Zeitung Heute : Wer ist Dominique de Villepin?

Albrecht Meier

DOMINIQUE DE VILLEPIN WAR JAHRELANG DIPLOMAT. WAS MACHTE IHN ZUM SPITZENPOLITIKER?

De Villepin war gerade einmal 26 Jahre alt und gewissermaßen Berufsanfänger. Damals, 1980, lernte er Jacques Chirac kennen. Villepin arbeitete in der Afrika-Abteilung des Pariser Außenministeriums. Chirac war Pariser Bürgermeister. Als Chef der bürgerlichen Partei RPR erkannte Chirac in dem 20 Jahre jüngeren und frisch gebackenen RPR-Mitglied Villepin schnell einen Bruder im Geiste – und lernte dessen Intelligenz schätzen. „Wenn ich eine Seite lese, verschlingt er vier. Er hat eine fantastische Auffassungsgabe“, sagte Chirac später über seinen politischen Zögling.

Chiracs Fürsprache ermöglichte dem aus einer Aristokratenfamilie stammenden Villepin auch bald einen politischen Aufstieg. 1993, nach Stationen im Dienst des französischen Außenministeriums in Washington und Neu-Delhi, wurde er vom Chefdiplomaten und Chirac-Vertrauten Alain Juppé zum Kabinettsdirektor berufen. Als Chirac 1995 Präsident wurde, machte er Villepin zum Generalsekretär im Elysée-Palast, dem Amtssitz des Staatschefs. Villepin blieb bis 2002 auf diesem Posten. Aus dieser Zeit stammt auch das Lob, das Chirac für die unterschiedlichen Begabungen seines Adepten fand: Er sei „gleichzeitig Poet und ein sehr guter Hauptmann einer Einsatzstaffel“. Villepin war zum wichtigsten Berater Chiracs geworden.

Seinem „Hauptmann“ verdankte Chirac 2002 seine Wiederwahl als Präsident, was Villepin wiederum die Berufung zum Außenminister einbrachte. Als Frankreichs Chefdiplomat hielt Villepin ein Jahr später im UN-Sicherheitsrat eine flammende Rede gegen den bevorstehenden Irakkrieg. In den folgenden Jahren ging es mit der Karriere Villepins steil nach oben: Innenminister im Jahr 2004 und dann im Mai 2005, nach Chiracs Niederlage beim Referendum zur EU-Verfassung, die Beförderung zum Premierminister. Ginge es nach Chirac, wäre Villepin sein geborener Nachfolger im Elysée-Palast. Aber Chiracs Rivale im bürgerlichen Lager, Nicolas Sarkozy, sieht das anders: Der Innenminister und Vorsitzende der Regierungspartei UMP hat vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr schon längst seinen Anspruch auf das höchste Staatsamt erhoben.

In diesen Tagen ist Villepins Traum, im kommenden Jahr selbst ins Elysée einzuziehen, noch ein Stück weiter in die Ferne gerückt. Seit zehn Monaten ist er Premierminister, und seit acht Wochen laufen Gewerkschaften, Schüler und Studenten gegen seinen Erstanstellungsvertrag (CPE) Sturm. Der CPE soll Berufsanfängern zu einem festen Job verhelfen – allerdings um den Preis einer zweijährigen Probezeit. Am vergangenen Dienstag musste der Premier angesichts landesweiter Demonstrationen einsehen, dass sich unter seiner Amtsführung die größte Protestwelle seit mehr als zehn Jahren aufgebaut hat. Wer Villepin in der Öffentlichkeit sieht, erlebt ihn in der Regel als konzentrierten Arbeiter, den nichts so leicht aus der Ruhe zu bringen scheint. Inzwischen liegen aber auch bei ihm die Nerven blank: Als die Abgeordneten der Nationalversammlung am vergangenen Mittwoch über den CPE debattierten, stellte der sozialistische Oppositionsführer François Hollande eine eigentlich harmlose Frage. Bei seiner Antwort nahm Villepin versehentlich das Wort „démission“ („Rücktritt“) in den Mund. Eigentlich hatte er stattdessen „décision“ („Entscheidung“) sagen wollen.

WELCHES BILD HAT ER VON FRANKREICH?

Seine Jahre im Ausland haben Villepin entscheidend geprägt. Schon vor seiner Diplomatenkarriere hatte der Sohn von Xavier de Villepin, einem Geschäftsmann und späteren Senator für die Auslandsfranzosen, schon früh die Möglichkeit, die Welt kennen zu lernen – er wuchs unter anderem in Caracas und New York auf. Wie viele Franzosen, die lange im Ausland gelebt haben, besitzt Villepin ein idealisiertes Bild von der Heimat, das ihm nicht zuletzt seine literaturbegeisterte Mutter nahe gebracht hat, die Verwaltungsgerichtsrätin Yvonne Hétier. Er habe von Frankreich geträumt, bevor er es gekannt habe, bekannte Villepin mit Blick auf seine Jugend.

