Zeitung Heute : Wer ist der Weihnachtsmann?

Bernd Matthies

WIE IDENTIFIZIERT MAN DEN WEIHNACHTSMANN MIT SICHERHEIT?

Eine schwere Übung. Der Weihnachtsmann verändert sich von Jahr zu Jahr und folgt den sich jeweils ändernden Moden. Aktuell hat er sich weltweit mit einem Schlitten fortzubewegen, vor den mindestens vier, gern aber auch sechs oder acht Rentiere gespannt sind, von denen wieder mindestens eins eine leuchtend rote Nase aufweist und auf den Namen Rudolph hört. Er hat sich dem Beschenkten gegenüber durch den Ausruf „Ho, ho, ho!“ als regional zuständige Einsatzkraft zu identifizieren.

Früher in Deutschland übliche traditionelle Vorstellungsformeln wie „Hallo, liebe Kinder, ich bin der Weihnachtsmann!“ in Verbindung mit Fragen wie „Wart ihr auch alle schön brav?“ gelten als Ausfluss voremanzipatorischer Dumpfpädagogik und datenschutzrechtlich unzulässig. An den einfachen Äußerlichkeiten hat sich dagegen wenig geändert: Typische Kennzeichen sind der dicke, gemütlich und humorvoll wirkende Bauch, die rote, mit weißem Pelz abgesetzte Kutte sowie der weiße, üppig wuchernde Bart, der an Karl Marx erinnert – eine unbeabsichtigte, in der Historie des Weihnachtsmanns nicht angelegte Pointe.

WO KOMMT DER WEIHNACHTSMANN HER – UND WO GEHT ER HIN?

Sein unbestrittener Urahn ist Bischof Nikolaus, der irgendwann in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt in Myra in Kleinasien gelebt hat und angeblich das Christentum erfolgreich gegen den dort tradierten Artemis-Kult verteidigte. Später gewann er durch Legenden solche Bedeutung, dass ihm die „Apostelgleichheit“ zuerkannt wurde; die Ottonen wählten ihn um das Jahr 970 zum Hausheiligen. Eine Wundererzählung aus dem 12. Jahrhundert machte ihn zum Kinderfreund und Geschenkebringer – er legte seine Gaben auf einen Teller, der später durch Stiefel oder Strumpf ersetzt wurde.

Martin Luther, der gegen die Heiligenverehrung kämpfte, setzte ihm das „Christkind“ entgegen, doch katholische Häuser verweigerten sich diesem Trick und entwickelten während der Gegenreformation ein katechetisches Spiel, das unser heutiges Weihnachtsmannszenario vorwegnahm: Nikolaus wurde zum weihnachtlichen Besucher, der vor den Kindern lobend oder strafend auftrat. Zunehmend übernahm „Knecht Ruprecht“, sein finsterer Begleiter, den undankbaren strafenden Part.

Der heute übliche gütige Weihnachtsmann ist das Ergebnis dieser Spaltung. Er reiste zunächst als holländischer „Sinte Claas“ nach Amerika, wo er als kleiner, fröhlicher Dicker in Elfengröße beschrieben wurde. Später wuchs er heran zum Ehrfurcht gebietenden „Santa Claus“, erst in Schwarz-Weiß, später zunehmend in Rot. Dieses Bild verfestigte sich, als Coca-Cola – Hausfarben: Rot-Weiß – den dicken alten Mann mit Bart 1931 für die Werbung entdeckte und ihn in alle Welt schickte. So kehrte er nach Europa zurück und verdrängte hier vollends das lutherische Christkind.

Im Ostblock raubte man ihm als „Väterchen Frost“ sogar komplett seine religiösen Wurzeln. Das ist längst vergessen – er steht vor einem weiteren Schritt seiner nahezu globalen Karriere als Aufkleber, Fassadenkletterer, Gartenzwerg. Selbst der Aufbau der Marke als Ganzjahresartikel schreitet in den Supermärkten voran: Die Verschiebung des Verkaufsstarts entsprechender Artikel vom September in den August steht bevor.

WELCHE ANFECHTUNGEN DROHEN IHM?

Die Erosion seiner historischen Grundlagen. In den USA gibt es einen starken Trend, das Wort „Christmas“ durch „Holiday“ zu ersetzen, aus der Weihnachtszeit also eine Ferienzeit zu machen; Angehörige anderer Religionen sollen nicht vergrätzt, zum religiös motivierten Hass aufgestachelt oder womöglich sogar in terroristische Aktivitäten gedrängt werden. Das konnte dazu führen, dass der Weihnachtsmann als „Grandpa Claus“ oder „Holiday Man“ endgültig den Bezug zum historischen Heiligen einbüßt.

WANN KOMMT DER WEIHNACHTSMANN ZUR BESCHERUNG?

Hängt stark vom Dienstplan und der Region ab. Da auch die Festlegung der Nacht zum 25. Dezember als Christi Geburtstermin von Papst Felix I. eher willkürlich vorgenommen wurde, gibt es in dieser Frage großen Ermessensspielraum. In Zeiten der Globalisierung und Flexibilisierung der Arbeitszeiten wird man wohl jeden Termin zwischen dem 24., 12 Uhr, und dem 25., 8 Uhr, als richtig ansehen müssen. Auch die Streitfrage, ob der Weihnachtsmann in der Nikolaus-Tradition persönlich auftritt, seine Geschenke heimlich deponiert oder nachts laut durch den Kamin poltert, sollte je nach den Umständen pragmatisch gelöst werden. Zu fragen wäre zum Beispiel: Haben wir überhaupt einen Kamin?

IST NICHT LÄNGST BEWIESEN, DASS ES DEN WEIHNACHTSMANN NICHT GIBT?

Es gibt in der Tat einen recht schlüssigen Beweis, der auf physikalischem Grundlagenwissen beruht. Er besagt, dass der Weihnachtsmann, um all seine Pflichten nach US-Muster zu erfüllen – parken, aus dem Schlitten in den Kamin springen, Socken vollstopfen, restliche Geschenke unter dem Baum verteilen, Reste des Weihnachtsbratens aufessen, durch den Kamin nach oben klettern, ausparken, weiterfliegen – pro Haus nicht mehr als eine Tausendstelsekunde Zeit hätte. Zudem müsste er mit viertausendfacher Schallgeschwindigkeit fliegen und beim Bremsen und Beschleunigen das 17500fache der Erdbeschleunigung aushalten, ohne von der Ladung zermatscht zu werden. Das klingt schwierig. Überdies: Keine bekannte Spezies der Gattung Rentier kann fliegen.

Doch sind die Gesetze der irdischen Physik auf eine übernatürliche Erscheinung wie den Weihnachtsmann überhaupt anwendbar? Die Aufhebung der Schwerkraft scheint immerhin technisch möglich, sie könnte beispielsweise durch schnell rotierende Christbaumkugeln aus supraleitendem Material erreicht werden. Außerdem geht die Berechnung von der Singularität des Weihnachtsmanns aus, die aus heutiger Sicht unwahrscheinlich erscheint. Es gibt einfach zu viele differierende Beobachtungen, konträre Phantombilder, unterschiedliche Fortbewegungsmethoden, Geschenktransportbehälter etc., die sich schlüssig nur dann interpretieren lassen wenn man das Dogma der Singularität zugunsten des pluralen Weihnachtsmanns verwirft.

WO BLEIBT DIE WEIHNACHTSFRAU?

Weiß der Himmel, wo sie bleibt. Auf der Tagesordnung der Gender-Mainstreaming-Beauftragten hat das Thema längst hohe Priorität erlangt. Es gibt relativ ausgefeilte Vorschläge, Sack und Rute als Symbole männlicher Macht durch passendere Utensilien, beispielsweise den Hebammenkoffer, zu ersetzen und auch das Liedgut („Morgen kommt die Weihnachtsfrau“) zu überarbeiten.

Allerdings gilt der Versuch, auf die Melodie des phallokratischen „O Tannenbaum“ den Text „O Hollerbüschin“ zu singen, als gescheitert. Bisher ist es auch nicht gelungen, Frauen aus der diskriminierenden Rolle des Weihnachtsengels zu befreien, der lediglich für Assistenzaufgaben wie logistische Überwachung und musikalische Begleitung zum Einsatz kommt. Als aussichtsreicher gilt ein Forschungsprojekt der Berliner FU. Dort wird nach einer geschlechtsneutralen Entsprechung für die populäre Beschimpfung „Du Weihnachtsmann!“ gesucht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben