Zeitung Heute : Wer ist Günter Grass?

Michael Jürgs

GÜNTER GRASS WURDE MIT 17 JAHREN MITGLIED DER WAFFEN-SS. WAS HATTE IHN BIS DAHIN GEPRÄGT?

Sein Milieu oder in seinen Worten: „Ich rieche gern den Mief, aus dem ich komme.“ Kindheit in Danzig in beengten Verhältnissen im Labesweg. Zwei Zimmer, Küche, kein Bad. „Getauft geimpft gefirmt geschult / Gespielt hab ich mit Bombensplittern / Und aufgewachsen bin ich zwischen / dem Heilgen Geist und Hitlers Bild.“ Heimat von Helene und Wilhelm Grass, seinen Eltern, die im kleinen Vorort Langfuhr ein Kolonialwarengeschäft betreiben. Heimat von Günter und seiner Schwester Waltraut. Er und seine Schwester hatten je eine Ecke unter der Fensterbank für sich, mehr Platz war nicht.

Der Messdiener Günter Grass, ein aufsässiger Schüler, stets aber in Schutz genommen von seiner über alles geliebten Mutter. Sie glaubt immer an ihn, nennt ihn liebevoll Peer Gynt, weil sie früh begriffen hat, dass „ich immer dann Lügen brauchte, mit ihnen spielen musste, wenn mich die Wahrheit langweilte“. Sie, die seinen frühen Ruhm mit der „Blechtrommel“ 1959 nicht mehr erlebte, ist geprägt vom Katholizismus, den der Dichter später als eine „sehr humane Form der Existenz“ beschreibt, falls der nicht wie so oft Hand in Hand mit Intoleranz und Fanatismus daherkomme. Aus provinzieller Enge – in diesem Fall Danzig – entstand wie bekannt geografisch wie moralisch größenwahnsinniges Verbrechen, das „Tausendjährige Reich“. Günter Grass war eigenen Angaben zufolge nie ein begeisterter Hitlerjunge, las viel, darunter auch Verbotenes wie „Im Westen nichts Neues“. Grass wird 1944, knapp sechzehnjährig, vom Arbeitsdienst und der Ausbildung als Flakhelfer zur Wehrmacht eingezogen und gerät verwundet im April 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft – wie er jetzt sagte, war er ab Herbst 1944 Mitglied der Waffen-SS.

GRASS GILT IN DEUTSCHLAND ALS MORALISCHE AUTORITÄT. WAS SAGT ES ÜBER SEINEN CHARAKTER AUS, DASS ER SO LANGE SCHWIEG?

Ich werde mich hüten, den Charakter anderer Menschen zu beurteilen, weil es mir schon schwer fiele, den eigenen zu beschreiben. Wohl aber frage ich mich – damit stehe ich wohl nach diesem Bekenntnis des Nobelpreisträgers nicht allein –, warum er so lange verschwiegen hat, bei der SS gewesen zu sein. Einer, wie man ja schon lange weiß, und ein so politischer Mensch wie Grass weiß es erst recht, verbrecherischen Bande. Sein Eingeständnis hat, glaube ich, nichts mit seinem Charakter zu tun. Er sagt ja, sich endlich von der Last befreien zu müssen, sei sein Antrieb gewesen, dies nun in seinen Erinnerungen zu schreiben.

Da setzt meine Frage an. Warum erst jetzt? Niemand hätte ihn dafür verurteilt, siebzehnjährig der Verführung begeistert nachgegeben zu haben. Im Gegenteil: Sein Engagement gegen Faschisten, gegen Intoleranz, für Minderheiten, für Verfolgte wäre noch überzeugender gewesen. Was aber nun viele fassungslos macht, die ihn bewundern und achten für seine klaren politischen Aussagen (also auch mich), zumal was deutsche Schuld und deutsche Lust auf Verdrängung betrifft, beispielhaft in seinem Einsatz für den von Adenauer und der CSU als Vaterlandsverräter einst verleumdeten Emigranten Willy Brandt, ist das späte Bekenntnis. Es hätte so viele Gelegenheiten gegeben, auch dieses ja kurze Kapitel seiner Vergangenheit beim Namen zu nennen. Man stelle sich nur vor: Eine Antwort von Günter Grass auf das unsägliche Bekenntnisbuch des Republikaner-Chefs Franz Schönhuber „Ich war dabei“ – womit er die SS meinte, begeistert begrüßt von den ewig Gestrigen – hätte gelautet: ich auch. Um dann zu begründen, warum das erst recht eine Verpflichtung für ihn sei, wo auch immer seine Stimme zu erheben und das Lied der Demokratie zu singen.

WIE HAT GRASS SEINE WELTKRIEGSERFAHRUNGEN IN SEINEM LITERARISCHEN WERK VERARBEITET?

In all seinen Werken – von der frühen „Blechtrommel“, einem der drei, vier wichtigsten Romane der Nachkriegszeit, bis hin zum Spätwerk „Krebsgang“. In den „Hundejahren“, in „Katz und Maus“, ach, was soll ich alle aufzählen. Kann jeder selbst nachlesen. Oder seine Reden und Essays, beispielsweise jenen Satz über die Kleinbürger, zu denen er gehörte qua Geburt und Kindheit: „Ach, dieser Spott über Kleinbürger. Einer der erfolgreichsten Fehler in der Weimarer Republik war doch, dass die linken Parteien, dass die Sozialdemokraten und Kommunisten so lange auf dem Kleinbürgertum herumgehackt haben, bis die kleinen Leute 1933 politisch heimatlos waren und eine leichte Beute für Hitler. Denn der hat sie ernst genommen.“

Es gibt eigentlich kein einziges literarisches Werk von Günter Grass, in das er nicht seine Erfahrungen während des Dritten Reiches eingearbeitet hat. Er hat so früh wie Heinrich Böll und Wolfgang Koeppen erkannt, dass der Schoß, aus dem die Braunen krochen, auch nach 1945 noch fruchtbar war. Dass die Strukturen in Staat und Verwaltung noch bestanden, es kein Zufall war, dass man die Befreiung 1945 Kapitulation nannte, dass die ersten Jahre der Republik eher eine Demokratur als eine Demokratie waren. Eben deshalb sang er so laut das Lied der wahren Demokratie. Sogar in seiner Lyrik, die auch zum Besten gehört, was deutsche Dichter aus der verführten Generation geschrieben haben. Eines fällt mir ein, ich gebe zu, nicht zufällig, aus seinen Fundsachen für Nichtleser: „Als ich mit meinen siebzehn Jahren / und einem Kochgeschirr in der Hand / gleich jenem, mit dem meine Enkeltochter Luisa / auf Pfadfinderreise geht, am Rand / der Straße nach Spremberg stand / und Erbsen löffelte / schlug eine Granate ein: / Die Suppe verschüttet / doch ich kam / leicht angekratzt nur / und glücklich davon.“

WIE KÖNNTE SICH JETZT DIE SICHT AUF GRASS VERÄNDERN?

Wieder beginne ich mit einem Zitat des Nobelpreisträgers, der bis zu seiner wohlgesetzten Enthüllung umstrittenen, aber letztlich doch anerkannten moralischen Instanz Günter Grass: „Mein Jahrgang ist kein Verdienst, sondern eine Verpflichtung.“ Wie beschrieben, ist er dieser Verpflichtung durch sein politisches Engagement stets gerecht geworden, durch sein Auftreten für die SPD, wenn auch mitunter Zähne knirschend, durch seine Stiftungen, mit denen er zum Beispiel Roma und Sinti unterstützt, ohne große Worte darüber zu verlieren. Aber genau deshalb, weil er eben vor allem aus meiner Generation als eine Art moralische Instanz galt, eben weil so viele aus meiner Generation zuhörten, wenn er seine Stimme erhob, ist die Enttäuschung so groß, die Fassungslosigkeit fassbar. Man kann dies meinetwegen vergleichen mit der Enttäuschung aus dem wahren Leben, wenn sich eine scheinbar überlebensgroße Liebe als irdische Zweckgemeinschaft entpuppt, was nicht weiter schlimm wäre, falls man etwas anderes nie erwartet hätte.

Die Sicht auf den Literaten Günter Grass wird sich nicht verändern, wer so schreibt wie er, der bleibt. Gern empfehle ich auch an dieser Stelle allen Kritikern, die seinen Wenderoman „Weites Feld“ verrissen haben, in gebührendem Abstand diesen Roman nachzulesen und sich kritisch zu fragen, ob sie falsch lagen in ihren Urteilen und welcher der nach Grass gefeierten, angeblich so wunderbaren deutschen Wenderomane eigentlich besser war. Doch was die oft nervenden, manchmal nervigen, aber stets doch einen Anstoß gebenden politischen Mahnungen des Bürgers Grass betrifft, vor allem die Reden und Einwürfe über die nie eingestandene Schuld der Väter, die „Heil-Hitler“-gläubig dabei waren und darüber nach 1945 den Mantel des Schweigens breiteten (was übrigens letztlich der eigentliche Grund für den heute so geschmähten Aufstand einer einst jungen Generation 1967 war), gehört nunmehr auch Grass zu denen, die zu lange schwiegen. Die Begründung, warum sie es taten, hätte ihnen Günter Grass nie durchgehen lassen. „Die Geschichte, genauer, die von uns angerührte Geschichte, ist ein verstopftes Klo. Wir spülen und spülen, die Scheiße kommt dennoch hoch.“ Ein Zitat aus einer höchst lesenswerten Novelle. Sie heißt „Im Krebsgang“ und ist geschrieben von einem, der einst aus Danzig auszog, Dichter zu werden. Günter Grass.

Michael Jürgs ist Publizist in Hamburg und Verfasser des 2002 erschienenen Buches „Bürger Grass. Biografie eines deutschen Dichters“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben