Zeitung Heute : Wer ist die deutsche Mutter?

Gebärmaschine, Karrierefrau oder Retterin der Nation – es gibt viele Rollen für sie. Sie ist gezählt, vermessen und statistisch dargestellt. Trotzdem macht sie, was sie will.

Deike Diening

WELCHES BILD HAT DIE DEUTSCHE ÖFFENTLICHKEIT VON DER MUTTER?

Als Ursus arctos, der Bär, im vergangenen Sommer durch Bayern streifte und entgegen seiner Art immer in die Nähe von Menschen kam, ging erst eine Erleichterung durchs Land, als man die Schuldige gefunden hatte: Seine Mutter hatte Bruno das schlechte Verhalten vorgelebt, ihn falsch erzogen. Deutschland begriff sofort: Die Mutter war schuld. Es leuchtete allen sofort ein, weil es an eine Denkweise anknüpft, die, anders als in anderen Ländern, weit verbreitet ist: Verantwortlich für die Kinder ist die Mutter. Und zwar ziemlich allein.

Man weiß viel über die deutsche Mutter, und doch ist sie ein Rätsel. Sie ist gezählt und vermessen, statistisch dargestellt im MütterMittel, sittlich-moralisch gewogen und häufig für zu leicht befunden, zurzeit Gegenstand eines Glaubenskrieges. Immer gerne definiert von Männern. Man kennt ihre Nachkommenzahl bis auf die Stelle hinterm Komma, 1,3. Sie wird immer älter, 2005 war sie bei der Geburt ihres ersten Kindes 29,7 Jahre alt, und während der Fußball-WM war sie wohl überraschend empfängnisbereit. Sie arbeitet seltener als ihre Kolleginnen in Frankreich. Sie ist überhaupt zu selten, eine gefährdete Art. Es gibt sie nur mit schlechtem Gewissen, serienmäßig, aber sie kann Spagat.

Sie tut einem leid, die ganzen Jahre schon, so auf den Sockel gehoben und wieder heruntergestoßen, eine gebeutelte Figur, Projektionsfläche, Voodoo-Puppe. Warum konnte nicht endlich jemand Mutterschutz beantragen, bitte, damit man sie in Ruhe ließ?

Die deutsche Mutter“ ist ein Konstrukt, von dem nicht abschließend bewiesen ist, wie weit es mit der tatsächlichen Mutter übereinstimmt und wie abschreckend oder vorbildhaft es auf junge Frauen wirkt. Die deutsche Mutter wirft einen langen Schatten. Nach hinten, wo es einmal das Mutterkreuz gab, und nach vorn, wo es jetzt Elterngeld gibt. In diesem Schatten verschwinden der Vater – und auch die Kinder.

Man hat so lange mit dem Finger auf die Mutter gezeigt, dass sie nun alles persönlich nimmt. Der Mechanismus geht so: Vorzugsweise Männer sagen etwas über Mütter. Die ziehen sich den Schuh an und bekriegen sich untereinander – die Mütter, die zu Hause bleiben, geißeln die arbeitenden und umgekehrt. Nur Eva Herman hat es in dieser Disziplin noch weiter geschafft, sie hat sich nämlich selbst gespalten, weshalb ihr heutiges Ich nun ihr früheres Ich beschimpft.

Den letzten Höhepunkt in der Debatte lieferte ein Mann, der sich in Ausübung seiner persönlichen Wahlfreiheit entschieden hatte, im Zölibat zu leben. Dieser Mann sprach nun am lautesten, mit großer Schärfe drückte er sich sehr unscharf aus: Er nannte die Mütter „Gebärmaschinen“, die sich ihrerseits in der Ausübung ihrer persönlichen Wahlfreiheit entscheiden, wieder arbeiten zu gehen und ihre Kinder in eine Kinderkrippe zu geben. Alles nur, weil Ursula von der Leyen, Ursula, „die kleine Bärin“ also, jüngst 500 000 zusätzliche Krippenplätze gefordert hat, und zwar bis 2013. Es kann nicht mehr lange dauern, bis die CDU von ihrer Problembärin sprechen wird.

WIE BEGANN DER JÜNGSTE STREIT UM SIE?

2004 beschreibt Frank Schirrmacher in seinem Buch „Das MethusalemKomplott“ lautstark einen Zusammenhang, den die Demografen schon seit Jahren berechnet hatten: Immer weniger Kinder werden in Deutschland geboren. Über kurz oder lang stirbt die Nation aus. Doch diesmal hören alle zu, und die deutschen Frauen, bis hierhin ausgestattet mit allen möglichen Eigenschaften, werden nun vor allem eines: MM. Mögliche Mütter.

Egoisten!, rufen die, die schon Mütter sind, den kinderlos Arbeitenden zu, als hätten nicht auch sie selbst sich von ihrer Wahl persönlich das größtmögliche Glück versprochen. Aber die Spaßgesellschaft ist ohnehin gerade vorbei. Und Akademikerinnen, heißt es, sind besonders egoistische, weil karriereorientierte Verweigerer. Nur, das stimmt gar nicht. Es ist eine große Statistik-Lüge, die ignoriert, dass Akademikerinnen später Kinder bekommen, sogar noch nach der zuletzt ausgezählten Altersgruppe, die nur bis 39 Jahre ging. Das Land glaubte nun fälschlicherweise, Akademikerinnen bekämen zu über 40 Prozent keine Kinder – und wollten auch keine. Zuvor hatte sich der FDP-Politiker Daniel Bahr mit einer Aussage über sozial Schwache aus dem Fenster gelehnt: „Die Falschen kriegen die Kinder.“

WAS MACHT SICH DIE DEUTSCHE MUTTER AUS KARRIERE UND GELD?

Mit dem neuen Elterngeld fördert die Regierung nun Berufstätige. Gut verdienen kann also schon mal nicht falsch sein. Doch es sei gar nicht das Geld, hatten schon zum Mikrozensus 2005 die Frauen gestanden, befragt nach ihren persönlichen Gründen für Kinderlosigkeit. Als ersten Grund nannten sie die Tatsache, dass sie einfach keinen Partner fänden, der es mit ihnen wagen wollte. Und da löste sich in der Wahrnehmung kurz der Vater aus dem langen Schatten der Mutter, es fiel auf, dass in all dem Gerede um die Mütter die Väter vollkommen verschwunden waren. Denn die Mutter, bis dahin Frau, wird ja erst eine mit dem Vater, bis dahin Mann.

Ein latenter Gebärdruck senkt sich nun wie ein Wettertief über das Land. Die Um-die-dreißig-Jährigen möglichen Mütter gehen jetzt dazu über, sich auf Partys indiskrete Fragen zu stellen. Lagerbildung findet statt. Es ist wichtig, sich einem anzuschließen. Frauen unter Einfluss wenden sich gegeneinander. Eine schwangere Freundin verabschiedet sich schon einmal vorsorglich, weil sich ja mit Kindern bekanntlich der Freundeskreis noch einmal ganz neu mische, nach aller Erfahrung, da scheiden sich die Frauen ohne Kinder von denen mit Kindern wie Wasser vom Öl.

Die deutsche Mutter argumentiert seltsam: Bis Mitte 30 ist es ein Risiko, ein Kind zu haben, ab Mitte 30 ist es eins, nicht schon vorher eins gehabt zu haben. Und so fühlt sich das, was bislang unter allen Umständen zu vermeiden war, plötzlich an wie die letzte Gelegenheit: etwas, das man nicht ausgelassen haben sollte, wenn man „alles“ haben will. Sie will nicht unbedingt ein Kind, auch jetzt noch nicht, aber wenn sie an später denkt, dann will sie eines gehabt haben.

Wie traurig ablaufende Uhren, die man nur einmal aufziehen kann, sitzen die möglichen Mütter in den Cafés und halten nach möglichen Vätern Ausschau. Die Partneragentur Parship expandiert massiv. Für die möglichen Mütter besteht die Gefahr, eine nicht umkehrbare Entscheidung zu treffen – oder in diesem Fall: von ihr getroffen zu werden. Sie könnten die Chance auf ein Leben mit Kindern vertun. Dabei übersehen sie: Auch ein Kind zu bekommen ist ja eine nicht reversible Entscheidung. Auch hier hat man eine Chance vertan, nämlich die Chance auf ein Leben ohne Kinder. Das zu denken ist derzeit allerdings verboten.

WAS WIRD VON IHR ERWARTET?

Die deutsche Mutter argumentiert viel, aber schlichte Lust auf das Kind kommt dort selten vor. Als Gründe nennt sie: ihre Angst vor Einsamkeit oder die Angst, etwas zu verpassen, ihre Zukunftssorge, die von den Kindern gemindert werden soll. Haben mögliche Mütter etwa so wenig Vertrauen in ihre eigene Liebenswürdigkeit, dass sie davon ausgehen, mit ihnen würde keiner mehr reden im Alter, es sei denn, diese Menschen – quasi genetisch dazu verpflichtet – hätten sie selbst hervorgebracht? Welche Angst spricht daraus. Und welche Berechnung. Und wie wenig Freude an den Kindern selbst.

Die Kinder sollen also die Zukunft sein. Doch in der Gegenwart, fand eine Unicef-Studie jetzt heraus, reden nur 40 Prozent aller Eltern mehrmals in der Woche grundlos mit ihren 15-jährigen Kindern. Warum? Sollten die Kinder in all der freien Zeit einmal auf eine Zeitung stoßen, müssten sie verzweifeln. Keine Ahnung, was ich vorher geglaubt habe, müssen sie denken, aber die deutsche Mutter ist schlimmer als meine. Sie müssen glauben, sie selbst seien entweder ein Beweis für das geglückte Leben ihrer Mütter, eine teure Anschaffung, die ihre Kosten im Alter wieder einspielen muss, wertvolle Jetons im Rentenroulette, und vor allem eine Riesenausnahme.

Die möglichen Mütter sind abgeschreckt von diesem Bild und der nervtötenden Diskussion. Man kann im Moment nur aus den falschen Gründen Kinder kriegen, es ist keine verwegene Entscheidung mehr, keine kühne Lust, nichts Überwältigendes. Es gilt ein Rentenproblem zu lösen. Da ist es beruhigend zu wissen, dass diese deutsche Mutter nur ein hysterisches Konstrukt ist. Und erstaunlich, dass angesichts des Geschreis trotzdem noch so viele Frauen tatsächlich Mütter werden. Es ist ja nicht totzukriegen. Immer wieder treffen sich zwei Menschen, die merken, dass zwischen ihnen so viel Liebe ist, dass es locker für mehr Menschen ausreicht, für drei, vier oder mehr. Die Liebe ist ein in dieser Diskussion völlig vernachlässigter Begriff. Und die tatsächlichen Mütter verweisen still auf die neue, atemberaubende Selbstverständlichkeit, mit der ihre Kinder von nun an immer da sein werden.

Anfang März geht es wieder los, die deutsche Mutter gebärt die WM-Kinder. Zehn bis 15 Prozent mehr Kinder erwartet der Leiter einer Geburtsklinik in Kassel, und er ist nicht der Einzige. Man könne die Rolle der Hormone gar nicht überschätzen, hatte Rolf Kilche gesagt. Die Euphorie habe sich einfach übertragen auf andere Lebensbereiche. Wer entspannt ist, sei empfängnisbereiter. Also, locker machen, Mutter?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben