Zeitung Heute : Wer ist Barack Obama?

Christoph von Marschall[Washington]

BARACK OBAMA IST DER DESIGNIERTE

PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDAT DER

US-DEMOKRATEN. WIE HAT IHN DER

VORWAHLKAMPF GEGEN HILLARY

CLINTON VERÄNDERT?

Babys seien in der Zeit geboren worden und hätten laufen gelernt, pflegt Barack Obama zu scherzen, um zu illustrieren, wie lange ihm die anderthalb Jahre Wahlkampf vorkommen, kreuz und quer durch die USA. Eine „kaum zu glaubende Reise“ nennt er den Aufstieg vom beachteten Außenseiter zum Vorwahlsieger über die einstige Favoritin Hillary Clinton – und damit zum Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten. Beim Nominierungsparteitag in der letzten Augustwoche in Denver müssen ihn die Delegierten noch offiziell auf den Schild heben. Aber das ist Formsache. Er hat längst auf Hauptwahlkampf umgestellt, genau wie der Republikaner John McCain.

Auch Obama wurde in diesen anderthalb Jahren neu geboren, hat als Wahlkämpfer erst krabbeln und dann laufen gelernt. Er ist härter geworden: zu sich selbst und zu anderen. Er hat Wegbegleiter gefeuert, wenn sie hinderlich wurden, zum Beispiel die außenpolitische Ratgeberin Samantha Power, als die Hillary ein „Monster“ nannte. Von seinem schwarzen Pfarrer Jeremiah Wright und dessen Hasspredigten hatte er sich zunächst halbherzig distanziert. Doch der blieb ein Problem. So sagte er sich endgültig von ihm los. Heute würde er wohl sofort den klaren Schnitt machen, eiskalt.

Obamas Auftreten und seine Sprache sind glatter geworden, selbstbewusster, berechnender. Er weiß jetzt genauer, wie er Wirkung erzielt. In den Wochen um den 10. Februar 2007, als er an einem kalten Wintermorgen in Springfield, Illinois, seine Bewerbung erklärte, hatte er eher einem Expeditionsleiter geglichen, der sich auf Neuland vortastet.

Den entscheidenden Schliff gaben ihm die Debattenduelle im Fernsehen gegen seine demokratischen Mitbewerber im ersten Halbjahr 2008, vor allem gegen Hillary Clinton. Ihre Attacken, ihre Härte haben ihn gestählt. Sie hat all das Angriffsmaterial, aus dem sich die Republikaner im Herbst bedienen werden, an ihm getestet: seine Hautfarbe; der Islam-Verdacht, weil sein kenianischer Vater ein Moslem war; seine Verbindungen zu einem Immobilienspekulanten in Chicago; ungeschickte Bemerkungen, warum weiße Arbeiter ihn nicht wählen; und seine relativ geringe Erfahrung auf der politischen Bühne. Ganz gegen ihre Absicht hat Hillary Clinton ihn gelehrt, sich erfolgreich zu wehren. Dafür darf er ihr, bei aller persönlichen Härte, sogar dankbar sein.

FÜR WELCHE AUSSENPOLITIK STEHT ER?

Das Feld, das Deutsche und Europäer am meisten interessieren dürfte – sie selbst – kam im US-Wahlkampf bisher nicht vor. Seit dem Ende des Kalten Krieges ist Europa kein geostrategisches Problem mehr für die USA, also auch kein herausragendes Thema. Obama hätte sich längst dafür interessieren müssen, schließlich sitzt er dem Unterausschuss Europa im Senat vor. Hillary Clinton kritisierte, er vernachlässige diese Verantwortung. Der Vorwurf blieb nicht haften, eben weil Europa die US-Bürger zurzeit nicht sonderlich bewegt. Auch wenn Obama seine Reise nach Berlin, Paris und London nun groß inszeniert, muss man wohl sagen: Die alte Welt ist für ihn Terra incognita. Seine kenianische Halbschwester Auma hat in den 80er Jahren in Heidelberg studiert. Bisher ließ Obama nicht erkennen, dass sie ihm ein gefestigtes Deutschlandbild vermittelt hätte. Und die Funktionsweise der Europäischen Union ist für Amerikaner ein Buch mit sieben Siegeln.

Die außenpolitische Debatte der Kandidaten kreist vor allem um Konfliktzonen: Irak, Afghanistan, Iran und Palästina. Sowie um alte oder künftige Rivalen wie Russland und China. Man könnte meinen, Obama wäre gut beraten, diesen Schlagabtausch zu meiden, weil es ihm da an Erfahrung fehle. Doch er sucht die Auseinandersetzung. Selbst wenn er die erste Runde verliert, setzt er nach, erst gegen Clinton, nun gegen McCain. Hillary hatte ihm Naivität vorgehalten, als er verkündete, er werde selbst mit USA-Hassern und Israel-Verächtern wie dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad reden. Damit schenke er Amerikas Feinden unnötige Achtungserfolge, ätzte sie. Nein, beharrte er. Es sei Bushs unkluge Politik, sich nur mit jenen zu treffen, die eh seiner Meinung seien. Wer Probleme lösen wolle, müsse auch die Gegenseite hören.

Ebenso selbstbewusst gibt er jetzt McCain Kontra. Der behauptet, der Irakkrieg sei noch zu gewinnen, man dürfe nur nicht feige abziehen, wie Obama das wolle. Obama meint dagegen, Irak sei der falsche Krieg, Afghanistan der richtige, und dort würden mehr Truppen gebraucht. Sein Achtungserfolg diese Woche: Kaum hatte er verkündet, er würde 10 000 Mann zusätzlich nach Afghanistan verlegen, wollte McCain gar 15 000 schicken – ohne zu sagen, woher er die nimmt.

WIE SEHEN IHN DIE AMERIKANER?

Ob Außenpolitik, persönlicher Stil, Aussehen oder Auftreten: Obamas Trumpf sind seine Jugendlichkeit, seine Frische und das Versprechen eines Generationswechsels. Die Enttäuschung über die Bilanz der Bush-Jahre sitzt tief, die große Mehrheit will eine Wende. Aber Obamas Trümpfe haben eine Kehrseite: Ist ein (am Wahltag) 47-Jähriger mit nur drei Jahren Erfahrung auf der nationalen Bühne angesichts der dramatischen Weltlage die richtige Besetzung im Weißen Haus? Dazu zählt auch die Rolle als Oberbefehlshaber. Laut Umfragen hält die klare Mehrheit Obama zugute, dass er am glaubwürdigsten Wandel verkörpert. Sie traut im auch eher als McCain zu, die Wirtschaftskrise zu meistern, die die Wähler als das drängendste Alltagsproblem empfinden, und Amerikas Ansehen in der Welt wiederherzustellen. Militär, Außen- und Sicherheitspolitik sind McCains Domäne, dort führt er im Verhältnis zwei zu eins.

Demografisch spalten diese beiden, so unterschiedlichen Kandidaten die Nation. Die Älteren bevorzugen den bald 72-jährigen McCain, die Jüngeren Obama. Frauen stehen, seit Hillary Clinton ausgeschieden sind, mehrheitlich hinter Obama (54 zu 39 Prozent), ebenso die Hispanics und mit überwältigenden rund 90 Prozent die Afroamerikaner. Doch unter den Weißen, der größten Gruppe im Land, führt McCain. Und die Umfragedaten spiegeln wohl nicht einmal die ganze Wahrheit wider. Obamas Lager fürchtet den „Bradley“-Effekt: Demnach stimmen in aller Erfahrung weniger Bürger für einen Schwarzen, als sie das in den Umfragen angeben. Deshalb empfinden Obamas Strategen seine derzeit sechs bis acht Prozentpunkte Vorsprung vor McCain nicht als ausreichendes Polster.

WIE WIRD ER VERSUCHEN,

GEGEN JOHN MCCAIN ZU BESTEHEN?

Inhaltlich bemüht sich Obamas Team, eine potenzielle Präsidentschaft John McCains als dritte Amtszeit des unpopulären Bush auszumalen, von der Fortgeltung der Steuererleichterungen für Reiche über das Bohren nach Öl in Naturschutzgebieten bis zum Irak. Da hat sich McCain in der Tat in den vergangenen Wochen rhetorisch an manche Bush-Positionen angenähert, die er früher ablehnte. Er darf die republikanische Kernwählerschaft nicht verprellen. Für ein Viertel bis ein Drittel der klassischen Rechten ist McCain dem Profil nach zu liberal.

Auch Obama hat sich den Vorwurf des „Flipflopping“ eingehandelt, wie man in den USA opportunistische Positionswechsel nennt. Er verärgert damit einen Teil des linken Lagers. Er umwirbt jetzt die Mitte, dort wird die Wahl gewonnen – oder verloren. So unterstützt Obama plötzlich die Todesstrafe für Kindesvergewaltigung, selbst wenn das Opfer mit dem Leben davon kommt. Er befürwortet neuerdings die Freiheit des Waffentragens. Früher meinte er, ohne scharfe Kontrolle sei die Kriminalität in Großstädten nicht in den Griff zu bekommen. Vor Jahresfrist verlangte er von allen Kandidaten, ihre Wahlkampfausgaben auf die Höhe der öffentlichen Zuschüsse zu begrenzen. Seit er weiß, dass er durch Spenden mehr Geld einwerben kann, will er davon nichts mehr wissen. 52 Millionen Dollar hat er allein im Juni eingenommen, auf rund 300 Millionen hofft er bis Ende Oktober.

Mehr Geld in der Wahlkampfkasse als die Republikaner, eine bessere Organisation in allen 50 Bundesstaaten, effektiver Einsatz des Internets und Ausnutzung der größeren Begeisterung seiner freiwilligen Wahlkampfhelfer – so will Obama McCain schlagen.

Am Ende gewinnt freilich nicht der Kandidat, der landesweit die meisten Wählerstimmen bekommt. Sondern Präsident wird der Bewerber, der in der Summe der Wahlmänner aus allen 50 Einzelstaaten vorn liegt. Bundesstaat für Bundesstaat wird getrennt ausgezählt – und der regionale Sieger bekommt alle Wahlmänner des jeweiligen Staates.

Deshalb sind Umfragen, wie viel Prozent der Amerikaner McCain oder Obama bevorzugen, nicht die entscheidende Größe. Wichtiger sind Simulationen, die das US-Wahlsystem berücksichtigen und die mutmaßlichen Ergebnisse aus den 50 Staaten summieren. 270 der 538 Wahlmänner sind nötig für den Sieg. Nach derzeitigen Umfragen in Einzelstaaten darf Obama mit 255 rechnen, McCain mit 163. In zehn Staaten liegen beide so nah beieinander, dass deren 120 Wahlmänner sich nicht zuordnen lassen: Colorado, Nevada und New Mexico im Westen; Indiana, Missouri und Ohio in der nördlichen Industriezone; die Südstaaten Florida, North Carolina und Virginia; sowie New Hampshire in Neuengland. In weiteren 16 Staaten ist es so knapp, dass auch sie kippen können. Neun davon tendieren zu den Demokraten, sieben zu den Republikanern. Obama hat noch sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten, ehe er ins Weiße Haus einziehen kann.

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