraining mit dem Schlittschuh in den rechten Unterschenkel. Mit zehn Stichen wurde die Wunde genäht, Friesinger erhielt zehn Tage Trainingsverbot.

Aber Friesinger feierte ein glänzendes Comeback. Bei einem Test in Erfurt lief sie eine hervorragende Zeit und rückte wieder auf in den Kreis der Medaillenkandidatinnen. Kurz darauf gewann die 29-Jährige sogar beim Weltcup in Klobenstein/Südtirol ihren 34. Weltcup-Sieg. „Grandios“, sagte Trainer Eicher. Und Friesinger verkündete strahlend: „Solch ein Rennen gibt mir viel Kraft für Turin.“ Die braucht sie auch. Sie will in fünf Rennen fünf Medaillen, natürlich auch goldene. Sie ist das deutsche Gesicht in Turin, wenn sie das schafft.

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