Zeitung Heute : Wer ist Günther Jauch?

Barbara Sichtermann

WIE HAT JAUCH ES GESCHAFFT, DER BELIEBTESTE DEUTSCHE ZU WERDEN?

Dass jede Mutti sich Jauch als Schwiegersohn wünscht, ist doch klar. Hat man ihn erst im Haus, kann man jede Frage beantworten und wird Millionär. Aber es gibt noch andere Gründe. Alle Welt weiß, dass das Show-Business vom schönen Schein lebt, vom Zauber des „als ob“. Aber wer findet sich damit ab? Die meisten Menschen wünschen sich, dass Schein und Wesen zusammenfallen, dass die Dinge, sind, was sie sind, und die Leute meinen, was sie sagen, auch und gerade im Fernsehen. Wer will schon immerfort hinter Fassaden schauen und zwischen den Bildschirmzeilen lesen, das ist alles viel zu anstrengend. Und obwohl man ahnt, dass einem letztlich nicht viel anderes übrig bleibt, hält man doch Ausschau nach einem Zeichen der Unverfälschtheit, nach einem Wort ohne Doppelsinn, nach einer ehrlichen Haut. Und findet – im Fernsehen – Günther Jauch. Zwischen all den Harlekinen und Hasardeuren, den Schaumschlägern und Windbeuteln steht er da wie ein Fels der Authentizität in der Brandung des Hypes. Er ist vielseitig und doch immer Jauch. Er ist ein Star und doch einer von uns. Er arbeitet in diesem Medium der Vorspiegelungen und ist doch rundum echt. Ein Mann, der Vertrauen schafft und die Herzen wärmt. In Amerika wäre er Präsidentschaftskandidat.

Hier ist er immerhin der beliebteste Deutsche (dazu ist er gleich in mehreren Umfragen gekürt worden), außerdem noch der erotischste aller Männer weltweit – zumindest haben das Deutschlands Frauen bei einer Umfrage der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung entschieden. Verständlich, denn auch Erotik ist ein Feld, in dem mit Tricks und Täuschungen gearbeitet wird. Auch die Zweideutigkeiten des Sexappeals können einem von Sorgen niedergedrückten Volk zu viel werden, auch hier kann der Wunsch nach mehr Klarheit durchschlagen: Der Charme des Günther Jauch ist der des etwas linkischen Jungen von nebenan; sein schüchternes Lächeln, das einen vorstehenden Zahn entblößt, erweist ihn als Normalo, der Schönheitskorrekturen ablehnt; seine Kompetenz, die er mit Zurückhaltung paart, empfiehlt ihn als Partner in jeder Hinsicht. Gegen Jauch ist wirklich kein Kraut gewachsen. Selbst seine Fehler, hätte er denn noch andere als den erwähnten Zahn, würden sich zu Vorzügen mausern, weil sie für seine Menschlichkeit sprächen. So einer gehört geliebt – medial, emotional, erotisch. Schon deshalb, weil er es nicht darauf anlegt. Dafür ist er zu bescheiden – so jedenfalls will es sein Image.

WARUM HAT MAN AUSGERECHNET IHN FÜR DIE NACHFOLGE VON SABINE CHRISTIANSEN AUSGESUCHT?

Zunächst einmal, weil sein großer Name zieht. Sodann: Christiansens Platz hätte ein bunter Vogel wie Thomas Gottschalk trotz erwiesener Intelligenz und Schlagfertigkeit kaum einnehmen können, weil der Polit-Talk am Sonntag gefälligst vor Seriosität zu triefen hat. Jedenfalls tat er das bis jetzt, und das Konzept soll wahrscheinlich in seinen Grundzügen beibehalten werden. Jauch ist seriös in dem Sinn, dass man ihm ernste Themen anvertrauen kann. Sein CockerspanielBlick kann Tiefe gewinnen, wenn er im Stern-TV als Journalist agiert. Dieser Blick muss nicht stets so Eulenspiegel-mäßig glimmen wie bei „Wer wird Millionär?“. Andererseits wäre eine Prise Humor unter all den zum permanenten Wahlkampf entschlossenen Wichtigtuern in Christiansens Runde gar nicht schlecht. Die Moderatorin, die im Sommer 2007 aufhört, hat es mit der Seriosität ja nun fast übertrieben. Wenn sie mal lacht, dann nur aus Verlegenheit. Jauch könnte mit seiner Normalität zur Entspannung der Sendung beitragen, so käme ein Klima zustande, in dem die Teilnehmer mehr von sich preisgeben. Kürzlich saß ja sogar Harald Schmidt mit dabei und erklärte den erstaunten Würdenträgern, dass das Volk etwas gegen Konzepte hat (lautet doch der Standardvorwurf eines Ministers an den politischen Gegner: konzeptionslos!). Das könnte dafür sprechen, dass man in der Christiansen-Redaktion bereits über Auflockerungsstrategien nachdenkt. Übrigens, warum hat man nicht Schmidt selbst als neuen Moderator gewählt? Er wäre bestimmt super in dem Job. Aber das Volk! Es ist nicht nur misstrauisch gegen Konzepte, sondern auch gegen einen Moderator, dessen Markenzeichen der Hintersinn ist und der es zwänge, ständig zwischen den Bildschirmzeilen zu lesen. Bloß nicht! Schließlich haben wir Jauch.

WAS VERSPRICHT SICH JAUCH VON DEM WECHSEL?

Günther Jauch ist ein nachdenklicher Mensch. Noch ein Grund, warum er so beliebt ist. Und obwohl das Entertainment à la „Millionär“ den ganzen Einsatz verlangt, ist der Show-Mann nach Jahren des Juxes vielleicht doch ein bisschen unterfordert und bestrebt, seine Seriosität in einem anderen Kontext unter Beweis zu stellen. Wie ja ihrerseits Christiansen womöglich des Gastgebens unter hochrangigen Polit-Chargen inzwischen müde ist. Eine reizvolle Vorstellung wäre es, wenn die zwei ihre Sessel tauschten: Jauch spricht mit dem Finanzminister über die Staatsschulden und schafft es tatsächlich, das ausgewrungene Thema mit neuem Saft aufzuladen. Während Christiansen auf dem Hochstuhl zum Multiple Choice auffordert und endlich mal diejenige ist, die am Schluss die richtige Antwort weiß. Aber gut, sie geht weg und Jauch kommt. Dass er Lust hat, sich im Polit-Talk zu beweisen, kann man nachvollziehen. Dass er offenbar keine Angst vorm Scheitern hat, ehrt ihn. Im Grunde geht er einen konsequenten Schritt. Bald wird Jauch fünfzig. Vielleicht möchte er den Rest seiner Laufbahn nicht als Pausenclown ableisten. Vielleicht ist es ja überfällig, dass er die Arena wechselt und sich ein Bewährungsfeld sucht, auf dem er sich auch noch mit grauem Haar am Platze fühlen kann. Selbst wenn er die Christiansen-Position nicht auszufüllen vermag und diese Moderation früher oder später abgeben muss, wird ihn das Volk für seinen Mut, seine Gradlinigkeit, seine Einfachheit und seinen vorstehenden Zahn weiterhin lieben.

WIE POLITISCH IST JAUCH?

Als Moderator einer Polit-Talk-Runde politisch zu sein, in dem Sinn, dass man selbst engagiert ist und sich für bestimmte Ziele einsetzt – das wäre eher hinderlich. Christiansen war, als sie begann, nicht mal in dem Sinn politisch, dass ihr die Konfliktlinien in der bundesdeutschen Gesellschaft klar und deren Umsetzung in die politische Debatte vertraut gewesen wären. Sie hat das mit der Zeit gelernt, ihre Fragen wurden spontaner und wirkten nicht mehr so angelesen. Jauch traut man sofort zu, dass er bei einem politischen Thema die Parameter parat hat und die Orientierung behält – mehr ist nicht nötig. Beziehungsweise: Es ist etwas anderes nötig. Er muss die Gäste miteinander ins Gespräch bringen und dafür und dabei das Thema immer wieder variieren, zuspitzen und in den Focus zurückholen, wenn es verloren zu gehen droht. Und das kann er längst. Auch in Unterhaltungsshows wird diese Qualifikation verlangt.

Das Geheimnis des Günther Jauch, das Vertrauen der ARD in seine Eignung für den Christiansen-Posten, liegt woanders. Jauch ist, wie viele große Medienstars, eine Persönlichkeit mit offenem Profil. Das soll heißen: Es gibt Lücken in diesem Profil, die das Publikum intuitiv schließt. So wie wir alle eine Zeile, in der ein paar Buchstaben fehlen, durch spontane Ergänzungsleistung dennoch verstehen. Wir merken gar nicht, dass wir etwas leisten, wir tun es aber und eignen uns so die Bedeutung des Textes an. Bei einem Showstar mit offenem Profil tun wir ebenfalls etwas hinzu, und so entsteht eine Bindung. Wir sind selbst ein bisschen dieser Showstar. Jauch, der Normalo, bietet sich – wie übrigens in ihrer Art auch Sabine Christiansen – als Projektionsfläche dar, auf der wir Zuschauer unsere Wünsche und Ansprüche eintragen, und der wir damit einen Teil von uns selbst mitgeben. Dieser Mechanismus funktioniert umso besser, je weniger ausformuliert oder voll gemalt die Fläche schon ist, je mehr weiße Stellen oder geheimnisvolle Lücken sie aufweist. Allzu viel Belesenheit, politischer Wille oder charakterliche Kantigkeit würde bei dem Moderator von Deutschlands wichtigster politischer Talksendung nur stören. Jauch ist auch deshalb so gut geeignet für alle denkbaren Spitzenjobs im Fernsehen, weil das Publikum so viel in ihn hineinprojizieren kann. Und so bestätigt er die alte Erkenntnis, dass Fernsehen fasziniert, weil es ein Spiegel ist. Wer lange genug hineinschaut, sieht sich selbst.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben