Zeitung Heute : Wer ist Gerhard Schröder?

Stephan-Andreas Casdorff

WAS HAT DAS AMT AUS IHM GEMACHT?

Persönlich? Tja, er ist – soll nur keiner lachen – reifer geworden. Nicht, weil man ihm die Jahre im Amt ansieht. Das natürlich auch, alles alle wäre ja auch Unsinn; die Kraftlinien dieses Landes durchziehen jetzt sein Gesicht. Nein, zum Ende hin (nehmen wir mal an, dass wir jetzt den Abschied sehen), wird er der staatsmännische Typ, den er anfangs immer gespielt hat. Auch Wolfgang Schäuble, und der ist fraglos eine Richtgröße, was die Beurteilung von Kanzlern angeht, versagt ihm den Respekt nicht, auch nicht den für die Art und Weise, wie er nun abgehen will. Sagen wir so: Jetzt verdient sich Schröder die Cohiba und den Rotwein. Vor sieben Jahren war das bloß peinlich. Aber den Bruder Leichtfuß gibt es nicht mehr. Auch den nicht, der doch so gerne sein wollte wie Bill Clinton. Charming, das geht ja noch an, aber so schnell, flexibel und charismatisch wie der damalige US-Präsident wirkte Schröder nie.

IST ER ZU STUR ODER IST ER WIRKLICH SICHER, DASS SEIN WEG DER RICHTIGE IST, OBWOHL MANCHES DAGEGEN SPRICHT? WORAN SCHEITERT SCHRÖDER?

Stur ist er, klar. Diese Sätze, die früher begannen mit „Ich will haben, dass …“ sind ja nicht nur Legende. Aber was kaum einer weiß: Der wichtigste Satz, sein Lebenssatz, der, an dem sich alles erklären lässt, lautet „Das woll’n wer doch mal sehen“. Wenn er damit ins Büro kommt, dann wissen alle: Jetzt geht’s los. So war das früher, so ist das heute immer noch. Zum Beispiel jetzt, im Blick darauf, dass Angela Merkel beliebter im Volk sein soll als er. Und das ihm, dem Kumpel-Kanzler. Obwohl… Es gibt da inzwischen so eine kleine Aura der Distanz. Im positiven wie im negativen. Wer so weit oben ist, der hat vielleicht den Überblick, aber nah dran ist er nicht mehr. Kanzler sein bedeutet immer auch – von Amts wegen schon –, von den anderen abgehoben zu sein. Helmut Kohl glaubte auch, er hätte gehört, was die Leute so denken, bei seinen Pausen auf der Autobahn auf dem Weg von Bonn nach Oggersheim. Er ist abgewählt worden.

Wer mal so weit oben ist, der glaubt irgendwann, was er sagt. Dass der Weg, den er geht, der richtige sei. Das hängt damit zusammen, dass man, wie Schröder, viel Rat eingeholt hat; das hängt aber auch damit zusammen, dass man sich irgendwann entscheiden muss. Schröder sieht das so: Ein Land lässt sich nicht regieren, wie Trainer eine Mannschaft führen, nach dem Motto „ Notfalls schmeiß ich in Minuten alles um“. Was der Kanzler, genauer: die Regierung tut, wirkt tief und weit und lang, das ist die Verantwortung. Da kann man nicht beliebig heute so und morgen so reden. So denkt Schröder.

Was dagegen spricht, das nimmt er aber schon noch auf. Autist ist er nicht. Erstens, weil die Medien es jeden Tag schreiben – und seine Frau, die Journalistin, alles liest –, zweitens, weil er die Aktenvermerke liest. (Wenn er auch findet, dass sie in der Regel nicht länger als zwanzig Seiten sein sollten. Allerdings über Europa sind es dann bis zu 300.) Der Kanzler findet, dass „Aushalten- Können“ auch hierzu gehört, also bei Hartz IV zum Beispiel, mal ein Jahr abzuwarten und dann zu sehen, dass es wirkt. Wovon er fest überzeugt ist.

Woran er scheitert? Eben daran, jedenfalls mittelbar. Schröder hat den Fehler, der zu seinem Scheitern führt, ganz am Anfang gemacht, und das zweimal. Nach der Wahl 1998 war er im ersten Moment befangen, wegen der Wucht der Verantwortung, und dann hat er diese Befangenheit mit Exaltiertheit kompensiert. Brioni und so. Das kam weder gut an, noch entsprach es ihm wirklich, obwohl er denkt, dass es auch außerhalb der Politik noch ein Leben gibt. Aber da hätte er – und das weiß er –, sagen müssen: Wir hatten 16 Jahre Kohl, jetzt ist alles anders, und es wird verdammt hart. Das und anderes müssen wir tun, gemeinsam. So eine Art Churchill-Rede. Aber das konnte er nicht – weil es mit Oskar Lafontaine nicht ging. Als der ging, war es zu spät. Ein bisschen so war es auch nach dem Wahlsieg 2002, denn vorher hatte er ja noch ganz anderes versprochen. Nach dem abgewandelten Motto: Jetzt machen wir aber mal wirklich einiges anders und vieles besser.

