Zeitung Heute : Wer ist Camilla Parker Bowles?

Tom Levine

WAS FÜR EIN TYP IST SIE?

Kein Rottweiler, aller üblen Nachrede zum Trotz. Obwohl sogar sie selbst sich schon so bezeichnet hat. Zu Hause, am Telefon, erzählt man sich, ganz englischer Humor, vielleicht ein bisschen derb: „Hier Rottweiler, Sie wünschen?“ So hat Camilla Anfang der 90er darauf reagiert, dass Prinzessin Diana sie mit einem großen Hund verglich und der Rest der Welt das nie vergessen würde. Andere Leute hätten sich vielleicht zur Visagistin begeben, sich modisch aufgedonnert und die Fotografen bestellt: den Gegenangriff gefahren, etwas fürs Image getan. Nicht so Camilla. Falls sie überhaupt beleidigt war ob des bösen Spitznamens, dann hat sie ihre Verletzung erst weggelacht und den Rest dann im Wald gelassen – in eine alte Tweed-Jacke gehüllt, beritten wahrscheinlich und möglicherweise zu Ungunsten von ein paar Rebhühnern. Danach hat sie sich wahrscheinlich ein Spiegelei in die Pfanne gehauen und Tee mit Rum getrunken oder Rum mit Tee.

Camilla heult nicht, heißt es aus ihrer Umgebung, sie verachtet Weinerlichkeit, sie steckt sowas weg. Sie macht überhaupt ungern Theater, findet das völlig überflüssig. Die amerikanische Journalistin Tina Brown hat sich unlängst ein Motto ausgedacht, dass sich Camilla über den Küchentisch hängen könnte: „Thou Shalt not Whine“, Du sollst Dich nicht beklagen. So ist sie eben, sagen die wenigen Freunde: Schlagfertig und witzig, selbstbewusst, ohne arrogant zu sein, sicher im Auftreten in jeder Gesellschaft, aber gern etwas unkonventionell, lieber in Gummistiefeln als in Abendrobe. Und diskret, eine Eigenschaft, die Charles besonders schätzt.

Seit 1993 steht Camilla als „die Dritte in der Ehe“ des Prinzen of Wales in der Öffentlichkeit, doch anders als Diana oder Charles hat Camilla sich nie interviewen oder nach Gesprächen mit Journalisten zitieren lassen. Und auch wenn sie schon seit einigen Jahren professionelle Image- Berater um sich hat, wenn für sie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird, so eilt ihr immer noch der Ruf voraus, es auf Aufmerksamkeit gar nicht abgesehen zu haben. Wer weiß, vielleicht hat die Londoner Boulevardzeitung „The Mirror“ ja recht, wenn dort vermutet wird, dass Camilla sich von Charles auch jetzt erst mühsam habe überreden lassen, von der halb- legitimen, halb-privaten Rolle der „Begleiterin“ zur Ehefrau aufzusteigen. Dass es schon immer ihr innerster Wunsch gewesen sei, in die Königsfamilie einzuheiraten, ist jedenfalls offenbar Unsinn.

WIE HAT IHRE HERKUNFT SIE GEPRÄGT?

Doch Camilla ist nicht, wie eine andere Legende es neuerdings will, eine schlichte Bürgerliche, die sich in Gesellschaft mit Blaublütigen nicht wohl fühlen wird. Sie stammt zwar anders als Diana nicht direkt aus dem höheren Landadel Großbritanniens, ihre Familie ist aber fest in der britischen Aristokratie verwurzelt. Ihr Vater, Major Bruce Shand, ein Kriegsheld aus dem Zweiten Weltkrieg, belieferte als Weinhändler die bessere Gesellschaft und verfügte über ansehnlichen Familienbesitz in East Sussex. Dort trug er immerhin den Ehrentitel Vice Lord Lieutenant – sozusagen Stellvertreter des Stellvertreters der Queen vor Ort.

Ihre Mutter Rosalind stammte aus der Bauunternehmer-Dynastie Cubitt, die schon seit den Zeiten Queen Victorias eng mit dem Königshaus verbunden war. Weltberühmt ist die Liaison zwischen Camillas Urgroßmutter Alice Keppel und dem Urgroßvater der Queen, Edward VII., weniger bekannt das dringende Gerücht, dass ihre Großmutter Sonia lange als Spross jener Beziehung galt. Diese schrieb seinerzeit ein Buch unter dem Titel „Edwardian Daughter“, was sowohl als „Tochter Edwards“ als auch „Tochter der Ära Edwards“ verstanden werden konnte.

Camilla, die von der Geschichte ihrer Familie schon als junges Mädchen tief beeindruckt war und Alice Keppel bewunderte, wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern auf dem Landgut in Sussex auf, also reitend, schießend, jagend und teure Autos fahrend. Alsdann machte sie die typische Karriere der „Debütantin“ aus höherem Hause: Erst ging sie auf die Queen’s Gate School, die sich damit rühmte, dem Außenministerium Diplomatengattinnen zu liefern. Dass die Schule sich und ihre Schülerinnen auch akademisch verbessern wollte, blieb Camilla Shand wohl verborgen: Sie absolvierte die dem Realschulabschluss entsprechenden Prüfungen in nur einem Fach.

Zur moralischen Läuterung und zur Vermittlung gesellschaftlicher Finesse wurde sie dann auf Mädchenpensionate in Frankreich und der Schweiz geschickt. Wie viele „höhere Töchter“ ihrer Generation lebte die junge Camilla später im Londoner Westen; wie viele „Sloane Ranger“ und Debütantinnen war es erster Lebenszweck, einen passenden Mann zu finden. Ihre Altersgenossen bescheinigen ihr, sozial (und auch sexuell) äußerst aktiv gewesen zu sein. Sie wäre keine Schönheit gewesen, habe aber durch ihr offenes, selbstbewusstes und witziges Auftreten gewinnen können. Oft habe sie im Mittelpunkt der Parties gestanden. Nicht nur Charles erlag damals ihren Reizen.

WIE VERBRINGT SIE IHREN TAG?

Spötter witzeln öffentlich, wozu sie in Clarence House, der Residenz ihres zukünftigen Gatten, seit einiger Zeit zwei Sekretärinnen beschäftigt. Wahrscheinlich mit der Planung ihrer Auftritte an der Seite des Prinzen; ihr ganz eigenes Engagement für Wohltätigkeitsorganisationen ist bisher nämlich auf die „National Osteoporosis Society“ beschränkt – kein unbedingt umwerfendes Programm. Intellektuelle Interessen werden Camilla – darin Diana recht ähnlich – nicht nachgesagt. Seitdem sie Charles öffentlich begleitet, sieht man sie selbstverständlich auch hier und da im Theater, in der Oper oder bei Vernissagen einen Zugang zu den Künsten hat sie, soweit Berichte ihrer „Freunde“ stimmen, allerdings nicht.

Geprägt ist Camilla viel eher von der sozialen Kaste, in der sie mit ihrem früheren Ehemann Andrew Parker Bowles in der westlich von London liegenden ländlichen Grafschaft Glocestershire lebte. Londoner reden despektierlich vom „Glocestershire Set“: Familien mit „altem Geld“, die ihre Ländereien verwalten, reiten, zur Fuchsjagd und während der „Season“ im Sommer zu den üblichen gesellschaftlichen Anlässen auftauchen (Pferderennen in Ascot, Regatten in Cowes und Henley, Tennis in Wimbledon usw.), sich sonst aber wenig für die Gesellschaft interessieren.

Die klassische Anekdote zu dieser Lebenswelt stammt vom früheren Herzog von Beaufort, Namensgeber der berühmtesten Fuchsjagd des Landes. Der hatte sich über einen benachbarten Schriftsteller beklagt: „Dieser Kerl: Schießt nicht. Jagt nicht. Was will er im Leben?“ Camilla, auch eine Beaufort-Nachbarin, hätte dem Herzog schon eher gefallen: Sie schießt, reitet, jagt – und fühlt sich damit bestens ausgefüllt.

WAS HAT SIE, WAS DIANA NICHT HATTE?

Ganz einfach: Sie hat keine Probleme. Sie sieht sich, das hat sie ihren Freunden häufig genug angedeutet, als wahrhafte Nachfahrin der legendären Alice Keppel. Die hatte sich in ihrer außerehelichen Liaison ganz klar als Stütze des Königs verstanden, als selbstlose Dienerin, Zuhörerin, Beraterin. Nun deutet nichts darauf hin, dass Camilla irgendwie servil wäre – aber auch für sie steht in der Tat Charles im Vordergrund, nicht die Erfüllung eigener Lebensträume. Falls da noch welche sind. Camilla ist schließlich pragmatisch veranlagt, nichts anderes beweist die Geschichte jener Mesalliance, die von vielen dafür verantwortlich gemacht wird, die Ehe zwischen Charles und Diana zerstört zu haben. Camilla fand nie etwas dabei. Für sie war es unverständlich, dass Diana ihren Prinzen für sich allein haben wollte. Wozu denn? Sie, Camilla, musste ihren Andrew ja auch mit allerlei anderen Damen teilen.

WAS WIRD SIE FÜR DIE BRITEN SEIN?

Daran arbeiten sie noch in Clarence House. Die erstaunliche Wendung von der meist gehassten Frau in Großbritannien zur mürrisch akzeptierten Prinzgemahlin haben sie hinter sich. Nun wird, die öffentliche Meinung immer im Blick, an Camillas Job in der Königsfamilie gearbeitet. Vermehrte Auftritte an der Seite des Prinzen sind Pflicht, in Zukunft eben auch bei Staatsbesuchen und ähnlichen öffentlichen Anlässen. Auch die Zahl der Solo-Auftritte zu wohltätigen Zwecken wird größer werden, ob Camilla das nun will oder nicht.

Als die wichtigste weibliche Hochadelige nach der Queen bekommt Camilla demnächst schließlich auch direkt Geld aus der „Civil List“, wie das Budget der Monarchie genannt wird. Die in Finanzfragen etwas knitterigen Briten sind da eigen: Wer zum Hof gehört, soll auch Auftritte liefern. Camilla aber braucht sich nicht zu sorgen. Sie hat ja jetzt Zeit. Die Blair-Regierung hat die Fuchsjagd mit Hunden verboten; in der vergangenen Woche war das letzte Halali. Camilla war dabei, der Prinz auch. Jetzt gibt es, Blair sei Dank, etwas Luft im Terminkalender.

Tom Levine schreibt derzeit an einer Familienbiographie der Windsors, die im Herbst im Campus-Verlag erscheint.

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