Zeitung Heute : Wer ist Ferdinand Piëch?

Alfons Frese

WIE WURDE AUS DEM PORSCHE-ENKEL FERDINAND PIECH EINER DER MÄCHTIGSTEN AUTOMANAGER DER WELT?

Unerbittlichkeit, Kampfgeist und ein Schuss Genialität zeichnen den Konstrukteur aus. Möglicherweise trugen auch Misstrauen und Verfolgungswahn zum Aufstieg bei. „Weil man sich nicht verlassen kann“, sei er zum Alleingang verdammt, hat er einmal gesagt. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde Ferdinand ins Internat gesteckt. Als „Hausschwein“ sei er aufgezogen worden, und im Dickicht der Autoindustrie müsse er sich nun als „Wildschwein“ durchschlagen. Wohl ständig auf der Hut vor einem Jägersmann. Vorsichtsmaßnahmen waren schon früh angeraten in der Familie Porsche/Piëch. „Es konnte zu einem Karriereknick führen, wenn ich mal jemanden aus der Familie zu knapp begrüßte.“

Es hat wohl geklappt mit dem Grüßen. Doch entscheidend für den Aufstieg des brillanten Technikers war schon er selbst. In rund 20 Jahren bei Audi machte Piëch aus dem Beamtenauto eine schnittige Marke mit Allrad und vollverzinkter Karosserie, die von den damaligen Weichenstellungen bis heute profitiert und dabei ist, zu Mercedes und BMW aufzuschließen. Weil er als Audi-Chef erfolgreich war, bekam Piëch 1993 den Chefposten bei Volkswagen. Die damals mächtigsten Männer im VW-Aufsichtsrat, Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder und IG–Metall-Chef Klaus Zwickel, entschieden sich für Piëch, weil ihm die nötige Härte zur Sanierung zugetraut wurde.

Denn als Piëch den Konzern von Carl Hahn übernahm, war VW in ähnlicher Verfassung wie heute: schwacher Absatz, zu hohe Kosten, miserable Abläufe, Überkapazitäten. Im ersten Quartal 1993 machte Europas größter Autohersteller einen Verlust von 1,25 Milliarden Mark. Knapp zehn Jahre später, im Frühjahr 2002, verabschiedete sich Piëch mit einem Milliardengewinn in den Aufsichtsrat. Und wurde hier und da als Automanager des Jahrhunderts gefeiert.

Seinen Nachfolger hatte er nach einem einfachen Kriterium ausgesucht. „Er muss besser sein als ich.“ Tatsächlich war Bernd Pischetsrieder einmal besser als Piëch, nämlich im Bieterwettstreit zwischen BMW und VW um Rolls- Royce/Bentley im Jahr 1998. Am Ende gewann zwar Piëch gegen den damaligen BMW-Chef Pischetsrieder, weil er enorm viel Volkswagen-Geld für die Luxusmarken ausgab. Doch Pischetsrieder hatte trickreich die Markenrechte an Rolls-Royce für BMW gesichert, für VW blieb Bentley. Piëch war beeindruckt und holte Pischetsrieder, nachdem der bei BMW wegen des Rover-Debakels rausgeflogen war, kurz darauf zu VW. „Mir ist einer lieber, der woanders einmal vom Pferd gefallen ist. Dann kann das bei uns nicht passieren“, begründete Piëch seine Personalentscheidung. Inzwischen gibt er sich selbst alle Mühe, Pischetsrieder aus dem Sattel zu schießen.

DER UMGANG MIT MENSCHEN GILT NICHT ALS PIECHS STÄRKE. IST ER DESHALB SO ERFOLGREICH – ODER TROTZDEM?

So mancher in Wolfsburg knallt noch immer die Hacken zusammen, wenn der Name Piëch fällt. Er hat ein totalitäres Regime geführt. Zu Beginn seiner Herrschaft sprach er von „Feiglingen, die sich abducken, wenn ein Fehler passiert“. Ein Dutzend Vorstände ließ er über die Klinge springen. „Entweder es stimmen die Zahlen, oder ich will neue Gesichter sehen.“ Lange gefackelt hat er nie – ganz anders als sein Nachfolger Pischetsrieder, der auf Teamarbeit setzt und Krawall vermeidet. Über die unterschiedliche Wesensart der beiden VW-Lenker gab Piëch im letzten Sommer der Illustrierten „Stern“ Auskunft: „Er ist deutlich besonnener als ich und viel humaner“, sagte Piëch über Pischetsrieder und lieferte gleich noch ein Psychogramm des gesamten Konzerns mit. „VW neigt dazu, traurig zu sein, in Lethargie zu verfallen. Meine Haltung war immer: Die Mitarbeiter muss man fordern.“

Zweifellos hat Piëch die Mitarbeiter schwer unter Dampf gehalten. Die Entwicklung des Oberklasseautos Phaeton war ein Kraftakt, ebenso die Integration von Piëchs Erwerbungen Bentley, Bugatti und Lamborghini. Vor allem die Manager hatten eine schwere Zeit. Denn vier Fünftel der Probleme bei VW, aber auch in der Wirtschaft insgesamt, führte Piëch auf Managementfehler zurück. Kein Wunder, dass sich Führungskräfte in einem Brief an den damaligen Aufsichtsratschef Klaus Liesen beschwerten, VW werde „von einem Mann mit psychopathischen Zügen geführt“.

