Zeitung Heute : Wer ist Dick Cheney?

Christoph Marschall[Washington]

FRÜHER GALT DICK CHENEY ALS GEMÄSSIGTER REPUBLIKANER, INZWISCHEN WIRD ER ALS HARDLINER BESCHRIEBEN. MIT WELCHEM WELTBILD BETREIBT CHENEY POLITIK?

Irgendwann in den vergangenen zehn, 15 Jahren muss es einen Bruch in Dick Cheneys Leben gegeben haben. Aus dem mitunter knallhart agierenden, aber doch kühl kalkulierenden Politiker wurde ein Mann mit Obsessionen – voran der Überzeugung, dass Amerika von tödlichen Feinden bedroht sei und die mit der Abwehr betrauten Organisationen wie die CIA die Gefahr nicht ernst nehmen. Der frühere Sicherheitsberater Bent Scowcroft sagte vor wenigen Tagen: „Dick Cheney kenne ich seit 30 Jahren. Aber diesen Cheney erkenne ich nicht wieder.“

Welches einschneidende Erlebnis den Wandel auslöste, darüber wird spekuliert. Eine plausible Erklärung wäre die Erfahrung des ersten Golfkriegs 1991 zur Befreiung Kuwaits nach Saddam Husseins Einmarsch in das Emirat. UN-Inspekteure entdeckten, dass der Irak nur noch wenige Jahre vom Bau einer Atombombe entfernt war. Die ganze Welt hatte diese Entwicklung unterschätzt, auch die CIA. Lange vor dem 11. September 2001 warnte Cheney vor einem großen Anschlag auf Amerika. Im Rückblick wirkt er wie der Prophet, dem niemand glauben wollte. Was im Zuge von „Leakgate“ oder „Plamegate“, der Untersuchung der Enttarnung der CIA-Mitarbeiterin Valerie Plame, ans Licht kam über Cheneys Leidenschaft, Belastendes gegen Saddam Hussein zu sammeln, könnte weniger besorgten Geistern fast wie Verfolgungswahn erscheinen. Cheney ließ sich in seiner Darstellung, Saddam stecke hinter den Anschlägen vom 11. September, bastle an der Atombombe und anderen Massenvernichtungswaffen und halte Kontakt zu Al Qaida auch nicht durch Erkenntnisse beirren, dass die Quellen für die angeblichen Belege äußerst fragwürdig waren.

In seiner Jugend gab es schon einmal einen Persönlichkeitswandel. Damals rettete er sich vor der abschüssigen Bahn. Cheney wuchs in Casper, Wyoming auf, einem 50 000-Seelen-Städtchen auf 1700 Meter Höhe in einer an Kohle und Öl reichen bergigen Naturlandschaft. Er war ein guter Sportler und wurde zum Schülervertreter gewählt. Das 1959 begonnene Studium an der Eliteschmiede Yale brach er jedoch nach drei Semestern ab – wegen schlechter Ergebnisse und aus Heimweh nach Wyoming und seiner Freundin Lynne, die er mit 14 an der High School kennen gelernt hatte und 1964 heiratete. Cheney schlug sich mit dem Bau von Stromleitungen durch. 1962 wurde er zweimal betrunken am Steuer erwischt und hatte Glück, dass es damals keinen Computerabgleich gab. Das ersparte ihm die verschärfte Strafe als Wiederholungstäter. „Ich war damals überkreuz mit dem Gesetz“, sagte er 1991 dem „New Yorker“. Die beiden Festnahmen hätten ihn wach gerüttelt, ohne sie „hätte es ein böses Ende genommen“.

„WENN SIE MIT IHM REDEN, DANN REDEN SIE MIT MIR“, SOLL GEORGE W. BUSH ÜBER SEINEN VIZEPRÄSIDENTEN GESAGT HABEN. WIE MÄCHTIG IST CHENEY?

Er gilt als der mächtigste Vizepräsident überhaupt, mischt sich in die politischen Abläufe ein und zieht die Fäden. Manche vergleichen seine Rolle mit der eines Regierungschefs unter einem Präsidenten. Bei der öffentlichen Darstellung hält er sich aber im Hintergrund, schon gar nicht tritt er da in Konkurrenz zu George W. Bush. Cheneys Macht ergibt sich aus dem engen Verhältnis zum Präsidenten, er wurde dessen Mentor, als der international unerfahrene Gouverneur aus der texanischen Provinz an die Spitze der Supermacht trat; regelmäßig treffen sich die beiden zum Lunch.

Und Cheney legte sich einen großen eigenen Apparat zu, den andere Vizepräsidenten nicht hatten, darunter ein 15-köpfiges Beraterteam für Sicherheitspolitik, angeführt von dem nun über „Leakgate“ gestürzten Lewis Libby, seinem treu dienenden Alter Ego, den man „Cheneys Cheney“ nannte. Wenn Libby tatsächlich Meineide schwor, so nehmen alle an, dann wohl, um Cheney zu schützen.

Der Vizepräsident hat überall seine Netzwerke. 1969 trat er unter Richard Nixon ins Weiße Haus ein, war dort Donald Rumsfelds Assistent im Wirtschaftsrat, wurde 1976 unter Präsident Gerald Ford jüngster Stabschef aller Zeiten. Fünfmal wurde er zum „Congressman“ von Wyoming gewählt (1979 bis 1989), danach diente er Präsident Bush senior bis 1993 als Verteidigungsminister.

Nach der Wahl von George W. Bush 2001 ergänzte die alte Beziehung zu Rumsfeld die Machtbasis des Vizepräsidenten. Auch der Verteidigungsminister sammelte Material gegen Saddam im Pentagon und reichte es über das so genannte „Ofenrohr“ an Cheney weiter. Außenminister Colin Powell zog im Machtkampf um die Irakpolitik den Kürzeren, sein Stabschef Lawrence Wilkerson nannte die Achse Cheney-Rumsfeld rückblickend eine „Disfunktionalität“ der Regierung. Der Krieg sei Ergebnis einer „Kabale“, wichtige Beschlüsse seien informell gefallen.

CHENEY IST EIN POLITISCHER PROFI. WAS KÖNNTE IHN ZU DEM VORGEHEN IN DER PLAME-AFFÄRE VERLEITET HABEN?

Wohl nur die Obsession einer tödlichen Gefahr, vor der er Amerika retten müsse. Und als die sich als Chimäre erwies, war es dann wohl die trotzige Weigerung, einen Fehler, eine Kriegslüge einzugestehen. Irgendwo mussten die Massenvernichtungswaffen doch sein, die Suche dauere eben an im Irak, einem Land von der Größe Frankreichs. Genauso akribisch wie die Verdachtsmomente gegen Saddam sammelte Cheynes Büro 2003 Informationen über jeden, der seine „Beweise“ anfocht. Vor dem Krieg hatten Cheney und Rumsfeld die CIA im Verdacht, den Feldzug gegen den Irak verhindern zu wollen. Immer wieder versuchten sie, zusätzliche „Belege“ in Colin Powells Manuskript für die Rede vor den UN zu schmuggeln, die dessen Mitarbeiter wieder löschten. Powell nannte seinen Auftritt kürzlich einen „bleibenden Makel meiner Karriere“. Im Nachhinein war Cheney getrieben von dem Misstrauen, die CIA wolle sich „abseilen“, wolle von ihren Erkenntnissen gegen Saddam nichts mehr wissen und die Schuld für die falschen Kriegsgründe im Weißen Haus abladen.

Die gefährliche Frage für den Vizepräsidenten lautet: Wusste er von den Versuchen, Kriegsgegner wie Botschafter Joseph Wilson zu diskreditieren? War er gar der Anstifter? Wilson hatte bei einer Afrikareise im Auftrag der CIA keine Belege für die Behauptung gefunden, Saddam versuche in Niger Bombenuran zu kaufen. Kurz nachdem Wilson das öffentlich bekräftigt hatte, flog die Identität der CIA-Mitarbeiterin Valerie Plame auf – sie ist Wilsons Frau und hatte ihn nach Niger geschickt. Die Journalisten, die das schrieben, hatten zuvor Libby und/oder Bushs Chefstrategen Karl Rove gesprochen. Libby wiederum hatte Plames Identität, auch das kam bei der „Leakgate“-Untersuchung heraus, von Cheney erfahren. Nach der Meineid-Anklage musste Libby gehen. Er bezeichnet sich jedoch als unschuldig. Ein wohl langwieriger Prozess ist die Folge. Kommen dabei auch Lügen oder andere Vergehen des Vizepräsidenten ans Licht? Oder wird er gegen seinen Getreuen Libby aussagen?

VIZEPRÄSIDENTEN GELTEN OFT ALS NATÜRLICHE NACHFOLGER DES PRÄSIDENTEN. WAS WIRD JETZT AUS CHENEY?

Er war doch längst „acting president“, als Zweiter in der Geschichte Amerikas. Dreieinhalb Stunden amtierte er am 29. Juni 2002, während Bush sich einer Operation (Dickdarmspiegelung) unterzog. Weitergehende Ambitionen hat Cheney in größter Schärfe seit 2001 mehrfach zurückgewiesen. „Selbst wenn sie mich wählen, trete ich nicht an“, zitierte er das „Sherman-Statement“ von 1884, mit dem sich der Bürgerkriegsgeneral gegen nicht endende Avancen seiner Partei wehrte. „Ich sage nicht nur nein, ich sage: zur Hölle, nein!“, fügte Cheney an. Insider wie Starjournalist Bob Woodward oder der frühere republikanische Anführer Newt Gingrich wollen aber wissen, dass Cheney 2008 doch antritt. „Interessant, aber falsch“, kommentiert Ehefrau Lynne.

Es wäre auch problematisch, medizinisch wie politisch. Cheney hat mehrere Herzoperationen hinter sich, die Arteriosklerose schreitet voran. Und er war bereits zuvor in mehrere Affären verwickelt. Die parlamentarischen Untersuchungen führten zwar nicht zu Anklagen, aber nach ihnen gilt er nicht mehr als unumstritten. Da sind die Milliardenaufträge an den Konzern Halliburton und seine Tochterfirmen im Irak und bei der Hurrikanhilfe. Cheney war Halliburton-Chef, ehe er Vizepräsident wurde. Da sind ebenso unklare Verbindungen zur und Gefälligkeiten für die Ölindustrie.

Eines jedoch lässt auf ein noch langes politisches Leben schließen: Dick Cheney wurde bereits totgesagt: 2003 auf der CNN-Website. Durch einen Computerfehler war der vorbereitete Nachruf vorzeitig erschienen.

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