Zeitung Heute : Wer ist Berlin?

Laufsteg und Straße. Unikat und delikat. Jung und forsch. Überraschend und erfolgreich. All das steht in der neuen Imagekampagne. All das und noch viel mehr soll nur eine Stadt sein.

Bernd Matthies

WO LIEGT BERLIN?

Mittenmang. 52 Grad 31 Minuten Nord, 13 Grad 25 Minuten Ost, ungefähr 50 Meter über dem Meeresspiegel. Das heißt: Der Berliner hat nichts zu befürchten, das Zentrum ist sein Biotop. Mitteleuropäischer geht es nicht, Sibirien und die Tropen sind gefühlt etwa gleich weit entfernt. Und falls die Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel den Klimawandel nicht in den Griff bekommt – was sie aber selbstverständlich innerhalb einer Legislaturperiode schafft – dann gehen wenigstens die anderen zuerst unter, vor allem die Hamburger, mit denen den Berliner eine von Neid und Hochachtung getönte Hassliebe verbindet.

WIE GROSS IST BERLIN?

Groß! Größer als Hamburg und München zusammen, was die Einwohnerzahl angeht. Muss man mehr sagen?



WER HAT BERLIN GEPRÄGT?

Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst: Er ließ die verfolgten Hugenotten herein und wurde so zum Ahnen aktueller Multikulti-Strömungen. Die Hereingelassenen bedankten sich durch Überlassung einiger sehr anständiger Gedanken und Kochrezepte, und sie bereicherten die berlinische Mundart durch Begriffe wie „Chaiselongue“ (heute: „Lounge Chair“) und „Trottoir“ (heute: „Walkway“).

Friedrich I: Sah nicht gut aus, verschaffte aber durch sein Zumköniggekröntwerden 1701 Berlin den Status der Hauptstadt, den es bekanntlich nie wieder los wurde.

Ernst Reuter: Bürgermeister. Bewies sich in der Kunst, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu sagen. „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“ Wie gut dieser Satz war, zeigt sich schon daran, dass die Völker immer noch andauernd draufschauen, wenn sie gerade nichts Besseres zu tun haben.

John F.Kennedy: Auch ein Satz, „Ich bin ein Berliner!“ Er fiel zu jener Zeit, als viele Berliner aus Angst vor den Russen lieber ins sogenannte Westdeutschland zogen, und stärkte den Trotz der Hiergebliebenen, auch wenn sein Urheber dann doch lieber Amerikaner blieb.

Harald Juhnke: Saufen, singen, saufen, singen. Elegantes, unbezwingbares Symbol für die Überlebenskunst der Berliner – und zwar über Krieg, Weinbrand und Klamotte hinweg. Seine Botschaft: Wenn ich all das überlebe, den Alkohol und die schlechten Witze, dann könnt ihr es auch.

Klaus Wowereit: Im Sinne der Hegel’schen Dialektik jener Bürgermeister, der die Antithese zu seinem Vorgänger Eberhard Diepgen verkörpert. Er ist der leichtfertige Hedonist, der den pingeligen Aktenwart aus dem Gedächtnis der Stadt gelöscht hat. Kann vermutlich später die logisch notwendige Synthese auch noch verkörpern, zum Beispiel dadurch, dass er sich zum Bundeskanzler wählen lässt.

Knut: Ja, klar. Wer sonst?

WIE VIEL AVANTGARDE IST BERLIN?

Die Berliner haben aus ihrer Geschichte einen extrem vorsichtigen Umgang mit Verrückten gelernt. Wenn da einer mit ein paar Freunden und viel Lärm durch die Straßen zieht und Parolen wie „Friede, Freude, Eierkuchen“ verkündet, dann mag er völlig harmlos sein – oder der Begründer einer Millionenattraktion wie der Love Parade. Da man das immer erst hinterher weiß, dürfen alle machen, was sie wollen, das ist das Geheimnis der Berliner Avantgarde; geht das Experiment schief, kann man es ja immer noch nach Iserlohn verkaufen. Das Berliner Lebensgefühl der Nachwendejahre lief darauf hinaus, New York zu überholen, ohne es einzuholen – das ist gelungen, sieht man davon ab, dass Berlin keinen Gouverneur hat, der sich mit einem Callgirl erwischen lässt. Dafür steht das nächste Ziel schon so gut wie fest: Barcelona einholen, ohne es zu überholen, jedenfalls, was die Idee von einer Weltmetropole der unter 60–Jährigen angeht. Die Avantgarde stößt bisweilen auch an Grenzen, und zwar dort, wo sie mit der Vergangenheit (siehe unten) kollidiert. Kann der Berliner sein altes Schloss irgendwie wiederkriegen, dann sind ihm die sonst so gehätschelten modernen Architekten nur noch nervtötende Bauzeichner.

