Zeitung Heute : Wer ist Christo?

Frederik Hanssen

WARUM IST CHRISTO NUR DIE HÄLFTE SEINER SELBST?

Seit 1994 gibt es die beiden nur noch im Doppelpack. Vor elf Jahren haben sich Christo und Jeanne-Claude entschlossen, ihre beiden Vornamen zum Markenzeichen ihrer Kunst zu erheben. Schließlich entwickeln sie nicht nur ihre Großprojekte zusammen, sondern vermarkten das gemeinsame Oeuvre auch als ihre eigenen Galeristen. „Bitte immer beide auf dem Bild!“, rief Christo dann auch den Fotografen zu, als er mit seiner Frau die Arbeiten im New Yorker Central Park inspizierte, wo am gestrigen Sonnabend ihr jüngstes Happening eröffnet wurde: „The Gates“, 7500 Tore, an denen leuchtende Kunststoffsegel im Winterwind wehen und den Park in safrangelbes Licht tauchen.

Ihre Unzertrennlichkeit mag auch daher rühren, dass beide am selben Tag geboren wurden, dem 13. Juni 1935. Christo Javacheff als Sohn eines bulgarischen Industriellen in Gabrovo, Jeanne-Claude de Guillebon als Tochter eines französischen Offiziers in Casablanca. 1958 lernten sie sich kennen, als Christo, der 21-jährig nach Paris emigriert war, Jeanne-Claudes Mutter porträtierte. Vier Jahre später heirateten sie und gingen 1964 dann nach New York, wo sie bis heute in einem ehemaligen Fabrikgebäude in SoHo leben. Die Skizzen und Collagen, die dort im Atelier entstehen, stammen allerdings von Christo alleine. Daher die etwas ungalante Zusammensetzung des Doppelnamens: Christo steht vorne, weil nur er eine Ausbildung zum Maler und Bildhauer absolviert hat, während Jeanne- Claude Autodidaktin ist, im Laufe der Jahrzehnte über die Rolle der Muse zur Managerin und schließlich zur gleichberechtigten Künstler-Partnerin wurde. So war sie beispielsweise die treibende Kraft, als das Paar 1983 elf Inseln in der Biscayne Bay vor Miami mit pinkfarbenem Gewebe umsäumte: „Das hatte eine feminine Note, denn es war meine Idee“, kokettiert sie. Politisch unkorrekte Kunstfans vertreten allerdings weiterhin die Meinung, dass in dieser Ehe Christo die bessere Hälfte ist.

Der doppelte Verzicht auf einen Nachnamen führt übrigens zu lustigen Missverständnissen: Regelmäßig gehen Postsendungen „An Herrn und Frau Claude“ ein, manche Briefschreiber denken auch, es handele sich um das schwule Pärchen Christo und Jean-Claude. Um die Sprachverwirrung komplett zu machen, führt der 1960 geborene Sohn des Künstlerpaars den Vornamen des Vaters als Nachnamen: Als Cyril Christo publiziert er Gedichtbände und dreht Dokumentarfilme.

WAS VERHÜLLT SICH HINTER DER KUNSTFIGUR CHRISTO?

Wäre er nicht so erfolgreich – Christo würde eine perfekte Woody-Allen-Figur abgeben. Einen dieser neurotischen Upper East Side-Intellektuellen, der den „New Yorker“ liest und nächtelang mit Freunden diskutierend beim Wein sitzt. Doch die Fassade täuscht: Der Bulgare ist ein Arbeiter, der sich mit Knoblauch, Bananen und Soja-Milch fit hält. 17 Stunden pro Tag verbringt er in seinem Atelier, sieben Tage pro Woche. Urlaub machen er und Jeanne-Claude nie und selbst den entspannenden Nachmittagsspaziergang versagen sie sich. Gut abgeschirmt durch seine Gattin widmet er sich ausschließlich seiner Kunst. Mehr scheint ihn nicht zu interessieren. Mögen auch Projekte wie der „Verhüllte Reichstag“ von hohem Symbolwert sein, letztlich ist Christo ein unpolitisch denkender Mensch: „Kunst“, sagt er, „ist alleine dazu da, den Menschen Freude zu bereiten.“

WIE GEHEN CHRISTO UND JEANNE-CLAUDE BEI IHREN PROJEKTEN VOR?

