Zeitung Heute : Wer ist Deutschlands Frauen-Nationalelf?

Helen Ruwald
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Deutschlands Spielerinnen treten heute um 14 Uhr deutscher Zeit im WM-Finale gegen Brasilien an. Fotos: dpa (13), ddp (1); Grafik:...

WER SIND DIE STÜRMERINNEN?

Birgit Prinz: 114 Tore, 170 Länderspiele – damit hängt die 29 Jahre alte Nationalspielerin aus Frankfurt am Main auch die besten Männer ab. Deutschlands Rekordnationalspieler Lothar Matthäus kommt auf 150 Spiele, Gerd Müller auf 68 Tore. Prinz (1,79 Meter, 75 Kilo) ist robust, zeichnet sich durch ihre Dynamik, Athletik und Schnörkellosigkeit aus. Sie hat als einzige der deutschen Spielerinnen die körperlichen Voraussetzungen, um es im Männerbereich mit Regionalligaspielern aufzunehmen. Einst bekam sie sogar ein Angebot, im Profiteam des AC Perugia zu spielen – mit Männern. Sie winkte ab. Auch für eine Millionengage wollte sie sich nicht zur Witzfigur machen. Lange behagte es ihr überhaupt nicht, das Gesicht des deutschen Frauenfußballs zu sein. Neben dem Platz wirkte sie oft spröde. Gegen ihre Ausnahmestellung kam sie freilich nicht an, zu lang ist die Erfolgsliste: Achtmal war sie mit dem 1. FFC Frankfurt Deutscher Meister, achtmal Pokalsieger, zweimal Uefa-Cup-Sieger. Dazu kommen vier EM-Titel, ein WM-Titel, zwei Bronzemedaillen bei Olympia und dreimal die Auszeichnung zur Weltfußballerin des Jahres. In China traf Birgit Prinz bislang viermal. Heute im Finale wird die Psychologie-Studentin einen weiteren Rekord aufstellen: Sie wird die erste Spielerin weltweit sein, die in drei WM-Endspielen zum Einsatz gekommen ist.



Sandra Smisek:
Sie hat während der WM den Kampf um den Platz neben Birgit Prinz für sich entschieden. Schon als 16-Jährige spielten beide gemeinsam in der Bundesliga beim FSV Frankfurt, jetzt sind sie auch in der Nationalmannschaft erstmals bei einem großen Turnier das Traum-Duo. Beim 11:0 im ersten WM-Vorrundenspiel gegen Argentinien schoss die 30-Jährige, die eine Ausbildung zur Polizeikommissarin macht, innerhalb von 23 Minuten drei Tore und sicherte sich ihren Stammplatz. Normalerweise kommt ihr eher die Rolle einer Torvorbereiterin zu. Mit einer Größe von nur 1,63 Meter wuselt sie durch die gegnerischen Strafräume und ist die perfekte Ergänzung zur kräftigen Birgit Prinz.

WER STEHT IM MITTELFELD?

Fatmire Bajramaj: Mit 19 Jahren ist die Duisburgerin die jüngste bisher eingesetzte Spielerin im deutschen Team. Bei ihren Einwechslungen bringt sie neuen Schwung in die Mannschaft. Sollte Melanie Behringer, die mit Wadenproblemen kämpft, ausfallen, könnte die Sportsoldatin heute erstmals von Beginn an auflaufen. Als Vierjährige kam Fatmire Bajramaj mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland, ihr Weg zum Fußball ähnelt dem der Protagonistin aus „Kick it like Beckham“. Auch Bajramaj hat erst heimlich gekickt, der Vater wünschte sich ein kleines Mädchen, das sang oder tanzte, Fußball zu spielen sollte den Brüdern vorbehalten sein. Irgendwann kam ihr der Vater auf die Schliche – zunächst brach sein Weltbild zusammen, mittlerweile aber ist er sehr stolz auf seine Tochter, die im Gegensatz zu vielen ihrer Mitspielerinnen auch im Spiel Wert auf perfektes Make-up legt und einen persönlichen Vertrag mit einer Schuhfirma hat.

Kerstin Garefrekes: Brandgefährlich ist sie, wenn sie über die rechte Außenbahn kommt. In China schoss die 28 Jahre alte Frankfurterin, die schon beim WM-Sieg 2003 dabei war, bisher zwei Tore, darunter im Viertelfinale gegen Nordkorea das 1:0. In den sechs letzten Spielen vor der WM gelangen ihr sechs Treffer – womit sie einmal mehr bewies, dass sie zu den weltweit treffsichersten Mittelfeldspielerinnen zählt. Sie studiert Public Management und ist begeisterte Motorradfahrerin.

Simone Laudehr: Die 21 Jahre alte Sportsoldatin gab erst Ende Juli ihr Debüt in der Nationalmannschaft. Beim zweiten Einsatz schoss sie ihr erstes Tor und überzeugte als neue kreative Kraft im Mittelfeld. Bei der WM war die U-19-Weltmeisterin dann schon Stammspielerin und hoch geschätzt als Abräumerin vor der Abwehr, an der niemand vorbeikommt. Im Finale macht die Spielerin vom FCR Duisburg erst ihr achtes Länderspiel. Laudehr ist eine der Zukunftshoffnungen von Bundestrainerin Silvia Neid für die Zeit nach Olympia 2008, wenn Spielerinnen wie Renate Lingor möglicherweise zurücktreten.

