Zeitung Heute : Wer ist Bernd Eichinger?

Jan Schulz-Ojala

FILMPRODUZENT BERND EICHINGER WECHSELT INS OPERNFACH. IST DA EIN TYCOON ÜBERGESCHNAPPT?

Sehr unwahrscheinlich, auch wenn es zunächst ganz danach aussieht. Schließlich ist der handlungsarme Fünfstunden-„Parsifal“ eines der am schwersten zu inszenierenden Musiktheaterstücke überhaupt. Andererseits: Bernd Eichinger ist einer, der die Tassen im Schrank hat – so ordentlich und umfänglich beisammen wie die Filmpreistrophäen im Konferenzraum seiner Münchner Neuen Constantin. Was er anpackt, kann erstens gar nicht groß genug sein, seit eh und je. Außerdem ist Eichinger einer, der sich geradezu besessen akribisch vorbereitet – man denke nur an seinen Lektürewahn in Sachen „Der Untergang“. Und drittens hat der Mann den berühmten Riecher, zumindest beim Film: packt sich packende Stoffe, die jeder zu kennen meint, und macht immerhin was Besonderes draus. Ein genialischer Fleißarbeiter, ein visionärer Handwerker, einer noch dazu, dem der Erfolg an den Händen klebt: Da mögen Kritiker oft noch so sehr die Nase rümpfen, die Leute lieben seine Sachen.

IST EICHINGER EIN GESCHÄFTSMANN, DER SICH ALS KÜNSTLER TARNT, ODER UMGEKEHRT?

Ganz schwere Frage. Eichinger selbst hört das Wort Geschäftsmann gar nicht gern. Dabei macht er seit Jahrzehnten Millionendeals, achtet penibel darauf, dass die Budgets ordentlich eingehalten werden – und vor ein paar Jahren ist der Mann mit seiner Neuen Constantin auch noch an die Börse gegangen. Also durch und durch ein Produzent, gerade so wie der mit Riesensummen hantierende Heiner Lauterbach in „Rossini“, Eichingers vielleicht schönster Produktion. Hauptsache, die Sparkassen-Kreditgeber dieser Welt haben immer „ein gutes, ein sehr gutes Gefühl“, oder?

Überhaupt: Schnurstracks ist Eichinger schon früh auf die Produzentenkarriere zumarschiert. Mit 20000 geliehenen Mark, da war er erst 25, hat er 1974 die Solaris gegründet und damit binnen fünf Jahren 20 Filme – von Wenders über Edgar Reitz bis Syberberg – produziert: Wenn das keine guten, ersten Zahlen sind. Zu schweigen von Eichingers Einstieg Ende der siebziger Jahre bei der maroden Constantin: Erst kaufte er Ludwig Eckes („Edelkirsch“) 25 Prozent ab, kaum ein Jahr später stockte er seine Anteile auf und war Chef von Produktion und Verleih. Immer nach vorn gucken, das ist Bernd Eichingers Devise. Plötzlich zählte auch der noch bei Solaris gestreichelte Autorenfilm nicht mehr, dafür schoss Constantin mit großen Publikumsstoffen steil nach oben. Vor drei Jahren wäre das deutsche Kinowunder ohne Eichingers Filme mal eben in sich zusammengefallen: Über die Hälfte der deutschen Erfolge kamen aus dem Hause Constantin.

Hört man den Mann aber zum Beispiel vom Drehbuchschreiben schwärmen, zuletzt für Oliver Hirschbiegels Hitler-„Untergang“, dann erscheint das alles plötzlich nicht mehr so wichtig. Immerhin hat Eichinger an der damals neu gegründeten Münchner Hochschule für Fernsehen und Film drei Jahre Regie studiert, nicht Produktion. Und als Produzent hängt er, zum freundlichen Leidwesen seiner Regisseure, von der Drehbuchentwicklung bis zum Schnitt stets heftig mit drin – ein Kontrollfreak weniger als ein Kreativfreak, der die Grenzen einfach verwischt. Seit er vor ein paar Jahren mit dem TV-Movie „Das Mädchen Rosemarie“ erstmals seit seiner Filmstudentenzeit inszenierte, drängt es ihn wachsend in die kreative Verantwortung: angefangen mit „Der große Bagarozy“, seinem Debüt als Kino-Regisseur, bis zum Buch für „Das Parfum“ nach Patrick Süskinds Bestseller, den Tom Tykwer inszenieren wird.

BESTSELLER NEHMEN UND DAMIT BESTSELLER HERSTELLEN: IST DAS DAS LEBENSPRINZIP VON BERND EICHINGER?

Zumindest sein Erfolgsprinzip. Ein Vierteljahrhundert Constantin unter seiner Produzenten-Ägide funktioniert jedenfalls so. Schon „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, sein erster Constantin-Film, beruhte auf einem Bestseller und spielte locker das Sechsfache seiner Produktionskosten ein. „Der Name der Rose“, „Das Geisterhaus“: Weltbestseller – auch wenn viele spätestens beim „Geisterhaus“ die Nase rümpften: Europudding, ungenießbar!

Dann machte Eichinger die deutsche Komödie zum Bestseller – vom „Bewegten Mann“ über „Das Superweib“ bis hin in die krachledernsten Niederungen im „Werner“- und „Ballermann“-Stil. Ebenso eine Komödie: der verspielte Quatsch von Bully Herbig, zweimal für rund zehn Millionen Zuschauer gut. Auch dies ist ein – von Herbigs TV-„Bullyparade“ generalstabsmäßig vorbereiteter – Verleih-Bestseller. Und Hitler? Zumindest in seinem publizistisch-medialen Nachleben ist der sowieso der beste Seller aller Zeiten.

WAS WAREN SEINE GRÖSSTEN NIEDERLAGEN?

Eichinger stellt sie nicht aus. Aber es gibt sie. Oder zumindest: Fast-Niederlagen. Und sie nagen. Wenn er sich daran erinnert, wie er bei Wolfgang Petersens 60-Millionen-Mark-Projekt „Die unendliche Geschichte“ losdrehte, und es fehlte noch ein dicker Batzen vom Budget: keine wiederholungswürdige Erfahrung. Oder sein Herzensanliegen „Der große Bagarozy“: Bei Kritik und Publikum ist der wirre Film um einen selbsternannten Teufel mit Callas-Passion durchgefallen, und auch der Autor, Regisseur und Produzent sieht das künstlerische Ergebnis heute eher mit Schmerzen. Im Herbst 2003 schließlich ist diesem deutschen Superproduzenten, der seit 15 Jahren ein Büro in Hollywood unterhält und dort wegen seiner teutonischen Solidität besonders geschätzt wird, die Firma fast unterm Hintern weggezogen worden: Eichingers Börsengang-Partner Leo Kirch und Thomas Haffa von EM.TV hatten ihre Anteile an einen Schweizer Filmrechtehändler verkauft – die Anbahnung einer feindlichen Übernahme, die der Chef erst nach wochenlangem Ringen abwehren konnte. Vielleicht siegte da Einsicht: Die Constantin ohne Eichinger, den Inspirator, den Antreiber, den Umsetzer, wäre nicht mehr die Constantin.

WAS MACHT EICHINGER PRIVAT AUS?

Privat ist öffentlich, bei einem Mann dieser gesellschaftlichen Position. Eichinger raucht Kette: Marlboro natürlich. Eichinger ist schlank, trägt fast immer dunkles Sakko, weißes Hemd, Bluejeans und Turnschuhe. Eichinger hat sich erst mit 40 eine Wohnung eingerichtet und vorher nur in Hotel-Apartments gelebt. Eichinger, ehedem katholischer Internatsschüler im Bayerischen Wald, ist heute nicht religiös. Er hat eine Tochter – aber weder Hannelore Elsner noch Barbara Rudnik, weder Katja Flint noch Corinna Harfouch, so geht die Reihe seiner langjährigen Lieben, ist Ninas Mutter. Dahinter steckt eine private Geschichte, die nicht mit deren Schauspielerinnen-Rampenlicht zu tun hat.

Noch etwas: Eichinger ist ein großgewachsener Mann. Aus der Nähe aber wirkt er seltsam klein, kindlich, bescheiden. Eine Sinnestäuschung, die sich allenfalls filmisch darstellen lässt. Eichinger würde sie wohl den Eichinger-Special-Effect nennen und dann loslachen. Bloß sicherheitshalber.

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