Zeitung Heute : Wer ist Gerhard Richter?

Nicola Kuhn Christina Tilmann

WAS IST DAS BESONDERE AN GERHARD RICHTERS KUNST?

„Picasso des 21. Jahrhunderts“, hat der „Guardian“ Gerhard Richter genannt. Das ist etwas hochgegriffen zwar, für ein Jahrhundert, das gerade vier Jahre alt ist. Zumal Richter sein Hauptwerk schon hinter sich gehabt haben dürfte, als er in das neue Jahrhundert eintrat. Aber, der Vergleich mit Picasso ist nicht falsch. Richter ist ein Erfinder der Malerei, wie Picasso. Ein Chamäleon, das die Stile wechselt, ein Zauberer, der alle zehn Jahre noch einmal von vorn zu beginnen scheint. Davon gibt es in jedem Jahrhundert nur wenige Künstler.

Als „Konzeptkünstler, der die Malerei benutzt, um Fragen der Kunst wie Fragen der Zeit zu erörtern“, hat der Kurator Pontus Hulten Richter einmal bezeichnet. Sein Werk umfasst bewusst unscharfe, auf Fotovorlagen zurückgehende Bilder wie den berühmten Treppenakt „Ema“ (1966), Farbtafeln in Form von gewerblichen Musterkarten, Stadt- und Landschaftsmotive, graue Monochromien, farbige Abstraktionen, Spiegelflächen, den umstrittenen Zyklus „Stammheim“, der 1995 ans MoMA verkauft wurde und bei dessen Gastspiel in Berlin zu sehen war, schließlich Großaufträge wie die Schwarz-Rot-Goldene Spiegelsäule im Deutschen Bundestag und, zuletzt, bunt übermalte Stadtmotive („Firenze“). Hinzu kommt der „Atlas“, 1997 veröffentlicht: eine einzigartige Motivsammlung aus tausenden von Fotos, Zeitungsbildern, Zeichnungen. Richter ist ein Rätselmaler, der bewusst mit Unschärfen und Vernebelungen arbeitet, der seinen Bildern ihr Geheimnis, ihre Aura lässt.

RICHTER GILT ALS TEUERSTER LEBENDER MALER. WARUM HAT ER ES TROTZDEM NIE ZU STARRUHM GEBRACHT?

Der amerikanische Künstler Chuck Close hat erzählt, wie er als junger Mann begeistert mit einem Gerhard-Richter- Katalog durch die New Yorker Galerien gezogen ist. Dieser wunderbare Maler, so etwas habe man noch nie gesehen, das müsse man unbedingt zeigen. Niemand wollte von Gerhard Richter etwas wissen.

Das hat sich sehr geändert: Zur großen Gerhard-Richter-Retrospektive, die zum 70. Geburtstag des Malers 2002 im New Yorker „Museum of Modern Art“ und danach in Chicago, San Francisco und Washington zu sehen war, strömten die Amerikaner in Scharen, die amerikanischen Zeitungen berichteten auf Doppelseiten.

Richter ist gefeiert, Richter ist berühmt, Richter ist teuer. Etwa 2000 Werke umfasst sein Oeuvre. Gerade ist bei Sotheby’s ein Wolkenbild für 1,8 Millionen Pfund versteigert worden. Seine „Tänzerinnen“ brachten bei einer Versteigerung 2001 den Rekordpreis von 19 Millionen Mark. Auch die „Drei Kerzen“ erzielten im gleichen Jahr mit 5,39 Millionen Dollar einen Höchstpreis. Und das Kunstmagazin „Monopol“ hat in seiner jüngsten Ausgabe die Geschichte von 250 glücklichen Goslarer Bürgern erzählt, die 1988 einen Siebdruck von Richters „Brennender Kerze“ kauften. Inzwischen wurde einer der Drucke in New York für 26400 Dollar verkauft.

Doch obwohl jeder einen Richter haben möchte – den Künstler selbst kennt fast keiner. Fast ängstlich meidet Gerhard Richter Interviews, öffentliche Auftritte, Pressetermine. Äußerungen über sein Werk hält er gern im Ungefähren: „Ich versuche immer, irgendeine Strategie zu entwickeln, dass die Bilder klüger sind als ich“, sagt der Künstler, der gern hinter sein Werk zurücktritt. Er lebt zurückgezogen mit seiner dritten Frau Sabine und den beiden Kindern Moritz und Ella Maria im Kölner Vorort Hahnwald.

ER ERHIELT GESTERN DEN KUNST– UND KULTURPREIS DER DEUTSCHEN KATHOLIKEN. WAS HAT RICHTER MIT DER KIRCHE ZU TUN?

Als Richter in diesem Sommer erklärte, „Ich bin ein Sympathisant der katholischen Kirche. Ich kann zwar nicht an Gott glauben, aber ich finde die katholische Kirche großartig“, war das Erstaunen groß. Jahrelang hatte er sich als Atheist bezeichnet, gleichwohl waren seine Bilder immer im religiösen Kontext zu sehen: Die „brennenden Kerzen“ wurden als Vanitasmotive gelesen, das Porträt seiner Frau mit Kind als Madonnenbildnis verstanden.

In den vergangenen Jahren hat sich der Maler auch der Kirche als Auftraggeber zugewandt. So sollte er für die Padre-Pio- Pilgerkirche in Apulien ein Tafelbild malen, das jedoch durch Intervention des Vatikans nie an den Ort seiner Bestimmung gelangte. Dem Papst war das Werk zu abstrakt. Zurzeit befindet sich im Atelier des Künstlers der Entwurf für ein Kirchenfenster, das ein Querschiff des Kölner Doms zieren soll. Noch steht aber die Zustimmung des Domkapitels aus. Der Auftrag war durch den Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann zustande gekommen, der damals als Kölner Künstlerseelsorger wirkte. Hofmann hielt bei der Preisverleihung in der Bonner Bundeskunsthalle auch die Laudatio. Darin war mit keinem Wort die Rede davon, dass nun ein Schäfchen endgültig in den Schoß der Kirche gefunden habe. Stattdessen lobte er die „transzendente Dimension“ von Richters Kunst. Sie reiche in eine metaphysische Sphäre hinein, die immer wieder auch religiöse Assoziationen wecke.

TAUGT DER KÜNSTLER GERHARD RICHTER ALS INTEGRATIONSFIGUR ZWISCHEN OST UND WEST?

Vor mehr als vierzig Jahren verließ der junge Richter seine Heimatstadt Dresden endgültig und zog in den Westen. Zwei Jahre zuvor hatte er auf der Documenta in Kassel die Werke der abstrakten Expressionisten gesehen und wusste seitdem, dass er sich als Maler nicht mehr anpassen wollte. Seit dem Fall der Mauer war er nur zweimal kurz wieder dort.

Erst die große Flut im Sommer 2002 „mobilisierte, was bisher wohl schlief“, wie er sagt. Spontan gab der Maler ein bedeutendes Werk von sich in eine Auktion. Mit dem Erlös in Höhe von 2,6 Millionen Euro wollte er helfen, die Sammlung Neue Meister wieder aufzubauen. Der anonyme Käufer hat übrigens das Bild mit dem Titel „Fels“ den Dresdner Museen geschenkt. Es befindet sich nun im Zentrum der drei Richter-Säle, die im August diesen Jahres im Albertinum eröffnet wurden und damit das weltweit größte Museumskonvolut mit Werken des Künstlers bilden. Nachdem die Verbindung zwischen Museum und Maler endgültig wiederhergestellt ist, darf sich das Haus Hoffnung darauf machen, dass die kostbare Leihgabe als Schenkung irgendwann ganz in Museumsbesitz übergeht.

In Dresden sieht sich Richter allerdings auch mit seiner Familiengeschichte im „Dritten Reich“ konfrontiert. Nach alten Familienaufnahmen hatte er sie schon immer gemalt, ohne die schicksalhaften Verbindungen genauer zu kennen. Insofern vereint der Künstler in seiner Person nicht nur die beiden Hälften des geteilten Deutschlands, sondern auch die historischen Zerrissenheiten. In seinem Werk konnte man sie immer schon entdecken.

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