Zeitung Heute : Wer ist Florian Henckel von Donnersmarck?

Christina Tilmann

MIT „DAS LEBEN DER ANDEREN“ KÖNNTE HENCKEL VON DONNERSMARCK HEUTE NACHT DEN OSCAR GEWINNEN. WIE HAT ER ES BIS DAHIN GESCHAFFT?

Es ist eine Märchengeschichte, eine Turbokarriere. Ein deutscher Politikstudent in Oxford, der einen Aufsatz zum Thema „Why Film is my chosen medium“ geschrieben hat, gewinnt ein Regie-Praktikum beim britischen Großmeister Richard Attenborough, während der Dreharbeiten zu „In Love and War“. Das war 1996. Am Ende des Praktikums ist für den 23-jährigen Florian Henckel von Donnersmarck klar: „Ich will Regisseur werden.“ Er beginnt ein Zweitstudium an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, wird beim Saarbrücker OphülsFilmfest für den Kurzfilm „Dobermann“ ausgezeichnet, auch der nächste Kurzfilm „Der Templer“ gewinnt mehrere Preise. Aber nichts deutet auf den großen Erfolg hin. Eines Tages hatte er es satt, mit 30 immer noch auf Partys zu stehen und auf die Frage, was er so mache, zu antworten: „Ich habe einen Kurzfilm gedreht, der war in Saarbrücken zu sehen.“

Also geht er ein größeres Projekt an. Acht Jahre arbeitet er daran, ein Treatment aus dem ersten Filmsemester in ein Drehbuch zu verwandeln. Es wird sein Spielfilmdebüt: „Das Leben der Anderen“. 2004 ist das Script fertig, das Budget mit 1,6 Millionen Euro eher klein – die Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg kennt er von der Filmhochschule, auch sie Anfänger. Trotzdem gelingt es mit Unterstützung der Schauspielagentin Erna Baumbauer, ein Starensemble zu gewinnen. Ulrich Mühe, Martina Gedeck, Sebastian Koch und Ulrich Tukur übernehmen Hauptrollen – für Gagen, bei denen sie sonst gar nicht erst anfangen würden. Man ahnt: So etwas stemmt nur ein Überredungskünstler, ein Überzeugungstäter.

2006 reicht Donnersmarck den fertigen Film bei der Berlinale ein, für den Wettbewerb. Festival-Chef Dieter Kosslick lehnt ab. Ein Fehler, wenn man bedenkt, wie erbittert später über den Film diskutiert wurde. Aber ein verständlicher angesichts der starken Konkurrenz von Oskar Roehlers „Elementarteilchen“, Hans-Christian Schmids „Requiem“, Matthias Glasners „Der freie Wille“ und Valeska Grisebachs „Sehnsucht“. Andere deutsche Filme wie Detlev Bucks „Knallhart“ oder Dominik Grafs „Roter Kakadu“ laufen in Nebenreihen. Aber eine Nebenreihe lehnt der Regisseur ab. Ganz oder gar nicht: Donnersmarck hat ein gesundes Selbstbewusstsein.

„Das Leben der Anderen“ läuft auch nicht in Cannes. Aber das Stasi-Drama wird bald nach dem Kinostart im März mit Preisen überhäuft. Es beginnt mit dem Bayerischen Filmpreis Anfang 2006, da hatte noch kaum jemand den Film gesehen. Die Ehrungen häufen sich: Sieben deutsche Filmpreise gewinnt „Das Leben der Anderen“ im Mai 2006, darunter den Filmpreis in Gold. Im Dezember folgt der Europäische Filmpreis als bester Film. 1,7 Millionen Menschen haben die Melo- Tragödie bis heute in Deutschland gesehen, in 30 Länder ist der Film verkauft. Nun ist er als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert. „Ich hatte immer klar im Visier, was ich erreichen wollte“, sagt von Donnersmarck. Vielleicht kann er demnächst auf die Party-Frage, was er so mache, antworten: „Ich habe einen Oscar gewonnen.“

WAS FÜR EIN TYP IST VON DONNERSMARCK?

Einer, der auffällt. Lang, wie sein Name. 2,05 Meter groß, wilde Locken, sofern er sie nicht mit Gel zusammenhält. Die Statur eines Riesenbabys. Aber ein Gentleman alter Schule, dessen Familie, schlesischer Adel, sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Zum Oscar sagt er, dass er in L.A. für sein Land antritt: „Wann hat man schon die Möglichkeit, in Friedenszeiten etwas Besonderes für sein Land zu tun?“ Ein Patriot also, ein höflicher, aufmerksamer, der auch im Smoking eine gute Figur macht. Weniger der typische deutsche Nachwuchsregisseur als der typische Erfolgsregisseur, wie man ihn in den USA kennt. Einer, der das Unterhaltungskino schätzt, Sydney Pollack, Peter Weir, Filme wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und „Jenseits von Afrika“. Reines Kunstkino möge er nicht, große emotionale Filme seien sein Ding, gesteht er. „Das Leben der Anderen“ ist ein großer emotionaler Film.

Bescheidenheit ist nicht seine Zier. Vielmehr sieht er sich in einer „Tradition von Leistungsträgern“. Es ist ihm alles leichtgefallen, von Jugend an. Der Vater Manager bei der Lufthansa, die Mutter Soziologin, ein Onkel Abt des Stiftes Heiligkreuz bei Wien. Kindheit in New York, Berlin, Frankfurt und Brüssel, Einser-Abitur, Studium in St. Petersburg und Oxford, Heirat mit einer Rechtsanwältin, zwei Kinder, das dritte ist unterwegs, man wohnt in einer Altbauwohnung in der Nähe des Lietzensees. Und ginge doch am liebsten nach München zurück. Dabei genießt er in Berlin fast schon Kultstatus. Niemand Geringeres als Sophie Rois spielt an der Volksbühne im Boulevardstück von René Pollesch einen gewissen Filmemacher namens Florian Henckel von Donnersmarck. Einen, der sich 70 Minuten lang darüber echauffiert, dass er, weil sich leider kein Mensch für das Leben des schlesischen Adels interessiert, wohl einen Film über das Leben der Anderen drehen müsse. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich rein zufällig.

Der echte Florian Henckel von Donnersmarck glaubt durchaus daran, dass Kunst, dass Filme ein Leben ändern können. „Eine bourgeoise Kunsteinstellung“ hat ihm einmal ein Freund bescheinigt. Dass es ihm keine Mühe macht, die Autorität, die man als Regisseur hat, auszureizen, auch das weiß Henckel von Donnersmarck. Und nicht nur sein weiblicher Star – Martina Gedeck – wundert sich darüber, dass ihre Frauenfigur in „Das Leben der Anderen“ offenbar nur zur Heldin wird, indem sie in Erfüllung ihres Auftrags stirbt. Die Frau sei im Film nur eine „Funktionsträgerin“, hat Gedeck geklagt.

WAS VERBINDET FLORIAN HENCKEL VON DONNERSMARCK MIT DEM THEMA DES FILMS?

„Das Leben der Anderen“ erzählt vom Stasi-Offizier (Ulrich Mühe), der einen berühmten Dramatiker (Sebastian Koch) samt Ehefrau (Martina Gedeck) überwacht und an seinem Auftrag irre wird. Ein düsteres DDR-Drama als großer Publikumsfilm, das gab es bislang noch nicht, jenseits von Komödien wie „Sonnenallee“ und „Good Bye, Lenin!“. Er sei ein Westler, der über den Osten schreibt und vom Osten keine Ahnung hat – diesen Vorwurf hört der Regisseur oft. Einen Stasi-Offizier, der zum guten Menschen mutiert und seine Befugnisse überschreitet, um die Observierten zu retten, habe es im DDR-System nicht gegeben.

Florian Henckel von Donnersmarck kontert: Er habe durchaus Ahnung von der DDR. Seine Mutter stammt aus Magdeburg, der Vater ist in Schlesien geboren. „Der Osten war in der Biografie unserer Familie ein Thema, das habe ich als Kind schon mitbekommen.“ Als er acht Jahre alt war, zog die Familie nach West-Berlin, von da an seien sie häufig in den Ferien bei Verwandten in der DDR gewesen, erzählt er. Die Atmosphäre der Angst habe er schon mitbekommen: „Kinder spüren es intuitiv, wenn sich Angst breitmacht, das ging schon am Grenzübergang los, wenn meine Eltern besonders gründlich untersucht wurden“.

Der Rest ist sorgfältige Recherche. Als der Drehbuch-Plan zu „Das Leben der Anderen“ stand, zog Henckel von Donnersmarck von München nach Berlin, sprach mit Zeitzeugen und recherchierte in Archiven. Der ehemalige Stasi-Oberstleutnant Wolfgang Schmidt, heute Leiter der revisionistischen Vereinigung „Insiderkommitee des MfS“, berät ihn in Detailfragen. Als der Film fertig ist, erklärt der Stasi-Mann, er fände es seltsam, dass Henckel von Donnersmarck ausgerechnet einen Stasi-Offizier zum Helden gemacht habe, „der Verrat an seinem Auftrag begeht“. Sein Hauptdarsteller Ulrich Mühe, der im Zuge der Dreharbeiten von angeblichen Stasi-Verwicklungen seiner Ex-Frau Jenny Gröllmann erzählt hatte, wurde in lange Rechtsstreitigkeiten verwickelt, auch ein Audiokommentar auf der DVD musste gestrichen werden. Dennoch staunt nicht nur Wolf Biermann, „dass solch ein westlich gewachsener Regie-Neuling (...) ein dermaßen realistisches Sittenbild der DDR mit einer wahrscheinlich frei erfundenen Story abliefern konnte“.

WAS WILL ER NOCH ERREICHEN?

Den Oscar bekommen. Dafür hat er seit dem US-Filmstart am 9. Februar eine Ochsentour durch amerikanische Städte absolviert, dort bis zu 20 Interviews täglich gegeben, Fragen über den Stasi-Staat und die Einschränkung der Bürgerrechte beantwortet und unermüdlich für seinen Film geworben. Gerne würde er in Amerika drehen: Erste Angebote aus Hollywood liegen vor, aber noch war nichts Verlockendes dabei. Auch gibt es keinen jüngeren Hollywood-Film, den er gern selbst gedreht hätte. Lieber will er wieder sein eigenes Drehbuch schreiben. Pläne hat er genug, ein ganzes Hängeregister voll, aus den letzten acht Jahren. Von einem Erotikthriller war die Rede, der in der frühen psychoanalytischen Bewegung um Carl Gustav Jung spielt. Oder mal eine Komödie? Nur mit DDR, Stasi oder Kommunismus will er sich erst einmal nicht mehr befassen. Und nicht wieder auf Deutsch drehen: „Natürlich erreicht man auf dem englischsprachigen Markt einfach viel mehr Menschen, und darum geht es ja letztlich.“ Ein Oscar wäre hilfreich dabei.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben