Zeitung Heute : Wer ist Fernando Alonso?

Karin Sturm[Sao Paulo]

WIE WÜRDE SICH FERNANDO ALONSO SELBST BESCHREIBEN?

Ein Wort, das immer wieder auftaucht, wenn der kommende Weltmeister der Formel 1über sich selbst spricht, heißt „normal“. Normalität, das ist es, was er haben möchte in seinem Leben. Er, der Junge aus der unteren Mittelschicht. Normalität, wenn er mit seinen Freunden ausgeht, Fußball spielt oder ins Kino geht, inzwischen meistens in England, in Oxford, wo er lebt, wo sie ihn besuchen, die alten Kumpel aus der Schulzeit, „weil ich nur dort, außerhalb Spaniens, noch normal leben kann. Dort kann ich noch weggehen, ohne dass ich erkannt werde. Wenn mich meine spanischen Kumpels in England besuchen, kann ich fast alles machen, was andere in meinem Alter auch tun.“

Normal ist es auch, wenn er diese Freunde ab und an mit ein paar Zaubertricks verblüfft. Das Hobby begleitet ihn schon seit seiner Kindheit. Sein Großvater hat ihm vor vielen Jahren ein paar Tricks beigebracht und sein Interesse an der Zauberei geweckt.

Welchen Trick er denn als Nächstes einüben wolle, wurde er kürzlich gefragt. „Michael Schumacher verschwinden lassen!“, lautete seine Antwort. Das könnte ihm am heutigen Sonntag beim Großen Preis von Brasilien gelingen: Alonso muss nur Dritter bei dem Rennen werden, dann ist er Formel-1-Weltmeister.

Normal ist es für Fernando Alonso auch, sich mit dem, was um ihn herum geschieht auseinander zu setzen, die Welt nicht an sich vorüberziehen zu lassen, Fragen zu stellen, Informationen zu bekommen, zu lernen.

Nicht normal ist es, im Mittelpunkt zu stehen – ein Star zu sein. Jedenfalls nicht von dem Moment an, in dem er die Rennstrecke verlässt. Es ist ihm unangenehm, Aufmerksamkeit zu erregen, erkannt zu werden. Nur auf der Strecke, da weicht der Wunsch nach Normalität dem nach dem Besonderen. Da will Alonso nur eins: der Beste sein. Deshalb ist es ihm auch wichtig, Weltmeister zu werden, während Michael Schumacher noch fährt, „um wirklich den Besten geschlagen zu haben.“

VERGLEICHT MAN IHN MIT SCHUMACHER ODER SENNA, WO LIEGEN DIE GEMEINSAMKEITEN, WO DIE UNTERSCHIEDE?

Die Vergleiche zwischen den Großen der Zunft, entstehen als Erstes in den Überschriften der Zeitungen. Aber ob da vor zehn Jahren Michael Schumacher als „der neue Senna“ angepriesen wurde oder jetzt Fernando Alonso als der „neue Schumacher“, am liebsten würden die jeweils „Neuen“ davon nichts hören. Da macht auch Alonso keine Ausnahme.

Und trotzdem drängt sich der Vergleich auf. Pat Symonds, der Renault-Technikchef, der damals bei Benetton 1994 und 1995 den jungen Michael Schumacher zum WM-Titel führte, sieht durchaus Parallelen: „In der präzisen und konzentrierten Arbeitsweise, auch in der Rennübersicht, der Fähigkeit, ein Rennen zu lesen, in jedem Moment auch taktisch genau das Richtige zu tun.“ Allerdings sei Schumacher vielleicht aus eigenem Antrieb heraus noch ein bisschen fleißiger gewesen.

Beide sind nicht gerade in großem Wohlstand aufgewachsen, Alonsos Vater José Luis war zuerst Bergmann, dann Sprengmeister und konnte ihm zwar bei den ersten Kart-Fahrversuchen behilflich sein, indem er ihm Holzklötze unter die Schuhe band, damit der damals Dreijährige in dem selbst gebastelten Vehikel an die Pedalen reichte. Er hatte das Kart von seiner Schwester Lorena geerbt, die keinen Gefallen an der Geschwindigkeit finden konnte, obwohl der Papa sich das so gewünscht hatte. Wie die Schumachers verbrachte Alonso seine Jugend in der Nähe einer Rennbahn. Ähnlich wie Michael Schumacher an „Omi Anna“ hängt Fernando Alonso an seiner Großmutter Luisa, sie war ihm immer eine wichtige Bezugsperson.

Teamchef Flavio Briatore meint, der heute 24-jährige Alonso sei schon jetzt insgesamt reifer als Schumacher im gleichen Alter, auch als Persönlichkeit. Zum Teil mag das an seinem weiteren Horizont liegen, an seinem großen, offenen Freundeskreis, zu dem viele Studenten aus der ganzen Welt gehören, an seinen „privaten“ Auslandserfahrungen. Für den jungen Schumacher hatte damals schon der „Nestbau“ mit seiner Frau Corinna größte Priorität, Alonso denkt noch gar nicht an eine eigene Familie, will Erfahrungen machen, Freiheit erleben, sich die Welt ansehen.

Manches an der Persönlichkeit Fernando Alonsos, gerade seine öffentliche Zurückhaltung, der Unwille, Persönliches preiszugeben, eine gewisse Vorsicht, eigene Gedanken und Ideen nach außen zu tragen, erinnert ein bisschen an den jungen Ayrton Senna. Der lernte auch erst im Laufe der Jahre sich zu öffnen, Einblicke zu gewähren – und gewann damit jenes Charisma, das ihn zum dominierenden und unvergessenen Charakter machte.

ALONSO WIRD PLÖTZLICH IN SPANIEN HOCH VEREHRT. WIE KANN ER, DER EHER DIE LEISEN TÖNE LIEBT, MIT DER ÖFFENTLICHEN BEGEISTERUNG UMGEHEN?

Durch seine Erfolge hat er die Formel 1 in Spanien populär gemacht, so populär, dass sie zeitweise sogar den Fußball auf den Titelseiten der großen Sportzeitungen abgelöst hat. In seiner Heimatstadt Oviedo wurde in den vergangenen Tagen schon der Cidre kistenweise angeschleppt, stehen Großbildleinwände für die Übertragung am Sonntagabend, in Erwartung der großen WM-Party. Alonso selbst steht dem Hype um seine Person eher zwiespältig gegenüber – nicht umsonst ist er ja aus Oviedo weggezogen, nach England, nach Oxford, kommt immer seltener nach Hause.

Man könnte auch sagen, er ist geflohen vor dem Wirbel. Denn so schön er es ja einerseits findet, dass die Leute ihm zujubeln – im Alltag hat er gewaltige Probleme mit den Schattenseiten des Ruhms. Dass ihn die Fans und vor allem auch die Medien inzwischen überallhin auf Schritt und Tritt verfolgen, auch das Haus seiner Eltern belagern, „so dass die sich kaum noch vor die Tür trauen“ und ihn selbst kaum noch aus dem Haus lassen, wenn er da ist, „das ist manchmal schon sehr schwierig – das ist wirklich nicht das, was ich will.“ Wenn er schon einmal zu Hause in Oviedo ist, versucht er, möglichst viele Freunde und Bekannte zu sich einzuladen, sich auch das Essen nach Hause zu bestellen, wenn nicht gerade die Mama gekocht hat.

Wie lange er noch in England relativ unbehelligt leben kann, wenn er jetzt Weltmeister wird, ist allerdings die große Frage. Was er dann tun würde, wenn das „normale Leben“ auch an diesem Zufluchtsort nicht mehr möglich wäre? Da ist er ziemlich ratlos. „Aber ich hoffe einfach, dass es zumindest nicht so schlimm wird wie in Spanien. Ich kann mir nicht vorstellen, permanent mit dem Wirbel um mich zu leben…“

Aus dieser Haltung macht er kein Hehl, das betont er immer wieder, auch bei Auftritten in seiner Heimat. Und auch bei der spanischen Presse sucht er keine Freunde. Er biedert sich nicht an, sagt schon mal laut und deutlich, was er davon hält, wenn ihm die Reporter auflauern. Ausgerechnet direkt vor seinem Heimrennen in Barcelona sagte er: „Wir haben in Spanien grundsätzlich wohl eine ziemlich miese Qualität in den Medien!“ Nun, dem Erfolgreichen wird verziehen.

SELBST WENN ER JETZT WELTMEISTER WIRD, KÖNNTE SICH FERNANDO ALONSO VORSTELLEN, IN DER ZUKUNFT NOCH ETWAS ANDERES ZU TUN, ALS FORMEL-1- RENNFAHRER ZU SEIN?

24 Jahre alt, kurz vor dem größtmöglichen Erfolg in seinem gewählten und geliebten Metier, eine glänzende Zukunft noch vor sich, sportlich, aber natürlich auch finanziell – wer wollte es Fernando Alonso wirklich verdenken, dass er sich da über sein Leben nach der Formel 1 noch keine großen Gedanken macht. „Das ist doch alles noch sehr weit weg, warum soll ich mir darüber jetzt den Kopf zerbrechen, das kann ich dann tun, wenn das Thema ansteht. Im Moment will ich erst einmal genießen, was ich habe“, sagt er.

Und von Genuss kann man bei ihm wohl wirklich sprechen. Er ist fasziniert von dem, was sich abspielt, wenn er ein Auto im Grenzbereich bewegt – und im Gegensatz zu den meisten anderen heutigen Formel-1-Piloten kann er diese Faszination auch beschreiben: „Manchmal entsteht das perfekte Feeling zwischen dem Auto und einem selbst. Man tut genau das, was man will – und das Auto reagiert entsprechend, gibt die perfekte Antwort auf das, was man von ihm verlangt. Das sind die Momente, in denen man am besten ist. In diesen Augenblicken gibt es kein Limit, keine Grenzen mehr, man fühlt sich absolut unschlagbar. Zumindest für ein paar Runden, in denen alles perfekt ist, alles passt: die Reifentemperatur, die Streckentemperatur, die Spritmenge – denn es muss nicht immer mit leerem Tank sein, dass ein Auto perfekt liegt. Das ist manchmal alles sehr merkwürdig – und sehr aufregend.“

So aufregend, dass er es noch sehr sehr lange erleben möchte. Auch wenn er Michael Schumacher schon lange weggezaubert hat.

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