Zeitung Heute : Wer ist eigentlich Al Qaida?

Ein Terrorismus-Experte greift Bush massiv an

Malte Lehming[Washington]

Ein strammer Parteigänger ist Richard Clarke nicht. Er hat vielen US-Präsidenten gedient, demokratischen und republikanischen, 30 Jahre lang. Ronald Reagan half er, den Kampf gegen den Terrorismus als festen Teil der amerikanischen Außenpolitik zu etablieren. Er hat für George Bush senior gearbeitet, für Bill Clinton, für Bush junior. Clarke ist verbeamteter Terrorismus-Experte. In der Clinton-Ära nannte man ihn den „Terrorismus-Zaren“. Clarkes Wort wog stets schwer.

Vor einem Jahr schied er aus der Regierung. Anschließend schrieb er ein Buch, das in dieser Woche in den USA erscheint. Es heißt „Against All Enemies: Inside America’s War on Terror“. Darin geht Clarke hart mit der gegenwärtigen Regierung im Weißen Haus ins Gericht. Sein Hauptvorwurf: Bush habe Amerikas Sicherheit stark beeinträchtigt, weil er die Anschläge vom 11.September 2001 politisch instrumentalisierte und, statt Al Qaida zu bekämpfen, einen unsinnigen Krieg gegen den Irak vom Zaun brach.

Clarkes Erinnerungen sind minutiös. Die Irak-Obsession der Bush-Regierung sei bereits unmittelbar nach den Terroranschlägen offenkundig gewesen. Am Abend des 12. Septembers 2001 etwa rief der Präsident ihn und einige andere Mitarbeiter im Weißen Haus zu sich. „Geht alles noch einmal durch, alles“, befahl Bush, „und prüft, ob Saddam dahinter steckt“. „Aber Herr Präsident“, entgegnete Clarke, „das war Al Qaida.“ „Ich weiß, ich weiß, aber prüft trotzdem, ob Saddam involviert war.“ Beim Verlassen des Raumes soll Bush zum dritten Mal gesagt haben: „Prüft die Verbindungen zum Irak, zu Saddam.“

Fast jeder in der Regierung bekommt sein Fett weg. Vizepräsident Dick Cheney ist ein „rechter Ideologe“, der alle Fakten, die mit der Regierungslinie nicht übereinstimmen, ignoriert. Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice machte auf Clarke bei ihrem ersten Treffen den Eindruck, als habe sie den Begriff „Al Qaida“ vorher nie gehört. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld soll bei einer Kabinettssitzung am 12.September 2001 aus ganz praktischen Erwägungen für einen Irakkrieg votiert haben. Schließlich gebe es in Afghanistan keine vernünftigen Bombenziele. In Interviews hat Clarke in diesen Tagen bekräftigt, er sei schlicht „entsetzt“ über die „schreckliche Arbeit“ von Bush.

In dieser Zeit, da sich der Präsident im beginnenden Wahlkampf als einzig echten Bekämpfer des Terrorismus präsentiert, ist die Resonanz auf Clarkes Buch enorm groß. Perfekter hätte der Erscheinungstermin kaum platziert werden können. Heute und morgen erscheinen hochrangige Vertreter der Clinton-Regierung vor jener Kongresskommission, die untersucht, ob vor und nach „Nine-Eleven“ gravierende Fehler gemacht wurden, die Anschläge eventuell sogar hätten verhindert werden können. Ex-Außenministerin Madeleine Albright wird ebenso aussagen wie Ex-Verteidigungsminister William Cohen und Ex-Sicherheitsberater Samuel Berger. Sie alle werden betonen, wie inständig die Bush-Regierung nach dem Regierungswechsel vor Al Qaida gewarnt worden sei. Antworten werden Colin Powell, Rumsfeld und CIA-Direktor George Tenet.

Der 11.September ist ein Tag, der die Nation nicht ruhen lässt. Jede Minute wird rekonstruiert. Was passierte wann? Wer tat was auf wessen Geheiß? Pünktlich zum Showdown vor der Kommission hat das „Wall Street Journal“ am Montag eine Reihe von Bush-Äußerungen zum 11. September 2001 überprüft. Das Ergebnis ist peinlich für den Präsidenten. Viele seiner Aussagen scheinen nicht zutreffend zu sein. Am interessantesten indes dürfte die Frage sein, warum Bush, nachdem ihm sein Büroleiter Andrew Card ins Ohr geflüstert hatte, ein zweites Flugzeug habe das World Trade Center getroffen, noch mindestens sieben Minuten im Klassenzimmer einer Schule in Florida blieb, ohne etwas zu unternehmen. Hat er dadurch womöglich wertvolle Zeit vertrödelt, die hätte genutzt werden können, um das dritte Flugzeug, das später ins Pentagon stürzte, rechtzeitig abzufangen? Nur der Präsident selbst konnte den Befehl zum Abschuss eines Passagierflugzeugs geben. Der indes ließ sich mit der „Air Force One“ kreuz und quer durchs Land fliegen, weil er angeblich selbst bedroht sei. Doch auch diese Behauptung ist laut „Wall Street Journal“ als Legende entlarvt. Bush wird noch viel Mühe haben, die Kratzer an seinem Image zu kaschieren.

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