Zeitung Heute : Wer ist Friedrich Merz?

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Als Friedrich Merz im Jahr 2000 Nachfolger von Wolfgang Schäuble als Vorsitzender der CDU/CSUFraktion wurde, besuchte ihn die „Bild am Sonntag“ zu Hause. Auf dem Foto konnte man den hoch gewachsenen Shootingstar der Union als Pater familias sehen, der mit Frau und Kindern die Hausmusik pflegt. Ein Idyll von heiler Welt, wie man es fast nur um den Preis, sich lächerlich zu machen, stellen könnte. Es war echt.

Echt war auch das wenig später im Interview mit dem Tagesspiegel abgelegte Bekenntnis zum Rabaukentum in jungen Jahren: ein bisschen Klassenflegel, halbstarker Mopedfahrer. Dort, wo Friedrich Merz herkommt, in Brilon, im Sauerland, im heimischen bürgerlich-katholischen Milieu, galt damals, in den siebziger Jahren, schon als ausgewachsenes Revoluzzertum, was in Berlin oder anderen Großstädten niemandem aufgefallen wäre. So waren die Lacher über die Halbstarkenjugend des Friedrich Merz unvermeidlich.

Weniger lustig wird es allerdings, wenn Merz politisch wird. Im Bundestag ist er ein bei der Regierung gefürchteter Debattenredner. Ein glänzender Rhetor, der die Fakten, nicht nur die der Finanz- und Steuerpolitik, aus dem Effeff beherrscht. Fast noch mehr fürchten sie ihn allerdings in den eigenen Reihen. Wenn Merz ein Interview gibt, sind die Schlagzeilen der folgenden Tage schon programmiert. Und in der Regel geben sie den „neuen Streit“ in der Union wider – mal wegen der Sache (Leitkultur, Steuern, Gesundheit, Kündigungsschutz), mal in Machtfragen (Merkel, Merkel, Merkel), nicht selten wegen beidem.

Das Erstaunlichste daran aber ist immer wieder, wie erstaunt der Provokateur selbst darüber ist, dass er provoziert. Er sage doch nur, was er denkt, und das geradeheraus. Er sagt, was er für richtig hält, unverschnörkelt, unerschrocken. Um zu erklären, warum er es nicht verstehen kann, als Krawallbruder betrachtet zu werden, muss man wieder zurück in seine Jugend, an seine Wurzeln gehen.

1955 geboren, Spross einer politisierten, konservativen Familie, in der Provinz aufgewachsen, nimmt der Heranwachsende Politik zum ersten Mal bewusst war. Also zu einer Zeit, da neuerdings regierende Sozialdemokraten sich am CDU-Staat, an der Adenauer-Republik zu schaffen machen. Alles, was passiert, erscheint höchst suspekt. Die Ostverträge, Annäherung an Moskau, Preisgabe der deutschen Einheit, Abrücken von den neuen Freunden im Westen. Und im Inneren: Gefährdung des dank Erhard erreichten Wohlstands, die Macht der Gewerkschaften, freche Jusos, die eine linke Regierung noch weiter nach links drängen wollen. Während in Brilon die Welt gerade noch in Ordnung ist, weil hier die alten Werte noch etwas gelten, setzen die in Bonn alles aufs Spiel. Und die Opposition, die Union, ist machtlos – verliert eine Bundestagswahl nach der anderen – und kraftlos, erst unter Rainer Barzel, dann unter Helmut Kohl ziellos, kompromisslerisch durch die Lande geführt.

1980, wird Strauß Kanzlerkandidat, und das politische Klima schärfer. Gewinnen kann man mit dem Bayern wohl nicht. Aber wer konservativ ist und sich jetzt politisch zu engagieren beginnt, der weiß wenigstens, woran er ist. Endlich wieder eine klare Linie. Und der lernt einzustecken, mit Haltung und ohne seinen Stolz zu verlieren. Er wird unerschrocken.

WIE KOMMT ES, DASS ER NIE ALS VERLIERER DASTEHT, OBWOHL ER SCHON SO OFT DER VERLIERER WAR?

Der Anfang prägt. Besonders einen, der erst sein Studium beendet, einen ordentlichen Beruf ergreift und überhaupt sein Leben ordnet, bevor er sich in die Fährnisse der Politik stürzt, wo er im Grunde trotz seiner Jugend eine Art Spätberufener ist. Taktische Geschmeidigkeit, ein karriereförderliches Maß an Grundsatzlosigkeit – etwas, das viele seiner Altersgenossen in den Probierstuben der Schülerunion, der Jungen Union oder des Rings Christlich demokratischer Studenten längst verinnerlicht haben, bevor sie ihr erstes Abgeordnetenmandat erwerben – waren keine Lernziele auf dem Weg von Merz. Für das als richtig Erkannte einzutreten – das sollte reichen. Ihm jedenfalls.

Allzu weit ist er damit nicht gekommen. Dem kometenhaften Aufstieg unter den Ausnahmebedingungen der CDU- Parteispenden-Affäre folgten schnell und nachhaltig die Rückschläge: Als Oppositionsführer wäre er eigentlich – neben den beiden Parteivorsitzenden – ein natürlicher Kandidat der Union für die Kanzlerschaft gewesen. Doch bis in die Endausscheidung schaffte er es nicht. Nach der Bundestagswahl verlor er den Fraktionsvorsitz an Angela Merkel. Als deren Vize und CDU-Präside soll er sich um Wirtschafts- und Finanzfragen kümmern. Das erste große Ergebnis dieser Bemühungen, eine bierdeckelkonforme Steuerreform, verliert sich im Gezänk der Unionsschwestern. Wenn er fordert, wie unlängst, was CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer offen und CSU-Chef Edmund Stoiber in Hintergrundgesprächen zur Reform des Arbeitsmarktes und der Lockerung des Kündigungsschutzes kurz zuvor ähnlich formulierten, lassen sie ihn im Regen stehen und zum Buh-Mann geraten. Wenn er öffentlich über das sich selbst gegebene Stichwort „deutsche Leitkultur“ räsoniert und Anschauungen kundtut, die in der Union zu den unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten zählten, dabei aber einen Sturm der Entrüstung in den Medien auslöst, auch dann lassen sie ihn, den Unerschrockenen, allein. Und raunen, händeringend: Wie kann er nur – jetzt und überhaupt?

WAS FÜR EIN WERKZEUG IST MERZ FÜR DIE CDU?

Im Lauf der Jahre geht er den wirklich Mächtigen in der Union mit dieser Art gehörig auf den Wecker. Immer wieder stört er die Kreise der Taktierer. Aber in der Partei, an der Basis und bei den Parteitagsdelegierten, kommt er prächtig an. Ob 2001 oder 2003: Seine Reden waren die eigentlichen Höhepunkte der vergangenen beiden Parteitage. Angela Merkel, ihre Kopfpauschalen – das nimmt die Parteibasis so hin. Die Gesundheitspolitik allerdings eher unlustig, weil diese nun einmal das Projekt der Vorsitzenden ist. In Wallung, Aufbruchstimmung, Siegesmut versetzt sie hingegen immer eher Merz: Ob er nun gegen die rot-grüne „Chaoten- Truppe“ holzt, oder für seine Bierdeckel-Steuerpläne wirbt. Aber seine Wirkung geht weit über die eines bloßen Stimmungspolitikers, der die wahre Mitte der Partei kennt und sie auch verkörpert, hinaus. Er befriedigt zugleich das Bedürfnis nach einem alten, fast verloren gegangenen Markenzeichen der Union: Kompetenz in der Sache und programmatische Solidität.

WAS WILL FRIEDRICH MERZ IN DER CDU NOCH WERDEN?

Die Feindschaft zwischen Merz und Merkel ist kein Geheimnis. Dass er sich für den Besseren hält, darf man getrost voraussetzen, was die Sache kaum einfacher macht. Auch nicht, dass er als ein Guter anerkannt werden will, dass er darauf fixiert ist, stets auf gleicher, auf höchster Augenhöhe respektiert zu werden. Dies war sein Anspruch, als er noch die Opposition anführte, gegenüber dem Kanzler; ähnlich verquer verhält es sich heute mit Blick auf seine Parteivorsitzende. Einfacher, seine Rolle in der Führung der Union zu sichern, gar auszubauen, macht es das nicht. Taktisch gedacht. So denkt er aber nicht. Und Angela Merkel? Sie schon. Und wird es sich deshalb kaum leisten können, im Fall der Fälle auf diese Kompetenz zu verzichten.

Seine Entbehrlichkeit kann Friedrich Merz nur selbst besorgen. Wozu er, der Geradeauspolitiker, ja erwiesenermaßen das Talent hat. Er muss nur weiterhin jenes Gesetz der politischen Geometrie ignorieren, das besagt, die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist in den seltensten Fällen eine Strecke.

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