WELCHES VERHÄLTNIS HAT DIE STADT ZU IHRER VERGANGENHEIT?

Wie war gleich die Frage?

WELCHES VERHÄLTNIS DIE STADT ZU IHRER VERGANGENHEIT HAT.

Ach so. Schwer zu beantworten, weil Berlin ja gleich zwei Vergangenheiten hat, was die jüngere und deshalb leicht erinnerliche Periode angeht. Es gibt eine östliche und eine westliche Vergangenheit, und beide sind nicht kompatibel. „Es war nicht alles schlecht“ – das ist der sehr populäre östliche Standpunkt, während der Westbewohner in stillen Stunden selbstkritisch einräumt, dass nicht alles gut war. Was genau schlecht und was gut war, bemisst sich in der Regel daran, ob einer aus der polithistorisch entgegengesetzten Himmelsrichtung daran herummeckert. Die Liebe für den Palast der Republik beispielsweise stieg analog der Zahl der am Abriss beschäftigten Bauarbeiter, die Zuneigung zum Flughafen Tempelhof exponentiell im Verhältnis zur Tiefe der ersten Schönefelder Baugrube. Dann gibt es auch noch die weiter zurückliegende, sehr viel dunklere Vergangenheit, mit der der Berliner gern irgendwie abschließen würde. Er errichtet zu diesem Zweck Mahnmal um Mahnmal, erreicht damit aber in der Regel das Gegenteil des Abschließens.

WIE IST DER BERLINER SO?

Cool. Seine Basis-Lebensregel kommt aus der kulinarischen Ecke und lautet: „Wenn ick nischt sare, schmeckt et.“ Zu Deutsch: Die Abwesenheit von Missfallensäußerungen ist gleichbedeutend mit höchstmöglichem Lob. Das stößt vor allem bei Neuankömmlingen gelegentlich auf Verwunderung, vor allem ,wenn sie aus den südlichen Bundesländern kommen und der dort verbreiteten Vorstellung anhängen, die Welt werde von Weißwurst und Herzenswärme zusammengehalten. Das Leben ist kein Motivationsseminar, der Berliner weiß das.

WORAN ERKENNT MAN DEN BERLINER?

Der Berliner steht immer vorn, immer da, wo es gerade gekracht hat. Damit erzeugt er einen ungeheuren Sog, der auch den Rest der Welt erfasst. Deshalb holen sich alljährlich Millionen Menschen eine Lungenentzündung bei dem Versuch, herauszufinden, was zum Teufel Silvester vor dem Brandenburger Tor los ist.

WAS SOLL DAS IMMER MIT DIESEN BÄREN?

Der Berliner Bär ist nun mal ein stimmiges Wappentier, nicht wahr? Er macht sich gleich gut hochkant oder längs, kann je nach Zweckbestimmung unbeugsame Kraft oder putzigen Kuscheldrang symbolisieren, und er wirkt aus westlicher Sicht wie eine beherrschbare, irgendwie zivile Variante des militaristischen russischen Bären.

Und selbst, wenn Berlin einmal danebengreift und Stadt und Weltkreis mit großen, abscheulich bunt bemalten Plastikbären überzieht, dann wendet die Welt sich nicht etwa ab, sondern kopiert die Idee flugs in unzähligen Varianten - die bislang letzte ist die Liverpooler Mixtur aus Lamm und Banane. Das Berliner Äquivalent wäre eine Kreuzung aus Knut und Currywurst – wer greift´s auf?

WARUM SIND DIE BERLINER TAXIFAHRER SO UNFREUNDLICH?

Stimmt doch gar nicht! Unter allen üblen Geschichten, die man sich draußen über die Berliner erzählt, ist das die einzig unzutreffende. Die Berliner Taxifahrer sind eine herzensgute Gemeinschaft des öffentlichen Transportwesens, schon deshalb, weil die letzten Studentenführer der 68er-Revolte das Lenkrad längst irgendeinem freundlichen Hassan oder Öztürk übergeben haben.

WER IST BERLIN DENN NUN?

Knut. Currywurst. Bundeskanzler Wowereit. Die anderen auf den großen Be-Berlin-Plakaten. Und der Rest der Welt.

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