Zeitung Heute : Wer ist Dieter Kosslick?

Christina Tilmann

WENN DIETER KOSSLICK IN EINEM FILM MITSPIELEN WÜRDE, WELCHE ROLLE HÄTTE ER?

Seine Markenzeichen: Schlapphut, (meist) roter Schal und unerschütterlich gute Laune. Eis und Schnee am Roten Teppich, Stars, die auf sich warten lassen? Kein Problem, Dieter Kosslick behält die Nerven. Sprach- und Verständigungsprobleme mit den internationalen Gästen? Kein Problem, ein Kalauer fällt Kosslick immer ein, auch wenn sein Englisch berüchtigt kreativ ist (fast so wie das Deutsch seines Vorgängers Moritz de Hadeln, der auch nach 20 Jahren Festivalleitung immer noch fröhlich radebrechte). Kosslicks Lieblingsrolle: der Zampano, der große Kommunikator mit schier unbegrenztem Stehvermögen. Eine schwere Grippe wie im letzten Jahr, eine hochschwangere Lebensgefährtin im vorvorletzten – alles ganz easy. Dieter Kosslick ist immer dabei, morgens um neun bei den ersten Pressevorführungen und morgens um fünf, wenn die Partys zu Ende gehen. Der Gute-Laune-Macher, so hat Kosslick das februarwettergeschlagene Berliner Filmfestival auf gefühlte Herzenswärme gebracht. Mit allen auf Du und Du (sozialdemokratische Schulung!). Der Direktor, der durchaus rechnen und auch taktieren kann, ist international angesehen. Und geht bei einem Hollywood-Besuch dann auch einmal auf Clint Eastwood zu: Hallo Clint, wie wär’s mit deinem neuen Film? Jetzt läuft „Letters from Iwo Jima“ im Wettbewerb außer Konkurrenz.

WIE HAT KOSSLICK DIE BERLINALE VERÄNDERT?

Als Kosslick im Mai 2001 seinen Job in Berlin antrat, stand eines fest: Der deutsche Film und die Berlinale, das läuft nicht rund. Zu hart waren die Verrisse ausgefallen, nur ungern hatten die Verleiher noch den Auftritt auf dem größten deutschen Filmfest riskiert. Deutscher Film, das waren Hof und München und Saarbrücken, aber nicht Berlin. Hier hat Kosslick, seit seiner Zeit bei der einflussreichen Filmstiftung Nordrhein-Westfalen mit besten Kontakten zu deutschen und internationalen Produzenten, schnell gehandelt, sorgte für den Imagewandel und für entsprechende Instrumente. Seit 2002 kümmert sich die Reihe Perspektive Deutsches Kino speziell um deutschen Filmnachwuchs. 2004 gewann Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären. 2006 schließlich folgte mit vier Filmen im Wettbewerb („Requiem“, „Elementarteilchen“, „Der freie Wille“ und „Sehnsucht“) ein Rekordjahr für die Deutschen – und es hätten noch mehr sein können. „Knallhart“ von Detlev Buck und „Der Rote Kakadu“ von Dominik Graf liefen im Panorama, Florian Henckel von Donnersmarcks mittlerweile für den Oscar nominierter Stasi-Film „Das Leben der Anderen“ sowie Chris Kraus’ soeben angelaufenes Gefängnisdrama „Vier Minuten“ waren gar nicht erst angenommen worden, zu groß das Angebot. Auch dieses Jahr wieder: zwei deutsche Filme im Wettbewerb, insgesamt über 60 deutsche Produktionen auf dem Festival.

Damit aber nicht genug. Dieter Kosslick setzt auf Zukunft. 2003 rief er den „Talent Campus“ ins Leben, bei dem bis jetzt 2500 junge Filmemacher aus aller Welt während des Festivals Gelegenheit bekamen, sich untereinander und mit berühmten Kollegen auszutauschen – und das Festival mit Workshops und eigenen Projekten zu begleiten. Und noch ein Zukunftsfaktor: das nachwachsende Publikum. Das Kinderfilmfest wird in diesem Jahr 30 und hat sich dafür in „Generation K plus“ umbenannt. Seit 2004 gibt es außerdem die „Generation 14 plus“ – die Reihe schließt die Lücke zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm und erreicht das fürs Kino besonders wichtige Alter von 14 bis 18 mit internationalen Filmen. Übrigens: Was dort läuft, kann sich in jedem Wettbewerb sehen lassen.

Das dritte Expansionsfeld: der Markt. Berlin spielt als Filmmarkt eine immer wichtigere Rolle. Über 250 Firmen sind dieses Jahr im Gropius-Bau vertreten, 700 neue Filme werden in speziellen Vorführungen gezeigt. Neben Cannes, Los Angeles und Toronto ist Berlin einer der wichtigsten Weltmarktplätze, hier werden Deals eingeleitet und abgeschlossen. Und mit dem – von der Bundeskulturstiftung geförderten – World Cinema Fund betätigt sich die Berlinale inzwischen auch als Koproduzent – vor allem für Filme aus Afrika, Lateinamerika und Asien.

WOFÜR STEHT ER POLITISCH?

Wenn Dieter Kosslick vor dem Kulturausschuss des Deutschen Bundestags auftritt, ist das ein Heimspiel. Locker fraternisiert er mit den SPD- und Grünen-Abgeordneten, appelliert an die Filmleidenschaft aller Anwesenden, verspricht Freikarten. Die politische Sozialisation des langjährigen SPD- und Gewerkschaftsmitglieds ist unverkennbar. Schon 1979 schrieb der Politik- und Kommunikationswissenschaftler in Hamburg die Reden des Ersten Bürgermeisters Hans Ulrich Klose, später vertrat er als Pressesprecher das Büro für die „Gleichstellung der Frau“. Die guten Kontakte zur Politik zahlten sich aus – nicht nur in seiner Zeit beim Hamburger Filmbüro, wo er den Etat von 500 000 Mark auf 17 Millionen Mark steigerte, sondern auch in seinem Glanzjahrzehnt bei der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, die er mit einem Jahresbudget von zuletzt 70 Millionen Euro zur zweitwichtigsten Filmförderanstalt Europas machte.

Die Berlinale, schon immer politisch, ist auch unter seiner Ägide ein dezidiert politisches Festival – ob es um die Filme oder um die Stars geht. So hat Kosslick in diesem Jahr den US-amerikanischen Spielfilm „Bordertown“ über eine Mordserie an über 500 Frauen an der mexikanischen Grenze auch deshalb ins Wettbewerbsprogramm genommen, damit dieser „Skandal“, so Kosslick, endlich aufgeklärt werde. Auch Filme wie der letztjährige Berlinale-Sieger „Grbavica – Esmas Geheimnis“ über im Krieg vergewaltigte Frauen in Serbien, politische Statements wie Michael Winterbottoms Semidokumentationen „In this World“ über Flüchtlinge aus Pakistan oder „The Road to Guantanamo“ über drei britische Häftlinge des Lagers, gleich zwei Filme über den Völkermord in Ruanda und vor allem der palästinensische SelbstmordattentäterFilm „Paradise Now“ von Hany Abu-Assad hat Kosslick bewusst ins Programm geholt. US-Stars wie George Clooney, Tim Robbins, Dustin Hoffman oder Oliver Stone nutzen die Berlinale gern als politische Plattform. Das hatte sich vor allem 2003 gezeigt – kurz vor Beginn des Irakkriegs –, als sich auf der Berlinale der Protest des politischen Hollywood vehement artikulierte. Damals fand parallel zur Bekanntgabe des Goldenen-Bär-Gewinners „In this World“ die große AntiIrakkriegs-Demo am Potsdamer Platz statt.

WAS HAT KOSSLICK NOCH VOR?

In drei Jahren wird die Berlinale 60, da wünscht sich Dieter Kosslick ein „schönes Geschenk“ von der Politik. Denn obwohl die Berlinale mit ihrem 16-Millionen-Etat vor allem dank treuer Sponsoren regelmäßig eine schwarze Null schreibt, wächst die Konkurrenz. Junge Festivals wie Pusan, Dubai und Rom powern mit unglaublich viel Geld und bieten den Stars für ihre Auftritte Summen, die die Berlinale nie wird aufbringen können. Kosslick witzelt darüber: „Dubai – da denke ich gleich an Shakespeare: To Buy or not To Buy“. Und hofft mit einem stabilen Markt, dem dezidiert politischen Profil und der Nachwuchsförderung auch zukünftig gut aufgestellt zu sein.

Wenn 2010 die Berlinale 60 wird, neigt sich auch Dieter Kosslicks zweiter Fünfjahresvertrag dem Ende entgegen. Vielleicht widmet er sich dann doch ganz seiner anderen großen Leidenschaft: dem Kochen. Richtig poetisch wird Kosslick, wenn er über den „weichen, runden Tropfen und den unwiderstehlichen Geschmack eines hauchdünnen Trüffels, flüssiger Butter oder zwei Jahre alten Parmesans“ schreibt, über „Rührei, Pasta und Kartoffelbrei“. Sein Traum vom Glück sei Pizza & Pasta – oder im Freundeskreis bei einem Württemberger Viertele zu sitzen, verriet er dem „FAZ“-Fragebogen. Gern kocht er auch selbst, für Freunde und Festivalgäste. In diesem Jahr gibt’s eine neue Reihe auf der Berlinale: kulinarisches Kino. Chefköche aus Berlin sind am Start, es laufen Filme, in denen Essen und Trinken eine Rolle spielt, und Kosslick ist bestimmt oft dabei. „Gut essen heißt, Gott nahe zu sein“, sagt der Koch Primo (Tony Shalhoub) in Stanley Tuccis Film „Big Night“. Dazu Kosslicks Ergänzung: „Als Festivaldirektor, ehemaliger Ministrant und BadenWürttemberger kann ich nur hinzufügen: Mit einem guten Film und einem guten Roten zum Essen kommt man ihm noch ein wenig näher.“

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