ALS WAS FÜR EIN KANZLER WIRD GERHARD SCHRÖDER IM NACHHINEIN GESEHEN WERDEN – UND ENTSPRICHT IHM DAS BILD DANN AUCH?

Vor früher Historisierung wird gewarnt. Nicht vergessen: Das wollen wir doch mal sehen. Also wenn der Rhein bei Kleve über die Ufer tritt, Gerhard Schröder das Rheinland und Westfalen rettet, dann … Aber im Ernst, der Mann ist erst geschlagen, wenn er besiegt ist. Wenn er sich nicht selber aufgibt. Das ist wie in Niedersachsen beim Kampf gegen Ernst Albrecht. Wenn er den nicht geschlagen hätte, dann wollte er aufhören mit der Politik. Behauptet er. Aber dann hat ihm sein Freund Reinhard Scheibe gesagt, dass er sich entscheiden muss, und da wollte er es doch wissen. Wofür hätte Schröder sich auch sonst 1963 auf den Marsch durch die Institutionen der SPD gemacht? Wie es ausgegangen ist, wissen wir: 1990 in Hannover gewonnen, 1994, 1998, die Bundestagswahlen 1998, 2002. Scheibe war übrigens dann sein Staatskanzleichef.

Das Bild, das er von sich zeichnen möchte, ist eher ein abstraktes, vielleicht wie eins von Baselitz, den er schätzt: Ein wenig verfremdet wäre es. Der Entscheider. Der Deutschland in die Moderne geführt hat. Der Prinzipienfeste. Ein Bild, beherrscht von seinem Unterkiefer, ein Sinnbild der Entschlossenheit.

Nur ist es halt nicht ganz so. Und er ist es auch nicht. Nicht, dass er ein Grübler wie Brandt wäre, aber manchmal befällt ihn die Melancholie der Einsamkeit. Schröder sucht weit öfter den Konsens, als er glauben machen möchte. Machtworte liegen ihm nicht. Diese „Konsensrunden“ und Expertengremien entsprechen schon auch seinem Wesen. Dem Gefühl, sich mehr aneignen zu müssen, sei es Wissen, sei es Stil. Auch hat er immer Schwierigkeiten gehabt, den Leuten ins Gesicht zu sagen, dass Schluss ist, Michael Steiner zum Beispiel, seinem außenpolitischen Berater, oder den Ministern Funke und Klimmt. Da leidet er „wie ein Hund“. Sagt er. Mit der Zeit wird sich alles zurechtrücken. Zum Schluss würde er größer. Das etwa ist das Bild.

WAS GESCHIEHT MIT IHM, WENN ER DIE WAHL VERLIERT – WIRD ER OHNE DIE POLITIK LEBEN KÖNNEN?

Die SPD wird sich eine ganze Weile schwer mit ihm tun, wenn, wie zu erwarten ist, ihre Werte in den Keller gehen. Zurück im „30-Prozent-Verließ“, von dem er selbst früher gesprochen hat. Aber er gehört zu ihrer stolzen Ahnengalerie. Und dass Hans-Jochen Vogel und Helmut Schmidt inzwischen doch ziemlich beeindruckt von ihm sind, zählt schon. Vor allem auch bei ihm, denn die SPD ist ihm, ja doch, wirklich wahr, „heilig“. So pathetisch sieht er das. Sie ist die Familie, die er so nie hatte. Und in ein paar Jahren, auf dem Weg zurück in die Regierung, werden sie ihm dann auf Parteitagen zujubeln. Wie Schmidt, den die SPD lange rechts liegen gelassen hat.

Ohne Politik kann er leben, er schon. Das zeigt sich in Hannover, wenn er mit Freunden zusammen ist, die keine Politiker sind, Götz von Fromberg, dessen Frau Tina. Oder mit Malern, deren Bilder ihn im Kanzleramt umgeben. Zu Hause sitzt er übrigens in seinem eigenen Raum mit Kunst und Büchern über Kunst. Und Tennis spielen kann er auch wieder mal.

Obwohl es nicht so einfach sein wird, wie er tut. Wer viele Jahrzehnte Macht hatte, der hat doch nicht die Macht, das Gefühl der Leere einfach so abzustellen. Wer immer kämpfen musste, schon als Kind „um den guten Brocken auf dem Teller“ – na, der wird aber doch wohl um neuen Sinn im Leben kämpfen können.

Was er tun wird? Heute hält er etwa 200 Vorträge im Jahr, ein paar werden es dann immer noch werden, vielleicht auch für ein bisschen Geld. Er könnte Unternehmen beraten, Türen öffnen für sie oder wieder als Rechtsanwalt arbeiten. Er hat ja mal solche Leute verteidigt, wie Horst Mahler früher einer war, mit Erfolg.

WIRD ER – GLEICH, WIE DIE WAHL AUSGEHT, – MIT SICH ZUFRIEDEN SEIN ?

Wie hat er gesagt? „Ich will den Job gut machen.“ Wenn ein anderer das bestätigen sollte, der strenge Jochen Vogel oder auch Helmut Schmidt, dann wird er zufrieden sein. Vor denen will er bestehen, vor Vogel besonders. Denn der hat mal gesagt, man wolle doch schon genauer wissen, wofür er die Macht haben will. Und Vogel, nicht zu vergessen, ist das Gewissen der Partei.

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