PIECH BESITZT EIN MILLIARDENVERMÖGEN UND IST WIRTSCHAFTLICH UNABHÄNGIG. WARUM KANN ER TROTZDEM NICHT VON DER AUTOINDUSTRIE LOSLASSEN?

Als Miteigentümer der Stuttgarter Porsche AG und der österreichischen Porsche Holding, dem größten Autohändler Europas, ist Piëch so reich, dass er schon seit Jahrzehnten über die Weltmeere segeln könnte, wie er es eigentlich nach Übergabe der Geschäfte an Pischetsrieder auch vorhatte. Doch auf hoher See gibt es keine Autos. Piëchs Mission ist die Rettung der deutschen Autoindustrie, mindestens jedoch von VW. Der Gegner: die asiatischen und koreanischen Autohersteller. Wenn der Krieg verloren geht, „werden auf unseren Stühlen Asiaten sitzen“. Diese Warnung ist gut zehn Jahre alt und stammt damit aus einer Zeit, als Piëch mit dem Kostendrücker und Würger der Lieferanten, José Lopez, VW erfolgreich in Stellung brachte. Als Lopez der Industriespionage bezichtigt wurde, gab es eine jahrelange Auseinandersetzung mit General Motors, dem vorherigen Lopez-Arbeitgeber. Schließlich musste Lopez gehen, VW zahlte 100 Millionen Dollar an GM und kaufte bei dem Konkurrenten für eine Milliarde Dollar ein.

Die Affäre war auch für Piëch eine schwere Schlappe, und sein Kopf wackelte bedenklich. Er überlebte – und damit die deutsche Autoindustrie. Denn „mit einem Abgang des Gespanns Piëch / Lopez würde in Deutschland die englische Krankheit ausbrechen, nicht nur bei VW. Die Gegner hätten erreicht, was sie wollen. Sie hätten einen Krieg gewonnen“, sagte Piëch damals.

WAS PASSIERT NUN? WAS WILL PIECH ERREICHEN – UND IST DAS MIT PISCHETSRIEDER MÖGLICH?

Die Japaner sind immer noch da. Und wie! Piëch wollte Toyota eigentlich einholen, doch der Abstand wurde von Jahr zu Jahr größer. Es nur noch eine Frage von Monaten, bis Toyota General Motors als weltweit größten Hersteller ablöst. Nachdem die japanischen und koreanischen Hersteller die Big Three (GM, Ford und Chrysler) auf ihrem Heimatmarkt erfolgreich attackiert haben, steht nun Europa an. Die Kriegskasse ist voll. Kein Autohersteller ist so profitabel wie Toyota. Fast keiner. Porsche schlägt sie alle. Mit deutlich weniger als 100 000 Autos im Jahr macht Porsche ungefähr so viel Gewinn wie VW mit fünf Millionen.

Vor gut einer Woche nahm Porsche-Chef Wendelin Wiedeking das erste Mal an einer VW-Aufsichtsratssitzung teil. Im vergangenen Herbst hatten sich die Stuttgarter für rund drei Milliarden Euro 18,53 Prozent an VW gekauft – und legen natürlich Wert auf ein einträgliches Investment. Wie man hört, hat Wiedeking im Kreis der Aufseher so manches zu kritisieren gehabt. In der Tat gibt es reichlich Baustellen, wo kein Fortschritt erkennbar ist: Auf dem US-Markt fährt VW Jahr um Jahr einen Milliardenverlust ein; in China haben die Wettbewerber dem dortigen Platzhirschen Volkswagen dramatisch viele Marktanteile abgenommen. Wird es Produktionsstätten in Russland und Indien geben? Was passiert mit den Überkapazitäten in Westeuropa? Wann werden endlich die Abläufe und die Arbeitskosten in den westdeutschen Werken wettbewerbsfähig?

Pischetsrieder ist seit 2002 Chef vom Ganzen, und seitdem sind die Probleme nicht kleiner geworden. Sicher übergab Piëch dem Nachfolger kein optimales Haus. Doch richtig vorangekommen ist Pischetsrieder auch nicht. Dafür braucht er den früheren Daimler-Manager Wolfgang Bernhard, der ganz nach Piëchs Geschmack „ruckzuck“ vorgeht. Und Pischetsrieder braucht das Einvernehmen mit der Arbeitnehmerseite. Fast jeder VW-Beschäftigte ist Mitglied der IG Metall. Gegen deren Widerstand ist auf Dauer keine Führung möglich, darauf hat Piëch mit seiner spektakulären Äußerung hingewiesen. Entweder, um Pischetsrieder auf Kurs zu zwingen, oder, um ihn abzuschießen.

Wie auch immer. Piëch wird Einfluss bei VW behalten und das Werk des Großvaters gewissermaßen vollenden. Ferdinand Porsche hatte Volkswagen gegründet. Jetzt führt der Enkel Porsche und VW zusammen, wobei unsicher ist, ob da wirklich zusammenkommt, was zusammengehört. Er selbst wird immer versuchen, ins Steuer zu greifen. „In meiner Karriere haben schon einige versucht, mich rauszudrängen, es ist noch keinem gelungen“, sagt Piëch. Vermutlich mit einem dünnen Grinsen. Schon über den Großvater sagten Mitarbeiter, „wenn der lächelte, dann wurde es gefährlich“.

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