Zeitung Heute : Wer ist Dieter Zetsche?

Alfons Frese

WIE SEIN VORGÄNGER JÜRGEN SCHREMPP IST AUCH ZETSCHE INGENIEUR. WAS QUALIFIZIERT IHN FÜR SEINE NEUE AUFGABE AN DER SPITZE VON DAIMLER-CHRYSLER?

Die Amerikaner nennen Zetsche einen Car Guy. Einen Autofreak. Das unterscheidet ihn von Eckhard Cordes, seinem Vorgänger bei Mercedes. Cordes ist ein Stratege, kalt und klar. Cordes hatte mit Konzernboss Jürgen Schrempp die „Hochzeit im Himmel“ (Schrempp), also die Fusion mit Chrysler organisiert. Und Cordes galt als Schrempps Favorit für die Konzernspitze. Aber Cordes ist eben kein Car Guy. „Cordes kann auch Zahnpasta machen, Zetsche nur Auto“, sagt ein Konzernkenner. Deshalb sitzt Zetsche heute da, wo vor drei Wochen noch Cordes saß. Und ab dem 1. Januar 2006 ist Zetsche sogar Chef des ganzen Konzerns und damit Vorgesetzter von 388758 Mitarbeitern.

Man kann fragen, wen man will – Unternehmensvertreter, Gewerkschafter, Bankanalysten – und man hört doch immer das Gleiche: Zetsche sei ein guter Typ. „Der Mann ist einwandfrei“, sagt ein früherer Weggefährte aus der Führungsmannschaft des Konzerns. „Zetsche gibt der Marke ein Gesicht“, heißt es bei der IG Metall, die sich auf den neuen Mister Mercedes freut. Cordes und ein paar andere Zetsche-Zweifler sind in der Minderheit, wenn sie auf die Karrierestationen des künftigen Daimler-Chefs hinweisen: Eine Art Job-Hopper, der nichts richtig zu Ende gebracht habe. Auf den ersten Blick sieht das tatsächlich so aus, doch zwei Dinge sprechen dagegen: Erstens ist Zetsche nicht von Posten zu Posten gesprungen, sondern wurde ausgewählt und geschickt. Zum Beispiel im Herbst 2000, als Schrempp den damaligen Chef der Nutzfahrzeugsparte als Sanierer nach Detroit entsandte. Wobei wir beim zweiten Punkt wären: Fast fünf Jahre lang stand Zetsche an der Spitze der Chrysler Group. Er sanierte das Unternehmen erfolgreich in den Jahren 2001/2002, musste einen Rückschlag 2003 hinnehmen und verlässt jetzt eine ziemlich gesunde Firma.

„Der ist rund“, sagt ein Automanager über den Kollegen Zetsche. „Er hat alle möglichen Funktionen in den verschiedensten Regionen der Welt gehabt, da schmeißt dich so schnell nichts um.“ Und er hat Stallgeruch. Den weitaus größten Teil seines Berufslebens verbrachte er bei Mercedes-Benz – eine wichtige Voraussetzung, um an der Spitze der Großorganisation von den unzähligen Abteilungen, Fraktionen und Interessengruppen akzeptiert zu werden. Zetsche gehörte aber nie so richtig zum inneren Führungskreis von Konzernchef Schrempp. Diese Distanz zum charismatischen Leader Schrempp hat ihm womöglich dabei geholfen, diesem vor gut anderthalb Jahren zu widersprechen, als es um die Fortsetzung des teuren Engagements bei der japanischen Mitsubishi ging.

IHM GELANG DIE SANIERUNG VON CHRYSLER IN DEN USA. TROTZ UNPOPULÄRER ENTSCHEIDUNGEN GENIESST ER BEI DEN MITARBEITERN DORT HOHES ANSEHEN. WIE HAT ER DAS GESCHAFFT?

Zetsche ist ein Mutmacher. Ende 2000 war den meisten Chrysler-Beschäftigten die Lage ihrer Firma klar: Wir sind am Ende. Und dann kommt ein Kraut aus Stuttgart nach Detroit und zeigt den Yankees wie es geht? Ja. „Ich danke Gott für Dieter“, sagte einmal Nate Gooden, Vizechef der amerikanischen Autogewerkschaft. Zetsche und Bernhard schließen und verkaufen Fabriken und streichen zehntausende Stellen. Doch Sparen allein bringt keine Zukunft. Mit Hochdruck werden neue Modelle entwickelt und die Prozesse in den Fabriken verbessert. 1997 waren noch fast 49 Stunden für die Produktion eines durchschnittlichen Chrysler erforderlich, 2007 werden es nur noch 30 Stunden sein. Und Zetsche erzählt mit Begeisterung davon, wie ihn einmal Gewerkschafter gefragt haben, ob die 30 Stunden auch wirklich reichten, um im Wettbewerb mit Toyota und Nissan bestehen zu können.

Das ist das Ziel: Wettbewerbsfähigkeit. Um das zu erreichen, „definiert man konkret messbare Ziele und einen Zeitrahmen, in dem diese Ziele erreicht werden sollen“, sagt Zetsche. Entscheidend seien die Mitarbeiter, „die die Instrumente kennen, die wissen, was uns von den besten Wettbewerbern unterschiedet“. Und wenn sich die Mitarbeiter diesen Zielen verschreiben, könne kaum noch etwas schief gehen. „Mit jedem Erfolg, den sie erzielen, wächst dann das Selbstvertrauen der Mannschaft“, sagte Zetsche in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel.

ZETSCHE WIRD NICHT NUR DAIMLER-CHRYSLER FÜHREN, SONDERN IN PERSONALUNION AUCH DIE MERCEDES CAR GROUP. KANN IHM DIES GELINGEN?

Ja. Er selbst weist darauf hin, dass bei vielen Wettbewerbern der Konzernchef auch gleichzeitig Boss der wichtigsten Konzernmarke ist. Und Mercedes ist nunmal das „Kronjuwel“ (Zetsche) von Daimler-Chrysler. Anders als Schrempp aber wird Zetsche keine riskanten Unternehmenskäufe in aller Welt tätigen und als Architekt der Welt AG auf vielen Baustellen rund um den Globus unterwegs sein.

Nach gravierenden und das Image schwer beschädigenden Qualitätsproblemen hat Mercedes im übrigen Mitte dieses Jahres die Wende geschafft. Der Absatz zieht an, es wird wieder Geld verdient und die neuen Modelle – M-Klasse, B-Klasse und S-Klasse – schlagen gut ein. Aber was wird aus Smart? Schätzungsweise knapp drei Milliarden Euro hat der Konzern bislang in den kleinen Stadtwagen gesteckt. Für die „Neuausrichtung des Geschäftsmodells“ wird im laufenden Jahr rund eine Milliarde gebraucht. 2007 dann soll der Kleine endlich aus den roten Zahlen kommen. Und wenn nicht? Zetsche spekuliert nicht, sondern beruhigt mit Blick auf erste Erfolge beim Smart: „Die Mannen sind im Plan und bestätigen die Ziele.“

Der neue Chef wird auf Kooperationen setzen, etwa mit dem VW-Konzern, der für den US-Markt einen Minivan bei Chrysler bauen lassen will. „Die Freundschaft mit Wolfgang Bernhard wird solchen Kooperationen sicherlich nicht abträglich sein“, sagt Zetsche. Womöglich sucht und findet er einen Kooperationspartner für den Smart, um künftig Entwicklungsaufwendungen zu reduzieren.

Auf die Frage, welche strategische Zielsetzung er für 2006 als Daimler-Chrysler-Chef habe, gibt es eine typische Zetsche-Antwort: „Erstmal ein solcher werden.“ Und im Übrigen immer schön gelassen bleiben.

ZETSCHE TRITT ZURÜCKHALTENDER AUF ALS SCHREMPP. WIE KÖNNTE ER DAMIT DAIMLER-CHRYSLER VERÄNDERN?

Schrempp war am Ende abgehoben und träumte den Traum der Welt AG. Zetsche dagegen ist erdig. Ein durch und durch positiv denkender Mensch, der Optimismus verbreitet und Sympathie ausstrahlt. Er gibt sich völlig normal. Jedenfalls zu Beginn seines Spitzenjobs bei der Mercedes Car Group mit den drei Marken Mercedes, Smart und Maybach sieht es so aus.

Ganz anders Wolfgang Bernhard, der vor eineinhalb Jahren den Mund ziemlich voll nahm – damals sah es so aus, als würde er neuer Mercedes-Chef werden. Die deutsche Edelmarke sei ein „Sanierungsfall“, konstatierte Bernhard, der als Zetsches Vize bei Chrysler gehörigen Anteil am Sanierungserfolg hatte. Wenn er nach Stuttgart komme, werde dort „Blut fließen“. Dann kam alles anders: Bernhard wurde nicht Mercedes-Chef, sondern saniert nun VW; eine deutlich schwierigere Aufgabe als der Job in Stuttgart. Dort setzt Zetsche nun das Sparprogramm seines Vorgängers fort. „Wir produzieren mit zu viel Aufwand“, sagte Zetsche gerade eben auf der IAA in Frankfurt. Die ständige Suche nach höherer Effizienz, Qualität und Produktivität wird er forcieren. Und vermutlich auch den Arbeitsplatzabbau in Sindelfingen und Bremen, wo es Überkapazitäten gibt, und wo bald über Abfindungen verhandelt wird. Betriebsbedingte Kündigungen sind in den deutschen Daimler-Chrysler-Werken bis 2011 ausgeschlossen.

Schrempp war „nur“ Konzernchef, als Visionär und Stratege hat er die langen Linien gezogen. Zetsche dagegen wird viel näher am Produkt, am Auto arbeiten. Schrempp hat lange die Qualitätsprobleme bei Mercedes übersehen, bei Zetsche dürfte das ziemlich unwahrscheinlich sein. Schrempp hat Charisma, er brachte den Laden kraft seiner Autorität hinter sich. Zetsche ist ein überzeugter Teamspieler, er vermittelt den Mitarbeitern ein Grundvertrauen und motiviert sie dadurch. „Die können sich keinen besseren Chef wünschen“, sagt der Gelsenkirchener Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer. Ähnlich wie Schrempp ist auch Zetsche ein hemdsärmeliger Typ. Ohne sich dabei anzubiedern. Zetsches größte Stärke ist die Kommunikationsfähigkeit. „Er kann in verschiedenen Sprachen sprechen“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter und meint damit nicht Englisch oder Französisch, sondern die Gabe, in verschiedenen Situationen, gegenüber unterschiedlichen Leuten den richtigen Ton zu treffen. Und er ist ein Chef zum Anfassen, was ihm die Sympathie und die Gefolgschaft der Beschäftigten sichern wird.

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