Wie Villepins Traum von Frankreich aussieht, wurde auch in seiner viel zitierten Rede vor dem UN-Sicherheitsrat vor gut drei Jahren deutlich. Damals sprach er von Frankreich als einem Land, das an die Fähigkeit der Staatengemeinschaft glaube, „gemeinsam eine bessere Welt aufzubauen“. Hinter diesen Worten steht freilich auch der gaullistische Anspruch globaler französischer Geltung, wie er in Chiracs Reden immer wieder zum Ausdruck kommt.

Um die Bedeutung Frankreichs im globalisierten Einerlei nicht untergehen zu lassen, sieht sich Frankreichs Premierminister außerdem als Anwalt eines „Wirtschaftspatriotismus“, mit dem er große französische Konzerne gegen den Rest der Welt verteidigen will – zuletzt zu sehen bei der Fusion der französischen Energieversorger Suez und Gaz de France.

WARUM HAT ER DIE FRANZOSEN IN IHREN REAKTIONEN AUF SEINE ARBEITSRECHTSREFORM SO UNTERSCHÄTZT?

Journalisten, die Villepin häufig auf Reisen begleitet haben, kennen seine Defizite im Dialog mit anderen Menschen. „Er ist freundlich, er redet viel, aber er hört nicht zu“, berichtet einer. Am Ende, nach einem von Villepins vielen brillanten Vorträgen, wisse man oft nicht mehr, was er eigentlich gesagt habe.

Gut möglich, dass sich die Person Villepins auch eher über sein literarisches Werk erschließt. Zu den anspruchsvollen Büchern, die er verfasst hat, gehört das Werk „Les Cent-Jours ou l’esprit de sacrifice“ („Die hundert Tage oder der Geist des Opfers“). Villepin beschreibt darin die Zeitspanne zwischen Napoleons triumphaler Rückkehr aus dem Exil und seiner endgültigen Niederlage bei Waterloo hundert Tage später, am 18. Juni 1815. Im Vorwort schreibt Villepin, dass es ihm ein inneres Bedürfnis gewesen sei, die Erinnerung an Napoleon wach zu halten und „nicht vor der Indifferenz, dem Gelächter und dem Spott zurückzuweichen“.

Diese Haltung prägt auch den politischen Kurs des Regierungschefs bei der Auseinandersetzung um die Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufseinsteiger: Mögen doch Hunderttausende gegen den Erstanstellungsvertrag auf die Barrikaden gehen – er, Villepin, sieht in dem umstrittenen Gesetzesvorhaben weiter ein sinnvolles Mittel, um vor allem jungen Arbeitslosen aus den Vorstädten den Weg auf den Arbeitsmarkt zu ebnen.

In seinem Elan, das französische Arbeitsrecht zu modernisieren, mochte sich Villepin nicht bremsen lassen. Schon als Außenminister war „le mouvement“ sein Lieblingswort – also der Schwung. Damals hat sich Villepins Dynamik auf der Habenseite der französischen Diplomatie niedergeschlagen. Warum, so hat er sich womöglich gedacht, soll seine Überrumpelungs-Taktik nicht auch in der Innenpolitik funktionieren?

Dass Gewerkschaften und Studenten gegen den Erstanstellungsvertrag rebellieren würden, war vielleicht noch zu erwarten. Inzwischen kommt Villepin mit seinem harten Kurs aber auch bei den Abgeordneten in den eigenen Reihen immer weniger an. Hier rächt sich zweierlei: Villepins mangelnde Bodenhaftung – nie hat er sich dem Votum eines Wählers stellen müssen – und eine fatale Fehleinschätzung, die dem damaligen Chirac-Berater Villepin 1997 unterlief. Konservative Abgeordnete der UMP tragen es Villepin noch bis heute nach, dass er dem Präsidenten damals zu vorzeitigen Neuwahlen riet. Es folgte eine krachende Wahlniederlage für das bürgerliche Lager, die viele konservative Parlamentarier das Mandat kostete. Demut ist Villepins Sache trotzdem nicht. Auch nach der Wahlschlappe von 1997 ließ er immer wieder durchblicken, dass er die „Hasenfüßigkeit“ der Abgeordneten verachtet.

KANN ER JETZT NOCH PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDAT WERDEN?

Glaubt man den Umfragen, so ist Innenminister Sarkozy im bürgerlichen Lager derzeit der populärste potenzielle Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2007. Wer für die Regierungspartei UMP bei den Wahlen im kommenden Jahr ins Rennen geht, soll sich bei einem Parteikongress im kommenden Januar entscheiden. Der UMP-Vorsitzende Sarkozy hat also gute Aussichten, von der eigenen Partei auf den Kandidaten- Schild gehoben zu werden. Villepin hingegen kann sich nach den Protesten der vergangenen Woche immer weniger sicher sein, ob sich eine Kandidatur lohnen würde.

Auch Chiracs Vorschlag zur Lösung der innenpolitischen Krise, in die Frankreich im Streit um den Kündigungsschutz geraten ist, bietet für Villepin nur vordergründig einen Ausweg aus der Sackgasse: Nach Chiracs Ansprache an die Nation vom Freitagabend gilt Villepins Gesetz zwar als beschlossen und verkündet – und wird trotzdem überarbeitet. Vielleicht sind Villepins Gedanken in diesen Tagen auch bei Napoleon und seinen letzten 100 Tagen.

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