Zeitung Heute : Wer ist Deutschland?

Axel Vornbäumen

WIE WÜRDE DAS 15 JAHRE ALTE DEUTSCHLAND SICH SELBST BESCHREIBEN?

Oh Mann, schwierige Frage, würde das 15 Jahre alte Deutschland stöhnen. Was soll ich sagen? Bin ich tatsächlich erst 15? Ich fühle mich doch viel älter, alle 15-Jährigen auf der Welt tun das, oder? Nur dass die sich nicht alle naslang wie Rentner, wie 60-Jährige fühlen müssen, ich schon. Obwohl – das alte Gefühl nimmt seit einer Weile kontinuierlich ab, es sei denn, es werden im größeren Familienkreis mal wieder runde Geburtstage gefeiert, so wie neulich. Dann werden die Geschichten von einst erzählt, nachdenkliche Geschichten, das ist gut so, aber es prägt meinen Alltag längst nicht mehr – nicht einmal, wenn ich auf Auslandsreisen bin.

Andere Dinge werden zunehmend wichtiger für meine Identität, schon deshalb, weil die Zeiten wieder unsicherer geworden sind, in vielerlei Hinsicht. Ja sicher, ich bin gewachsen, ein richtiger Schub war das, stärker geworden, ein wenig unsportlicher vielleicht durch die Pubertät. Aber selbst das wird mit Sympathie aufgenommen und nicht, wie früher, als ich noch flinker war, als verkniffene Kompensationsleistung abgetan.

Und sonst? Bio, Physik und Chemie sind nicht so ganz meine Sache – da sind andere besser. Aber in Ethik bin ich gut, und in Geschichte sowieso, was irgendwie ja auch miteinander zusammenhängt. Und in der Pause, auf dem Schulhof, ist es keine Frage mehr, ob ich mitspielen darf. Das war lange Zeit nicht so.

Was ich mal werden will? Na ja, man macht sich schon so seine Gedanken. Ein früherer Direktor hat vor längerer Zeit einmal gesagt, man solle versuchen, ein „Volk guter Nachbarn“ zu sein. Was ist schon sicher in diesen Zeiten, aber, nee, doch, das haut schon hin!

WAS WÜRDE DAS AUSLAND ÜBER DEUTSCHLAND SAGEN?

Wieso eigentlich würde? Das Ausland urteilt doch fortwährend. Entweder es blättert verklärt im Jahrbuch der verblassten Mythen, so wie einst Gary Lineker („Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Leute hinter einem Ball her rennen und am Ende gewinnt immer Deutschland“) das getan hat. Oder es schwadroniert wahlweise über deutsche Tugenden, macht sich über die „German Angst“ lustig und darüber, dass es für die Soldaten der Bundeswehr praktisch ausgeschlossen ist, ohne mehrere Zwischenstopps in ihre Einsatzgebiete zu kommen. Sympathisch, oder?

Hinter geschlossenen Mauern, in kleinerem Kreis, wählt uns das Ausland dann auch schon mal zum Papst, was als einer der vielen Striche gewertet werden kann, die mittlerweile vertrauensselig das Ende der Nachkriegszeit markieren. Und wenn in einem Bundesland ein Haufen Neonazis über die Fünf-Prozent-Hürde hüpft, dann reist das Ausland zwar mit Kamerateams an, ist aber auch genauso schnell wieder weg.

Ansonsten sagt das Ausland genau einmal im Jahr, was es wirklich von uns hält – immer an einem Sonnabend im Mai ist das, wenn der „European Song Contest“ stattfindet, was ein Wettbewerb ist, bei dem 30 Nationen um die Wette singen und am Ende verliert immer Deutschland.

WELCHE ZEHN GRÜNDE GIBT ES, DEUTSCHLAND ZU MÖGEN?

Gab es nicht sogar mal 1000 gute Gründe, auf dieses Land stolz zu sein? Nur dass den Befragten, in diesem Fall den „Toten Hosen“, bei Bedarf „kein einziger“ mehr eingefallen ist. Ja, das Land zu mögen, so wie man sein Kuscheltier mag, ist immer noch hundertmal einfacher, unverfänglicher eben, als stolz auf es zu sein – oh doch, so viel Restbestand an Political Correctness wirkt noch nach. Verdammt lange Zeit war das auch ganz gut so, nun aber ist es langsam nicht mehr vonnöten.

Der Bundespräsident hat neulich sogar gesagt, er liebe dieses Land. Bei seiner Amtseinführung war das. Und auch wenn es ein wenig hölzern geklungen haben mag, er wird es bestimmt schon so gemeint haben, und er hat damit ein patriotisches Zeichen gesetzt, an dem andere, die ihm mal nachfolgen werden, nicht mehr so ohne weiteres vorbeikommen werden.

Erstens: Ein vornehmer Grund Deutschland zu mögen ist, dass man, wenn einem danach ist, stolz auf dieses Land sein kann. Langsam wieder. Ist das nicht schon viel, eigentlich sogar genug, nach allem, was war? Nun gut, wem das zu ausgewogen ist, bitte.

Zweitens: Wegen Joschka Fischer. Ist es nicht ganz wunderbar, in einem Land zu leben, in dem jemand mit seiner Biografie hat Außenminister werden können? Auch, um im Amt zu erkennen, dass dies ein „wunderbares Land“ ist? Natürlich ist es das! Und weil wir schon bei Biografien sind…

Drittens: Wegen Lothar Matthäus. Ist es nicht fast genauso wunderbar, in einem Land zu leben, in dem jemand mit seiner Biografie es bisher nicht geschafft hat, Bundesliga- oder gar Bundestrainer zu werden. Und weil das nun ganz und gar nicht ironisch gemeint ist…

Viertens: Wegen Harald Schmidt. Weil er erst im „Unterschichtenfernsehen“ und dann im Öffentlich-Rechtlichen die Ironie zum Wahlpflichtfach gemacht hat. Und weil es gut ist, dass es da jemanden gibt, der seinen Volksbildungsauftrag ernst nimmt, das vermeintlich Politisch-Korrekte über Bord zu werfen so oft es geht.

Fünftens: Wegen der Sportschau. Weil sie dem Wochenende einen Sinn gibt. Und,

sechstens: Wegen des Genitivs.

Siebtens: Wegen des „Tatorts“, weil er das Wochenende am Sonntagabend um 21 Uhr 45 nach allen Regeln der föderalen Fernsehkunst beschließt – jedenfalls für die, die es schaffen, rechtzeitig zur Fernbedienung zu greifen.

Achtens: Ein Grund Deutschland zu mögen ist, ja – die CSU. Keine andere Partei widmet sich so herzhaft der Aufgabe, den Stammtisch vor der Komplexität des politischen Alltags zu schützen.

Neuntens: Wegen der Gewerkschaften. Weil sie die 35-Stunden-Woche erstritten haben, als das noch möglich war und damit deutlich gemacht haben, dass es da irgendwann mal ein Leben jenseits der Arbeit gegeben haben muss – auch für die, die Arbeit haben.

Zehntens: Weil es beileibe nicht überall besser ist als da, wo wir sind!

WELCHES VOLK WIRD IN 100 JAHREN IN DIESEM LAND LEBEN?

Die Sportschau wird bleiben, bestimmt, und, vielleicht, die CSU, aber sicher ist selbst das nicht. Es wird die Gewerkschaften nicht mehr geben und den Genitiv seltener. Ob sich die Leute noch an Joschka Fischer erinnern werden, ist schon zweifelhaft, bestimmt aber werden Lothar Matthäus und Harald Schmidt vergessen sein. Und ganz sicher wird das Volk keine Gelegenheit mehr haben dank Billigfliegern an Plätze zu gelangen, an denen es überprüfen kann, dass es dort auch nicht besser ist als daheim. Es wird sich also andere Gründe suchen müssen, dieses Land zu mögen, es zu lieben, stolz auf es zu sein. Es wird sie schon finden.

Natürlich – es bleiben immer die Klassiker, Goethe et al. Aber hoffentlich wird es auch seine Wurzeln pfleglich behandeln, der Umgang mit Geschichte gehört dazu, unbedingt, der Umgang mit den Lehren, die aus der Geschichte gezogen worden sind, ganz passabel war das oder, in Schulnoten ausgedrückt: befriedigend.

Wenn das Land Glück hat – aber wer weiß das schon – dann wird es sich im Jahre 2105 jenes Quantum am Skrupulösität bewahrt haben, mit dem es in den Anfangsjahren des 21.Jahrhunderts seinen Platz in der Völkerfamilie gesucht hat. Es wird dadurch zielsicherer, werteorientierter seine Interessen definieren können. Und es wird über jene Portion an Toleranz verfügen, die mühsam errungen wurde und die nicht selbstverständlich ist, jedenfalls dann nicht, wenn man sich umsieht wie es sonst noch so zugeht in der Welt.

Das Volk. Wird es je wieder rufen müssen: „Wir sind das Volk!“? Das wohl nicht. Aber es wird sich daran gewöhnen müssen, sich stetig umzuschauen bei seiner Suche nach eigener Identität. Das Kleine, das Regionale, wird dabei wichtiger werden, und das große Ganze, was nur Europa heißen kann, hoffentlich.

Und dann? Dann wird es auch mal Zeit, wenn an einem Sonnabend im Mai europäischerseits ein bisschen Frieden gemacht werden kann mit diesem Deutschland. Es gibt sogar eine Formel dafür, sie heißt: Allemagne, Douze Points!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben