Zeitung Heute : Wer ist Frank-Jürgen Weise?

Er ist Offizier und Manager. Manche sagen, er sei ein Mann der zweiten Reihe. Er gibt sich gerne als unpolitischer Fachmann. Sein Ziel: Eine Behörde wie ein Unternehmen leiten.

Dagmar Rosenfeld

WEISE WAR ZWÖLF JAHRE BEI DER BUNDESWEHR, WIE VIEL SOLDAT STECKT NOCH IN IHM?

Einmal im Monat tritt der kleine Mann mit den akkurat zurückgegelten Haaren vor die versammelte deutsche Presse. Kerzengerade steht Frank-Jürgen Weise dann da und verkündet eine Nachricht, die niemals gut sein kann – die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland. Wenn Weise den Raum betritt, geht er nicht, sondern er schreitet, so, als würde eine Parade abhalten. Im Gespräch schaut er einem unverwandt in die Augen, hört zu, geduldig, ohne dass sich dabei auch nur ein Gesichtsmuskel regt. Es sind diese Momente und Gesten, in denen der Soldat Weise zu erkennen ist. Haltung bewahren in jeder Situation, das hat ihn die Bundeswehr gelehrt. Aber er hat von seiner Zeit bei der Armee noch mehr mitgenommen als diese unerschütterliche Disziplin. In der Grundausbildung hat Weise gelernt zu gehorchen. Als Offizier und später als Kompaniechef hat er gelernt zu führen.

Es war 1972, Weise war 21 Jahre alt, als er sich für die Offizierslaufbahn verpflichtete, um an einer Bundeswehr-Uni Betriebswirtschaft zu studieren. Seine Eltern hätten ihm auch ein Studium an jeder anderen Universität finanziert, doch Weise entschied sich für das Militär. Er sehnte sich nach Ordnung in einer Zeit, die wild und verworren war. Allerdings meinte Weise mit Ordnung nicht auf Kante gefaltete Bettdecken und blank gewienerte Stuben. Er habe nach einem verlässlichen Rahmen gesucht, hat Weise später einmal erklärt.

Und die Bundeswehr hatte ihm noch etwas zu bieten, etwas, das in völligem Gegensatz zu seiner Ordnungssehnsucht zu stehen scheint: das Abenteuer. Weise ließ sich zum Fallschirmjäger ausbilden, stürzte sich aus Transportflugzeugen in die Tiefe, raste mit einem Cross-Motorrad durchs Übungsgelände und absolvierte freiwillig Gewaltmärsche, 200 Kilometer in vier Tagen. Es waren Abenteuer nach Maß, die er beim Militär erlebte – Grenzerfahrungen innerhalb eines Systems, in dem die Grenzen klar abgesteckt waren.

Die Jahre bei der Bundeswehr haben ihn geprägt. Disziplin und Wagemut sind die Eckpfeiler des Systems Weise. Das hat nach der Bundeswehr für seine Karriere als Unternehmer gegolten. Und es gilt jetzt, wo er als Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsagentur für 90 000 Mitarbeiter und 4,5 Millionen Arbeitslose verantwortlich ist. An der Spitze der Nürnberger Behörde hat er das wohl bisher größte Abenteuer seines Lebens zu bestehen gehabt: die Umsetzung von Hartz IV, die Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe. Dazu brauchte es beides, Disziplin und Wagemut. Denn Weise und seinen Mitarbeitern blieben nur wenige Monate, um die Beschlüsse der Politik umzusetzen. Während in Deutschland Tausende auf die Straße gingen, um gegen die Arbeitsmarktreform zu kämpfen, kämpften Weise und seine Leute mit der Technik. Sie mussten die Daten von mehr als vier Millionen künftigen Hartz-IV-Empfängern erfassen und überprüfen – mit einem neuen Softwaresystem, das bis heute nicht einwandfrei funktioniert.

WAS FÜR EINEN FÜHRUNGSSTIL HAT WEISE?

Weise ist nicht nur Offizier, sondern auch Unternehmer – im wahrsten Sinne des Wortes. Angefangen hat er bei den Braunschweiger Hüttenwerken, wurde später Personalvorstand bei der FAG Kugelfische, um dann seine eigene Firma für Logistik-Software zu gründen, die Microlog. Er brachte das Unternehmen erfolgreich an die Börse und verkaufte es dann. Finanziell dürfte er damit ausgesorgt haben, dennoch übernahm er den Sanierungsfall Bundesagentur für Arbeit. Einen Laden über den Weise anfangs gesagt hat, „ich als Unternehmer würde hier keine freie Stelle melden“. Seine Aufgabe war und ist noch, eine schwerfällige Behörde in einen modernen Dienstleister zu verwandeln. Aus Ämtern machte er Agenturen, mit jedem Mitarbeiter wurden Zielvereinbarungen geschlossen. Für seine Leute, ob Sachbearbeiter oder Fallmanager, bedeutet das mehr Verantwortung, aber auch mehr Gestaltungsmöglichkeit. Und es bedeutet, das Leistung mess- und damit vergleichbar ist – für viele Mitarbeiter eine völlig neue Erfahrung, und nicht immer eine positive.

Ob bei der Umstrukturierung eines Unternehmens oder einer Behörde, es geht immer auch um Menschen. Das hat Weise verinnerlicht. Genau deswegen ist ihm bewusst, dass er immer wieder auf Widerstand stoßen wird. „Wer seinen Job gut macht, kann nicht überall beliebt sein“, sagt er. Motivation durch Überzeugung, ist seine Devise. Und: Wer überzeugen will, der muss zuallererst verstehen. Daher hat Weise, bevor er den Chefposten in Nürnberg übernommen hat, ein einwöchiges Praktikum in der Arbeitsagentur Schweinfurt absolviert. Eben, um zu verstehen, wie die alltägliche Arbeit der Vermittler funktioniert.

So etwas hinterlässt Eindruck, und vielleicht ist deswegen in der Nürnberger Behörde vor allem Gutes über ihn zu hören. Er sei fair und fordernd, durchsetzungsstark, aber nicht unbelehrbar. Einer, der, selbst wenn er laut wird, leise sei.

WAS UNTERSCHEIDET IHN VON SEINEN VORGÄNGERN?

Als Weise im Februar 2004 den Vorsitz der Bundesagentur übernahm, musste er viel Spott ertragen. Er galt als zweite Wahl, nachdem Kandidaten wie der Oberbürgermeister Bremens, Henning Scherf, oder BASF-Arbeitsdirektor Eggert Voscherau den Job dankend abgelehnt hatten. „Übergangs-Weise“ wurde er genannt, und später, als durch Hartz IV die Arbeitslosenzahl in die Höhe schnellte, bekam er den Beinamen „Der Fünf-Millionen-Mann“. Solche Dinge nimmt Weise schweigend hin, er versteht sie nicht als Provokation, sondern als Herausforderung. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Florian Gerster, der es gerne laut mochte. Ohnehin hatten dieser und Bernhard Jagoda nicht gerade dazu beigetragen, das schlechte Image der Bundesagentur zu verbessern. Jagoda musste nach dem Skandal um geschönte Vermittlungszahlen abtreten, Gerster stürzte über die freihändige Vergabe von kostspieligen Beraterverträgen.

Gerster hatte Weise 2002 als Finanzvorstand nach Nürnberg geholt. Dort wirkte der Zahlenmensch Weise im Hintergrund. Manche sagen, er sei bis heute ein Mann der zweiten Reihe geblieben. Das sind die, die ihn unterschätzen. Es ist zwar richtig, dass Weise den großen Auftritt nicht mag und im Gegensatz zu seinem Vorgänger geradezu unpolitisch wirkt. So hatte sich Gerster bei der Berufung an die Spitze der Bundesagentur als Großhirn des Kanzlers ausgegeben. Seinen Posten nutzte er vor allem dazu, in der Berliner Politik mitzumischen, während er zu seinen Mitarbeitern in der Nürnberger Zentrale auf Distanz ging. Hochmütig und überheblich sei Gerster gewesen, sagen sie. Weise macht es genau andersherum: Er sucht die Nähe zu seinen Mitarbeitern und hält – zumindest nach außen hin – Distanz zu Berlin. Sein Ziel sei es, die Bundesagentur für die Politik transparent und steuerbar zu machen, hat er einmal gesagt. Das klingt demütig, tatsächlich aber ist es geschicktes Kalkül. Indem Weise die Rolle des unpolitischen Technokraten einnimmt, stärkt er letztlich seine Macht. Denn als scheinbar Außenstehender und neutraler Fachmann gerät Weise nicht in Verdacht, politische Interessen zu verfolgen. Und das wiederum stärkt sein Position gegenüber den politischen Entscheidungsträgern in Berlin.

So sind die Momente, in denen Weise seine Zurückhaltung aufgibt und sich in die politischen Debatten einmischt, selten, dafür aber umso effektvoller. Wie zum Beispiel am vergangenen Donnerstag in Nürnberg. Unmissverständlich und durchaus politisch äußerte er sich zur Debatte über die Kosten und die schlechte Ausführung von Hartz IV: „Die Details der Reform sind von der Politik beschlossen worden. Dort liegt die Verantwortung für das, was heute im System passiert.“

WAS SIND DIE NÄCHSTEN AUFGABEN, DIE AUF WEISE UND DIE BUNDESAGENTUR ZUKOMMEN?

„Die Bundesagentur kann sich nicht selber Ziele setzen, sie kann nur vorgegebene politische Ziel effizient erfüllen“, hat Weise selbst seine Aufgabe beschrieben. Wie schwer das manchmal sein kann, hat Hartz IV gezeigt. So gibt es fast 360 verschiedene Bescheide für das Arbeitslosengeld II, die die Mitarbeiter der Bundesagentur zum Teil von Hand ausfüllen müssen. 360 verschiedene Antragsvarianten für ein und dieselbe Leistung – das ist das Resultat der politischen Entscheidung, das Arbeitslosengeld II von der Bedürftigkeit eines Antragstellers abhängig zu machen. Bürokratischer Wahnsinn, den Weise in einem Foto festgehalten hat. In seinem Büro hat er auf dem Fußboden alle 360 unterschiedlichen Varianten ausgebreitet und diesen Aktenwust fotografiert. Ein Bild, das so manchem Politiker verdeutlichen könnte, warum die praktische Umsetzung von Hartz IV so schwierig ist.

Erfolgreicher läuft es im Bereich Arbeitslosengeld I, hier ist die Vermittlungsarbeit der Bundesagentur schneller und effizienter geworden. Jetzt steht die Überarbeitung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente an. Weises Ziel ist es, die 80 verschiedenen Maßnahmen, die es derzeit gibt, um die Hälfte zu kürzen. Er will, dass sich seine Behörde endlich wieder auf ihre Kernaufgabe konzentrieren kann – Arbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bringen.

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