Das Ehepaar zählt zu den Langstreckenläufern des Kunstbetriebs. Selten lassen sich ihre Projekte zeitnah verwirklichen, oft kämpfen sie jahre-, manchmal gar jahrzehntelang um die Genehmigung, ihre Installationen im öffentlichen Raum realisieren zu dürfen. Beim „Verhüllten Reichstag“ warben sie zweiundzwanzig Jahre lang für das Projekt, bis der Bundestag schließlich am 25. Februar 1994 nach einer siebzigminütigen Debatte mit 292 gegen 223 Stimmen für die Aktion stimmte. Die ersten Skizzen zu den gestern eröffneten „Gates“ im New Yorker Central Park entstanden bereits 1979. Dagegen dauerte es von der Idee, die Brücke Pont-Neuf in Paris zu verhüllen, bis zur Realisierung im Jahr 1985 „nur“ zehn Jahre.

„Die Zeit arbeitet immer für den Künstler“, postuliert Jeanne-Claude gerne. Nach der Methode „Das weiche Wasser bricht den Stein“ arbeiten sich die beiden mit großer Beharrlichkeit zu ihrem Ziel vor, halten unzählige Vorträge, sprechen immer wieder mit staatlichen Stellen und Anwohnern, bis die Zeit reif ist. „Software-Periode“ nennt Christo die Jahre, während der das Projekt lediglich in seiner Fantasie existiert. Aus der Ursprungsidee kristallisiert sich langsam eine praktikable Endfassung heraus. Dabei können die Vorhaben wachsen oder schrumpfen, je nachdem, was die Gegebenheiten vor Ort erfordern. Diese Anlaufphase ist für Christo wichtiger als die tatsächliche Umsetzung der Vision vor Ort. Indem er das Projekt vor dem inneren Auge entstehen lässt und seine Gedanken aufs Papier bannt, entsteht ein vollwertiges Kunstwerk. Die tatsächliche Durchführung ist dann nur noch der Schlussstein des Weges – und ganz nebenbei auch eine logistische Meisterleistung.

WARUM AKZEPTIEREN SIE KEINE FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG, NICHT VON PRIVATER NOCH VON STAATLICHER SEITE?

Die Firma „Christo und Jeanne- Claude“ ist ein echtes Non-Profit-Unternehmen: „Wir geben unser Geld nicht für Dinge aus, die den meisten Menschen Freude bereiten, wir haben unsere eigenen Prioritäten.“ Bei allen ihren Arbeiten, erklären die beiden, gehe es immer um Freiheit. Als Bulgarien nach dem Krieg kommunistisch wurde, verließ der 21-jährige Christo seine Heimat. Weil er sich von niemandem etwas vorschreiben lassen wollte.

Freiheit, wie sie das Künstlerpaar versteht, ist der Feind des Besitzes – „weil Besitz gleichbedeutend ist mit Dauerhaftigkeit.“ Also nehmen sie sich die Freiheit, jeden Cent, den sie für ihre Projekte ausgeben, selber zu verdienen. Wer sie unterstützten will, muss ihr Kunst kaufen. Einnahmen aus der Galeristentätigkeit werden sofort in neue Aktionen reinvestiert. Im Fall von „The Gates“ werden es 20 Millionen Dollar sein – für ein Projekt, das nach 14 Tagen unwiderruflich vorbei ist. Ihr Antrieb: Die pure Neugier, mit eigenen Augen zu sehen, wie die 7500 Tore im Central Park wirken. Über die Publikumsreaktionen machen sie sich keine Gedanken: „Wenn Eltern von anderen Leuten hören, sie hätten ein schönes Kind, freuen sie sich natürlich“, erklärt Jeanne-Claude. Aber jedem ist klar, dass sie das Kind nicht bekommen haben, damit es anderen Leuten gefällt.“

Mit Merchandising-Produkten wie T- Shirts, Postkarten oder Postern verdienen sie übrigens kein Geld. Es gibt sie zwar auch jetzt in New York zu kaufen – doch der Erlös kommt einer gemeinnützigen Organisation zugute, dem Freundeskreis des Central Parks.

WAS HABEN CHRISTO UND JEANNE- CLAUDE ALS NÄCHSTES VOR?

Eines steht fest: Ein Gebäude verhüllen wollen die beiden Künstler nie wieder – um endlich ihren Ruf als „Verpackungskünstler“ loszuwerden. Textiles Gewebe aber soll weiterhin ihr wichtigstes Arbeitsmaterial bleiben: Besonders intensiv werden sich die Christos jetzt um ihr Projekt „Over the River“ kümmern, bei dem sie auf einer Länge von zehn Kilometern den Arkansas River im US-Bundesstaat Colorado überspannen wollen.

Und dann gibt es da noch die Pläne für Rostock: Ulrich Ptak, der Kurator der Kunsthalle, steht derzeit in Verhandlungen mit Jeanne-Claude für eine Ausstellung in der Hansestadt. Ein Datum für die Vernissage sei noch nicht festgelegt, war am Freitag im Museum zu erfahren – im Laufe des Jahres 2006 aber soll die Schau auf jeden Fall stattfinden.

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