Renate Lingor: Die Spielmacherin ist die Frau für die entscheidenden Pässe oder Tore in entscheidenden Spielen. Bei der WM 2003 in den USA trat sie im Halbfinale gegen die USA die Ecke, die zum 1:0 durch Kerstin Garefrekes führte. Im Finale gegen Schweden gab sie per Freistoß die Vorlage zum Golden Goal von Nia Künzer, das Deutschland den ersten WM-Titel sicherte. Sowohl bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney als auch 2004 in Athen traf sie im Spiel um Platz drei und sicherte ihrer Elf Bronze. Die 31-Jährige vom 1. FFC Frankfurt besticht durch ihre technischen Fertigkeiten, Kreativität und Spielwitz – wenn sie fit ist. Vor der WM war sie weit von der Form entfernt, die ihr 2006 Platz drei bei der Wahl der Weltfußballerin des Jahres eintrug. Sie arbeitet beim DFB im Bereich Schulfußball.

WER STEHT IN DER VERTEIDIGUNG?

Ariane Hingst: In der F-Jugend von Hertha 03 Zehlendorf begann sie mit dem Fußball und war das einzige Mädchen im Team. Später hatte sie als Abwehrchefin von Turbine Potsdam großen Anteil daran, dass der Klub zwischenzeitlich die großen Rivalinnen aus Frankfurt als Nummer eins in Deutschland ablöste. Mit Potsdam holte sie zwischen 2004 und 2006 zwei deutsche Meistertitel, drei DFB-Pokalsiege und gewann einmal den Uefa-Cup. Im April 2007 wechselte sie zum Stockholmer Klub Djurgarden/Älvsjö und ist somit die einzige Spielerin im WM-Kader, die nicht in der Bundesliga spielt. In Schweden muss sie mit einer viel körperbetonteren Spielweise zurechtkommen – das kommt auch dem DFB-Team zugute, das bei der WM noch kein Gegentor kassiert hat. Die 28-Jährige ist gelernte Bankkauffrau und Physiotherapeutin.

Kerstin Stegemann: 168 Länderspiele hat die rechte Verteidigerin absolviert, nur Birgit Prinz war häufiger für Deutschland am Ball. Beim 3:0 im WM-Halbfinale gegen die USA erzielte sie den zweiten Treffer. Gestern feierte sie ihren 30. Geburtstag und könnte sich mit dem Gewinn ihres zweiten WM-Titels das schönste Geschenk machen. Kerstin Stegemann gilt als zuverlässig und unauffällig, die Schlagzeilen überlässt sie gerne anderen. Die Berufssoldatin spielt in der Bundesliga für Wattenscheid 09.

Annike Krahn: Beim EM-Halbfinale 1995 zwischen Deutschland und England war die damals Neunjährige als Ballmädchen im Einsatz und fieberte mit Birgit Prinz mit. Heute will sie gemeinsam mit Prinz den Titel holen und sich am Montagabend beim Empfang am Frankfurter Römer – der unabhängig vom Ausgang des Finales stattfindet – feiern lassen. Die Innenverteidigerin, über die der „Stern“ schrieb, sie sähe „ein bisschen aus wie Torsten Frings. Gleicher Habitus, gleicher Typ“, war eigentlich gar nicht für die Stammformation eingeplant. Zuletzt hatte sie im April von Anfang an gespielt. Doch weil Sandra Minnert sich verletzte, kam Annike Krahn schon im zweiten Vorrundenspiel von Beginn an zum Einsatz – und behielt ihre Position auch, als Minnert wieder fit war. Im Viertelfinale gegen Nordkorea gelang der Abwehrchefin des FCR Duisburg, die über sich sagt, „ich kann nicht still sein. Ich muss Kommandos geben“, im 28. Länderspiel das erste Tor.

Linda Bresonik: Schon 2003, bei der WM in den USA, gehörte sie zum Team. Doch als sie sich im zweiten Spiel verletzte, flog die damals 19-Jährige nach Hause. Ein Riesenfehler, wie sie schnell feststellte. Sie war offiziell Weltmeisterin, doch so gefühlt hat sie sich nicht. Vor drei Jahren erlag ihre Mutter einem Krebsleiden und Linda Bresonik nahm sich eine halbjährige Auszeit, Fußball war nicht mehr wichtig in ihrem Leben. Irgendwie ging es aber wieder aufwärts und Ende 2006 meldete sich Bundestrainerin Silvia Neid bei der Spielerin der SG Essen-Schönebeck und holte sie zurück ins DFB-Team. 35 000 Euro gibt es für die linke Verteidigerin und jede ihrer Mannschaftskolleginnen auf jeden Fall vom DFB für den Finaleinzug. Bei einem Sieg heute gegen Brasilien wären es 50 000 Euro – eine neue Dimension im Frauenfußball, 2003 waren es nur 15 000 Euro. „Als wir davon gehört haben, sind wir fast vom Hocker gefallen“, sagt Bresonik.

WER STEHT IM TOR?

Nadine Angerer:
Die 28-Jährige hat zahlreiche Titel gesammelt – sie war Weltmeisterin, dreimal Europameisterin und zweimal Olympia-Dritte – und hat bei allen sechs Turnieren keine Sekunde gespielt. Während ihre große Konkurrentin Silke Rottenberg im Tor stand, fiel die Potsdamer Torhüterin, die in Prenzlauer Berg lebt, allenfalls dadurch auf, dass sie auf der Ersatzbank die Videokamera bediente und Erfolge für die Ewigkeit festhielt, an denen sie nur am Rande beteiligt war. 53 Mal hat sie für Deutschland gespielt, doch meistens dann, wenn es um wenig ging. Bis zur WM. Weil Rottenberg nicht fit war, wurde Nadine Angerer endlich zur Nummer eins – und hat in den bisherigen fünf WM-Spielen kein einziges Gegentor kassiert, ein WM-Rekord. Noch 68 Minuten fehlen ihr, dann hätte sie sogar die Bestmarke des italienischen Keepers Walter Zenga geknackt. Bei der WM 1990 war er 517 Minuten in Serie ohne Gegentreffer geblieben.

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